tired? lost? displaced?

Kunst in drei Kirchen der Innsbrucker Innenstadt in der Fastenzeit

In der Fastenzeit werden in drei Innsbrucker Kirchen Kunstwerke gezeigt. Diese wurden am Dienstag, 1. März 2022, vorab gezeigt. Im Rahmen eines Presseparcours präsentierten Bischof Hermann Glettler, Bischofsvikar Jakob Bürgler, Propst Florian Huber sowie KünstlerInnen die ortsspezifischen Kunstinterventionen. Alle Kunstwerke werden im Rahmen von Gottesdiensten am Aschermittwoch offiziell vorgestellt.

 

Universitätskirche St. Johannes: „tired?“ 

In der Neuen Universitätskirche am Innrain stellte Bischof Hermann Glettler eine Fotoinstallation als temporäres Altarbild von Carmen Brucic vor. Es handelt sich um die erste derartige Kunstintervention in dieser Kirche. Die Künstlerin zeigt in „tired?“ den georgischen Aktivisten und Künstler David Apakidze. Für den Innsbrucker Bischof steht es gleichzeitig für Erschöpfung und Wiederstand: „Das ist eine Ambivalenz, die für uns interessant war. Der Arm formt gewissermaßen ein ,V‘ wie für ,victory‘. Insofern ist das ein ganz starkes Fasten- und Ostersymbol!“

  

Kirche im Herzen der Stadt – Spitalskirche Innsbruck: „lost?“ 

Eine großformatige Grafik auf Papier von Klaus Giesriegl dient als Fastentuch in der Kirche im Herzen der Stadt. Als Vorbild diente dem Künstler ein Pressefoto von der Grenze zwischen Polen und Weißrussland. „Ein Turnschuh am Stacheldraht gegen unsere Ohnmacht“, beschreibt Giesriegl sein Werk „lost?“. Der Kirchenrektor Bischofsvikar Jakob Bürgler weist auf die Position des Bildes hin: „Das Bild an der Decke zeigt Moses mit den zehn Geboten und das goldene Kalb. Daraus ergeben sich die Fragen: Was sind die Werte, die uns leiten? Auf welchen Altären opfern wir?“ Dies sei nicht moralisierend, sondern orientierend erklärt Bürgler, der auch auf die Parallele zum Volk Israel als Volk von Fremden hinweist.

 

Dom zu St. Jakob: MARIAHILF – displaced? 

Seit 2001 zeigt der Kirchenraum im Dom Kunst in der Fastenzeit. In diesem Jahr fällt dabei zuerst das „Fehlen“ eines wichtigen Bestandteils auf: An der Stelle des Mariahilf-Bildes von Lucas Cranach klafft ein Loch im Hochaltar. Diesem Bild kommt man dafür so nahe, wie es seit über 300 Jahren im Dom nicht mehr möglich war. Es steht nun am Philipp-Neri-Seitenaltar. Daneben sind mehrere grafisch-malerische Annäherungen an das Bild von Michael Hedwig zu sehen. Diese hat der Osttiroler Künstler entworfen, als er am Fastentuch arbeitete, das 2010 und 2011 im Innsbrucker Dom zu sehen war. Dieses Fastentuch ist heuer zum dritten Mal in der Wiener Michaelerkirche zu sehen. Dazu kommen 30 Bände Gebetserhörungen.

 

Diese Gebetserhörungen, die Grundlage einer Dissertation sind, waren die Grundidee für „MARIAHILF – displaced?“, wie Propst Florian Huber erklärt: „In einem Nebensatz der Dissertation wird erwähnt, dass die Wallfahrtsbewegung mit der Weihe dieser Kirche ein Ende gefunden hat, weil das Bild davor sehr nahe war und dann nicht mehr.“ Diese Nähe wird nun für die Fastenzeit wieder ermöglicht, die Leere am Hochaltar dafür bewusst sichtbar gelassen.

Fotos: Cincelli/dibk.at

tired?

