„SCHÖPFUNGSVERANTWORTUNG“ – was wir damit meinen

Warum halten wir als Kirche Themen der Nachhaltigkeit und Ökologie für wichtig? Und was bedeutet es, wenn wir als ChristInnen in diesem Zusammenhang von „Schöpfung“ sprechen?

Der Begriff „Schöpfung“ bindet uns an die biblischen Erzählungen von der Erschaffung der Welt zurück. Auch wenn wir diese Erzählungen nicht als historischen Vorgang deuten, sagen sie uns doch Wesentliches über unsere Beziehung zur Welt, in der wir leben: Gott ist demnach der Ursprung unserer Welt mit allen belebten und unbelebten Teilen. Zu dieser Schöpfung gehören auch wir Menschen als ein Teil davon. Wir stehen in einem geschwisterlichen und gemeinschaftlichen Verhältnis zur ganzen Schöpfung, wie Papst Franziskus betont. Es steht uns daher nicht zu, unsere Mitgeschöpfe oder unbelebte Elemente, die wir als Ressourcen nutzen, beliebig auszubeuten.

Vor der finalen Erschöpfung? Wähle das Leben

von Bischof Hermann Glettler

Das weltweite Konsum- und Produktionsvolumen liegt über dem, was die Erde ökologisch verkraften kann. Wir beuten die noch vorhandenen Ressourcen aus, um den westlichen Lebensstandard auf Teufel komm raus zu prolongieren. Wirtschafts- und Finanzsysteme, die eine unstillbare Gier nach immer mehr Besitz und Kontrolle beflügeln, sind das Werk von Menschen. Die dazugehörigen ökonomischen Mechanismen schreiben die aktuellen Unrechtsverhältnisse fest. Dass wir Millionen verhungern lassen, ist einer der größten Skandale unseres Jahrhunderts. Und wir treiben mit den weltweiten Schadstoffemissionen unsere „Schwester Erde“ in die finale Erschöpfung! 

Demgegenüber braucht es effektive Gegensteuerungen und Veränderungen in unserem Lebensstil. „Leben oder Tod lege ich dir vor, Segen oder Fluch. Wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“ (Dtn 30, 15-16a) Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist in der Heiligen Schrift verankert. Wir tragen Mitverantwortung für das gegenwärtige und zukünftige Schicksal unserer globalisierten Welt. Die Welt befindet sich in einer Schieflage, was die angemessene Verteilung von Gütern und Lebenschancen betrifft. Das können wir nicht ausschließlich auf scheinbar nicht zu ändernde Strukturen abschieben. Unsere Verantwortung liegt darin, die Schöpfung zu achten und zu bewahren, auch für künftige Generationen. Ausreden zählen nicht mehr! Politik, Unternehmen und Konsumenten sind hier die bedeutenden gesellschaftlichen Akteure. Aber auch die Aufgaben für die christlichen Kirchen sind vielfältig: von der Förderung einer Schöpfungs-spiritualität bis zu Empfehlungen für eine ethisch verantwortbare Vermögensveranlagung. 

„Gelobt seist du, mein Herr.“ Im Lobgesang des heiligen Franziskus von Assisi steht die Erinnerung, dass unser gemeinsames Haus wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“ (Papst Franziskus, LAUDATO SI’) Lassen wir uns von der Herzens-Intention Gottes leiten: Aus Liebe hat er die Welt geschaffen und sie unserer Achtsamkeit übergeben. Wir sind verantwortlich!

Wie wir anfangen können: sehen - urteilen - handeln

Der Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ wurde in der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) entwickelt und findet auch in der Pastoraltheologie breite Anwendung. Auch für Fragen der Schöpfungsverantwortung erscheint er als geeigneter Zugang, um vom Sehen zum Tun zu kommen. 

SEHEN - Urteilen - Handeln

Sehen meint, eine Situation kritisch und offen in möglichst vielen Facetten wahrzunehmen. Austausch und Reflexion können eine Vertiefung des Sehens bewirken.

In diesem Schritt können wir uns fragen:

  • Woher kommt unsere Nahrung und wie wird sie hergestellt?
  • Worauf achten wir beim Einkaufen?
  • Woher kommt unsere Kleidung?
  • Wie wichtig ist das Auto?
  • Wie viel Strom verbrauchen wir in Haushalt und Büro?
  • Wie viel Müll entsteht in unserem Alltag zu Hause und bei der Arbeit?
  • Welche Informationen brauchen wir noch, damit wir besser einschätzen können, was unser Lebensstil für unsere Welt bedeutet?

Sehen - URTEILEN - Handeln

Urteilen bedeutet, darüber nachzudenken, wie das Gesehene zu den Visionen passt, die wir von einer lebenswerten Welt und einem gelingenden Zusammenleben haben. Gibt es große Differenzen? Wo liegen sie genau? Vielleicht ist es im Rahmen dieses Schrittes auch notwendig, Ideen zu entwickeln, die der Vision ein ganz konkretes Gesicht geben.