Universitätskirche St. Johannes am Innrain Großformatige Fotoinstallation als temporäres Altarbild von Carmen Brucic

Die Fotoinstallation zeigt ein Bild aus der Serie „Private Stages“, realisiert für eine Ausstellung im Rahmen des Tbilisi Photo Festivals in Georgien 2021. Dort hat Carmen Brucic fünf AktivistInnen porträtiert, die Teil der dortigen „Rave Revolution“ sind und sich mit Tanz, Performance und anderen kreativen Ausdrucksformen für Freiheit und soziale Gerechtigkeit engagieren. Abgebildet ist David Apakidze, 23 Jahre alt, Künstler, Kurator und Aktivist. Er ist Halb-Georgier und Halb-Ukrainer, ein Teil seiner Familie ist derzeit in Kiev. Die international renommierte Fotokünstlerin stellt mit diesem temporären Altarbild Fragen nach dem Erschöpfungszustand unserer Gesellschaft, nach Formen des Widerstands zur Rückgewinnung menschlicher Freiheit und Selbstwirksamkeit. Ebenso fragt sich nach der spirituellen Energie für gesellschaftliche und politische Veränderungsprozesse.

Carmen Brucic hat mit der Installation in der barocken St. Johannes Nepomuk Kirche einen persönlichen, fast intimen Raum geschaffen, der zur Betrachtung und Selbstbefragung einlädt.

 

Technische Daten: Digitalprint auf Stoff, 300 x 450 cm, Unterkonstruktion für Barockaltar, spezielle Lichtinszenierung mit Spot von Orgelempore.

 

Carmen Brucic 

1972 in Gnadenwald geboren, lebt und arbeitet in Tirol und Wien.
Von 1991-97 Studium an der Angewandten und anschließend Besuch der Klasse für Neue Medien an der Akademie der Bildenden Künste in Wien.
Seit 2001 entwickelt Carmen Brucic künstlerisch wissenschaftliche Formate, in der es ihr vor allem um die Wahrnehmung menschlicher Verwundbarkeit geht.
Eine Verbindung zwischen Theater, Fotografie, Inszenierung, performativer Intervention mit dem Fokus auf partizipative, prozessorientierte Abläufe prägen ihr Schaffen.
Carmen Brucics künstlerische Arbeiten wurden bisher in Österreich, Slowenien, Deutschland, der Schweiz, Belgien, Mexiko, sowie in den USA gezeigt. 

Mehr Informationen: www.carmenbrucic.net

lost?

Kirche im Herzen der Stadt – Innsbrucker Spitalskirche – Großformatige Grafik auf Papier als Fastentuch von Klaus Giesriegl

Die Vorlage für das Fastentuch mit dem Titel „Lost“ ist ein Pressefoto des belarussischen Fotografen Viktor Tolochko. Eines von den vielen Pressebildern, die von der menschlichen Tragödie berichten, die sich an der Grenze zwischen Polen und Weissrussland abspielt.

Das Bild zeigt einen Turnschuh, der an einem Stacheldrahtzaun hängt. Ein Stacheldrahtzaun, der im Herbst 2021 zwischen Polen und Belarus aufgestellt wurde.

Dieses Foto wurde von Klaus Giesriegl in eine Zeichnung mittels Tusche und dünner japanischer Feder in der Technik des „scribbeling“ übertragen.

 

Der Turnschuh steht als Zeichen der Verlorenheit der Menschen. Er ist gleichzeitig Zeichen der eigenen humanitären Verlorenheit, in dieser Situation untätig zusehen zu „müssen“. Der Stacheldraht ist für die Flüchtlinge dort die harte Realität, der sie vor ihrer neuen – vielleicht einzigen – Lebensperspektive trennt.

Die Tuschezeichnung (Format 144 x 108 cm) ist auf einer Papierbahn aufgebracht, die insgesamt eine Dimension von 144 x 504 cm einnimmt. Oberhalb und unterhalb der Zeichnung ist Holzasche auf das Papier aufgetragen. Diese nimmt den restlichen Raum des insgesamt fünf Meter hohen Bildes ein.

 

Als Leitmotiv diente ein von Klaus Giesriegl selbst verfasstes Haiku:

In der Nähe scharf 

Zieht der Draht Lebensgrenzen, 

verschwimmt fern im Dunst.

 

Klaus Giesriegl 

1960 geboren in Innsbruck

1999–2008 Studium Musik- und Klavierpädagogik am Mozarteum (Abschluss als Mag.art)

1997 bis heute: Unterrichtstätigkeit

Klaus Giesriegl ist seit 1976 künstlerisch tätig. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Hall in Tirol

Mehr Informationen:www.giesriegl.art

MARIAHILF – displaced?

Dom zu St. Jakob

Eine prachtvolle Rahmung im Hochaltar, der sog. Silberaltar, ist sichtbar, aber ohne das Zentrum, das Original-Mariahilf-Bild von Lucas Cranach. Damit erscheint eine große Leerstelle – Sinnbild für den Verlust der Mitte christlichen Glaubens? 

Zugleich wird das berühmte Mariahilfbild, dessen kunsthistorische und spirituelle Wirkungsgeschichte kaum zu erfassen ist, auf dem Philipp-Neri-Altar gezeigt – in einer physischen Bildnähe, in der es in St. Jakob seit mehr als drei Jahrhunderten nicht mehr erlebbar war.

 

Zusätzlich: Präsentation von „Maria hat geholfen!“, 30 Bände von Gebetserhörungen aus der Zeit vor dem Neubau der Stadtpfarrkirche St. Jakob. Sie sind die Grundlage für eine aktuell erschienene Untersuchung von Aurelia Benedikt. Gebet und erfahrene wunderbare Erhörungen – nur eine Sache für das Archiv und somit aktuell deplatziert? Oder gerade angesichts der aktuellen

 

Zu sehen sind im Dom mehrere grafisch-malerische Annäherungen von Michael Hedwig an das Mariahilfbild, entstanden 2008-2009 als Einstimmung auf die Arbeit am großen Fastentuch, das damals auch das Gnadenbild verhängt hat. 

 

Über den Künstler Michael Hedwig: 

Michael Hedwig wurde 1957 in Lienz geboren. Er lebt seit 1974 in Wien und ist mit der rumänischen Künstlerin Simina Badea verheiratet.

1974 bis 1980: Studium der Malerei, Meisterschule Lehmden, an der Akademie der bildenden Künste Wien.

Lehrender an der Akademie der Bildenden Künste Wien seit 1985, seit 2004 Assistenzprofessor, Institut für Bildende Kunst, Leiter der Tiefdruckwerkstatt

Seit 1988 ist er Mitglied der Tiroler Künstlerschaft.

 

Für Kirchenräume hat er wiederholt Kunstwerke geschaffen. Für den Innsbrucker Dom zuletzt für 2010 und 2011 ein großes Fastentuch in den Maßen von 7x11 Metern.

Mehr Informationen:www.hedwig.at

Gottesdienste und Präsentation der Kunstinterventionen

Aschermittwoch, 2. März 2022

Aschenkreuz zu Mittag in der Kirche im Herzen der Stadt – Spitalskirche Innsbruck 

Zur Mittagszeit lädt die Kirche im Herzen der Stadt um 12.15 Uhr zum Gottesdienst mit Empfang des Aschenkreuzes ein. Zelebrant ist Bischofsvikar Jakob Bürgler. Musikalisch gestaltet Gabriel Steiner den Gottesdienst an der Orgel.

 

Aschermittwoch der Künstler und Kunstinteressierten im Dom zu St. Jakob 

Die Dompfarre St. Jakob und der Arbeitskreis KUNSTRAUM KIRCHE laden um 19 Uhr zum Wortgottesdienst und zum Empfang des Aschenkreuzes ein. Zelebrant ist Propst Florian Huber. Musikalische Gestaltung: Musik für Violoncello (Anna Tausch) und Orgel mit zwei Uraufführungen (Komponist Domorganist Albert Knapp). Anschließend Einladung zu Suppe und Tee im Rahmen der Fastenaktion der Katholischen Frauenbewegung in den Pfarrsaal, Domplatz 7.

 

Start der Universitätspfarre in die Fastenzeit in der neuen Universitätskirche 

Die Universitätspfarre lädt ebenfalls um 19 Uhr zur Eucharistiefeier und Empfang des Aschenkreuzes in die Universitätskirche St. Johannes am Innrain ein. Zelebrant ist Bischof Hermann Glettler. Er wird im Rahmen der Predigt auch die Fotoinstallation von Carmen Brucic vorstellen. Für die musikalische Gestaltung sind Irene Jordan und Harald Oberlechner mit zeitgenössischer Musik verantwortlich.

Überblick durch Bischof

In einem Video gibt Bischof Hermann Einblick in die Kunstinstallationen.