Wenn wir eine Vision entwickeln, gibt es dazu Orientierung in der Bibel und der Tradition:

  • Das biblische Bild des Menschen zeichnet ihn als ein Wesen, das Gott dazu bestimmt, die Erde zu „bebauen“ und zu „hüten“ (Gen 2). Der Mensch ist in die Schöpfung gestellt als Gottes „Verwalter“. Er ist ein Geschöpf unter vielen anderen. In diesem Sinn soll er verantwortlich handeln.
  • Auch Papst Franziskus betont im Rundschreiben „Laudato Si`“, dass alle Geschöpfe, die von ein und demselben Vater erschaffen worden sind, eine „Art universale Familie“ bilden. Dieser Zugang ist ein wichtiger Grundpfeiler für den Respekt, den wir unseren Mitgeschöpfen schulden (LS 89).
  • Die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes des 2. Vatikanischen Konzils hält fest, dass die Kirche die Pflicht hat „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (GS 4). Diese Aufgabe bedeutet für uns, auf Themen zu achten, die in der Gesellschaft, der Politik oder allgemein der Welt von Bedeutung sind. So ist es aus dieser Grundhaltung des „Forschens“ nach den „Zeichen der Zeit“ zum Beispiel nötig, auch extreme Wetterphänomene, die Menschen ihre Lebensgrundlage rauben, als „unser“ kirchliches Thema wahrzunehmen.

Sehen - Urteilen - HANDELN

Das Handeln ergibt sich aus den ersten beiden Schritten. Es ist zum Beispiel wichtig, im Sehen festgestellt zu haben, wer für mich ein Partner oder eine Partnerin auf dem Weg sein kann. Wenn auch geklärt ist, wohin dieser Weg führen soll, wird eine Handlung möglich, die auf ein klares Ziel ausgerichtet ist, selbst wenn sie das „große Ziel“, das in der Vision steckt, vielleicht noch nicht (ganz) erreicht.

Dieses Handeln kann unglaublich vielfältig sein und auf verschiedenen Ebenen stattfinden:

  • Im eigenen Haushalt/in der Familie, wo z.B. Müll vermieden und regionale Lebensmittel eingekauft werden.
  • Bei der Arbeit, wo darauf geachtet wird, dass nicht unnötig Strom, Papier und andere Ressourcen eingesetzt werden.
  • Am Arbeitsweg, der vielleicht nicht mit dem Auto zurückgelegt wird. – Die Aktion „Autofasten“ wäre ein Anlass, Alternativen auszuprobieren.
  • In der Pfarrgemeinde, die beim Pfarrfest ein Geschirrservice nutzt und beim Einkauf auf Regionalität und Nachhaltigkeit achtet.
  • In regionalen und überregionalen Initiativen, die auch politisch etwas in Richtung eines nachhaltigen Lebensstils in Bewegung setzen.
  • Auf staatlicher Ebene, indem z.B. dem realen Verbrauch von Ressourcen (wie  sauberer Luft und Wasser) auch reale Kosten in Form von Steuern entgegengesetzt werden.
  • Auf zwischenstaatlicher und internationaler Ebene bei der Behandlung aller Themen, die letztendlich gemeinsam bearbeitet und gelöst werden müssen (z.B. Klimakonferenzen).

Diözese Innsbruck präsentiert Nachhaltigkeitsstrategie

Im Rahmen einer Pressekonferenz im Haus der Begegnung hat die Diözese Innsbruck am 24. Mai ihre Nachhaltigkeitsstrategie präsentiert. Darin verpflichtet sie sich unter anderem zu einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen, zum Einsatz erneuerbarer Energie, zum Wareneinkauf nach ökologischen und sozialen Kriterien u.v.m. Im Video sehen Sie das Statement von Bischof Hermann Glettler bei der Pressekonferenz.

Die Selbstverpflichtung

Ausschnitt aus der Nachhaltigkeitsstrategie der Diözese Innsbruck

Die Selbstverpflichtung vor dem Hintergrund der Enzyklika „Laudato si' (Mai 2015) von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus und den Beschlüssen der Bischofskonferenz zur „Weltweiten Sorge für das gemeinsame Haus" im Herbst 2015 lässt die Diözese Innsbruck handeln: Wir sind berufen, Beschützerinnen und Beschützer des Werkes Gottes zu sein und wollen dafür praktische Handlungsfelder benennen, „denn dieser Auftrag ist nicht etwas Fakultatives, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen Erfahrung“ (LS 217).

Wir – die haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen der Diözese mit unserem Bischof und der Diözesanleitung, den Priestern und Diakonen – tun dies in den folgenden Handlungsfeldern: Sparsamer Einsatz und effiziente Nutzung von erneuerbarer Energie

  •  Ökologisch und fair: Beschaffung und Ökonomie
  • Aus- und Weiterbildung 
  • Abfall, Emissionen und Abwasser
  • Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit 
  • Lebensraum und Lebensstil 
  • Mobilität 
  • Wohl der MitarbeiterInnen

Diese Nachhaltigkeitsstrategie gilt als Selbstverpflichtung für die kirchlichen Einrichtungen der Diözese Innsbruck (diözesane Ämter, Gebäude und Betriebe, in einem weiteren Schritt die Pfarren/Seelsorgeräume), alle diözesanen Veranstaltungen (Vorträge, Seminare, Ausflüge, Agapen,

Sitzungen, Feste,…) und ist bei der Auftragsvergabe an Fremdfirmen zu berücksichtigen (Druckwerke, Sanierungen, Neubauten, andere externe Dienstleitungen…).

Klimabündnis

Mit dem Beitritt zum Klimabündnis Tirol nimmt die Diözese Innsbruck eine Vorbildwirkung in Fragen des Klimaschutzes ein.

Mit der Präsentation der Nachhaltigkeitsstrategie trat die Diözese Innsbruck m 24. Mai auch dem Klimabündnis Tirol bei. Diese Organisation setzt sich für eine klimagerechte Welt ein. Herzstück des Vereins ist eine Partnerschaft mit indigenen Organisationen im Amazonas-Gebiet in Brasilien. Gemeinsames Ziel dabei ist der Schutz des Regenwaldes und die Stärkung der Rechte von indigenen Menschen. Mit dem Beitritt zum Klimabündnis Tirol wird die Diözese Innsbruck Teil dieser Partnerschaft und leistet damit einen Beitrag für eine klimagerechtere Welt.

Gleichzeitig setzt das Klimabündnis in Tirol lokale Klimaschutzprojekte um. Mit seinen Partnern – dem Land Tirol, 72 Gemeinden, 23 Schulen, 12 Betrieben und jetzt auch der Diözese Innsbruck – wird Bewusstsein für einen nachhaltigen Lebensstil geschaffen: umweltfreundliche Mobilität, regionaler Konsum und verantwortungsbewusster Umgang mit Ressourcen stehen dabei im Mittelpunkt. Langfristiges Ziel ist die Reduktion von Treibhausgasen und damit ein Beitrag zur Strategie des Landes Tirol2050 energieautonom. 

Projekte wie der Tiroler Fahrradwettbewerb machen Lust auf umweltfreundliche Mobilität und steigern gleichzeitig die Lebensqualität im Land. Green Events Tirol stehen für eine nachhaltige Veranstaltungskultur: Feiern gerne, aber mit Verantwortung für uns und unsere Umwelt. DoppelPlus setzt sich für Menschen in einkommensschwachen Haushalten ein und leistet so einen Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit im Land. Diese und viele weitere Projekte werden vom Klimabündnis Tirol koordiniert und von den Mitgliedern des Vereins an die Menschen herangetragen. Die Diözese Innsbruck nimmt damit eine Vorbildwirkung in Fragen des Klimaschutzes ein.

www.klimabuendnis.at 

einer guten Zukunft wachsen helfen

Konkrete Beispiele für nachhaltiges Handeln aus der Pfarre Fiecht

Nachhaltigkeit, dieses Wort ist jedem von uns ein Begriff und doch ist es oft nicht einfach dieses hohe Ideal zu erreichen. Ich habe in den letzten Tagen, seit ich gebeten wurde ein paar Zeilen zu diesem Thema zu Papier zu bringen, wieder bewusster über dieses Thema nachgedacht.

Im Privaten versuche ich regionale Bioprodukte zu kaufen, Strom zu sparen, mein Auto nicht unnötig zu benützen, meinen Konsum unnötiger Güter einzuschränken, Müll zu trennen und Müll zu vermeiden. All diese Bemühungen setzen wir auch in der Arbeit in unserer Pfarre fort. Viele Kunden unseres Adventbasars bringen zum Beispiel ihre Strohkränze und Plastikringe zurück, so können wir diese im nächsten Jahr wieder mit frischem Tannengrün bestücken.

Wir unterstützen auch die Aktion Familienfasttag mit unserem Suppensonntag und konnten so vielen Projekten der KFB in verschiedenen Ländern über Jahre und auch zukünftig ihren Fortbestand sichern.

Nachhaltigkeit bedeutet für mich auch mit offenen Augen durch das Leben zu gehen, uns gegenseitig zu helfen, zu unterstützen und anzunehmen. Besonders im gemeinsamen Tragen der Verantwortung für alle Belange unserer Pfarrgemeinde darf ich dies immer wieder erfahren. Alle Entscheidungen, die wir treffen, können nachwirken, im negativen wie im positiven Sinn. Deshalb versuchen wir alle die richtigen Wege einzuschlagen und das erfordert einen langen Atem und den wünsche ich mir und euch von ganzem Herzen.

Dagmar Fleischanderl 

Obfrau PGR Fiecht