Was ist los auf Lesbos? Wie kann man helfen?

Eine Orientierungshilfe zum Flüchtlingselend auf Lesbos von Bischof Hermann Glettler.

Das Flüchtlingselend auf der Insel Lesbos lässt niemanden mehr kalt. Die erschreckenden Bilder und erschütternden Berichte erreichen viele Menschen. Die Antwort darauf ist eine enorme Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sowie eine Welle der Empathie und Empörung über dieses himmelschreiende Elend. Es gibt aber auch Stimmen, die vor Übertreibungen warnen und die restriktive Haltung der österreichischen Bundesregierung verteidigen.

Anfang Dezember hat Innsbrucks Bischof Hermann Glettler mit einer kleinen Delegation das Flüchtlingslager auf Lesbos besucht und mittlerweile mehrmals in der Öffentlichkeit darauf hingewiesen, dass beides dringend notwendig ist: eine effektive Hilfe für die Menschen in den griechischen Lagern und zugleich eine, wenn auch nur teilweise, Evakuierung des Lagers.

Viele Fragen erreichen in diesen Tagen die Kommunikationsabteilung der Diözese Innsbruck und das Büro von Bischof Hermann Glettler. Dieser versucht im Folgenden Antworten auf häufig gestellte Fragen geben. Diese werden laufend aktualisiert, um möglichst gut die aktuelle Situation abzubilden und all jenen Unterstützung zu bieten, die sich selbst politisch oder mit einer konkreten Hilfsmaßnahme engagieren möchten. Der Bischof ist bemüht, aus seiner Perspektive eine Orientierung zu geben.

 

FAQs zur Lage auf LESBOS

Stand 17. Jänner 2021 | Die Informationen werden laufend aktualisiert und ergänzt.

 

1. Was ist die wirkliche Situation auf Lesbos?  

Die Bilder, die wir regelmäßig sehen, zeigen lebensbedrohliche Verhältnisse, auch wenn man sich vor Ort bemüht, die Lage für die Betroffenen zu entschärfen. Ganz einfach: Das Notlager Kara Tepe II, in dem sich aktuell 7.500 Personen befinden, ist nicht für einen längeren Aufenthalt geeignet und entspricht in keinster Weise den internationalen und europäischen Standards eines Flüchtlingscamps. Es ist nicht wetter- und schon gar nicht winterfest zu bekommen. Aktuell (17. Jänner) sinken dort die Temperaturen in der Nacht bis zum Nullpunkt. Nicht zu unterschätzen sind die extrem kalten Winde direkt am Meer – und die Feuchtigkeit in den Zelten.

Kara Tepe II wurde nach dem Brand von Moria (der Name bezeichnet ein Gebiet auf der Insel, wo sich das erste große Lager befand) als Notlager gebaut. Mit welcher Absicht sollen Menschen in diesem Lager festgehalten werden? Nach jeder Katastrophe weltweit werden die provisorischen Notlager so rasch wie möglich zu räumen. Auf Lesbos ist das scheinbar anders. Notlager sind keine zumutbaren Orte für ein menschenwürdiges Leben. Bestimmt ein Drittel der Personen im Lager hat schon einen positiven Asylbescheid. Was spricht dagegen, sie rasch auf die Mitgliedsstaaten in Europa zu verteilen – einige Staaten haben ja damit begonnen. Solche Programme der humanitären Aufteilung und Aufnahme hat es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben und sind ein lebendiges Zeichen europäischer Solidarität und Zusammenarbeit. Österreich wird sich hoffentlich bald anschließen. Angesichts einer humanitären Notlage verpflichten uns die Menschenrechte zu einem raschen Handeln.

 

2. Reicht eine „Hilfe vor Ort" nicht aus?

Die sogenannte „Hilfe vor Ort“ sollte nicht gegen eine Evakuierung des Lagers ausgespielt werden. Beides ist notwendig! Das eine gegen das andere auszuspielen, kann angesichts der prekären Verhältnisse vor Ort bald einmal zynisch werden. Jede Hilfe vor Ort ist notwendig, um das Überleben der Menschen zu sichern und – neben den körperlichen Strapazen – vor allem auch die psychischen Belastungen abzufangen. Dass viele Kinder und Erwachsene nach den lebensgefährlichen Fluchtwegen und gefangen in der aktuellen Perspektivenlosigkeit an Traumatisierungen und psychischen Erkrankungen leiden, ist eine bittere Tatsache. Es sind auch mehrere NGOs im Lager tätig, die mit hohem Engagement – und teilweise auch mit Spendengeldern finanziert – die griechischen Behörden bei der Versorgung der Menschen unterstützen. Wenn nun auch SOS-Kinderdorf auf Lesbos aktiv wird, ist das ein Tropfen auf den heißen Stein; wenngleich es ein wichtiges Signal ist! Dennoch bleibt es ein untragbarer Skandal, dass diese Kinder nach der Tagesbetreuung wieder in das Nass, in die Kälte und den unvermeidbaren Schmutz der notdürftigen Unterkünfte zurück müssen und die Verzweiflung und die Not ihrer Eltern erleben müssen. Etwa ein Drittel der Personen im Lager sind Kinder! Ihre Lebensbedingungen im Lager verstoßen oft gegen die UN-Kinderrechtskonvention.Noch ein Wort zum wiederholt gehörten Vorwurf, dass in den Sozialen Medien nur Katastrophenbilder geteilt würden und die Realität nicht ganz so schlimm sei. Das mag in einigen wenigen Aspekten stimmen. Mir persönlich missfällt generell eine Meinungsbildung mit drastischen (übertriebenen?) Katastrophenbildern und dennoch brauchen wir sie, um uns aus der Gleichgültigkeit aufzuwecken. Aber tatsächlich reichen die „normalen“ Bilder und Zustände in Kara Tepe aus, um Alarm zu schlagen. Nichts zu tun, geht nicht. Auch der für Lesbos zuständige Abgesandte der Europäischen Kommission plädiert für eine Teilevakuierung des Lagers, um vor Ort zumindest eine Entlastung des Systems zu bewirken. 

 

3. Es gibt so viel Elend auf der Welt. Warum sich nur um Lesbos kümmern? 

Bei dieser Frage schwingt die wichtige Sorge mit, ob sich nicht mit dem Verschwinden der öffentlichen Aufmerksamkeit (inkl. Social Medias) bald auch Empathie und Hilfsbereitschaft erschöpfen werden. Ja, diese Gefahr besteht. Dennoch ist es wichtig, bei einer Notlage, bei einer sozialen Wunde, die man wahrnimmt, dranzubleiben. Das viele Elend der Welt darf nicht zur Ausrede werden, nichts zu tun. Diese Ausrede ist extrem gefährlich! Ja, wer Kraft und Energie hat, möge sich bitte mit gleicher Intensität für das Lager auf Samos und in Bosnien engagieren. Mutter Teresa war immer wieder mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert und dennoch hat sie an den vielen Orten der Verzweiflung mit ihrem konkreten Engagement für die Ärmsten der Armen eine Welle der Barmherzigkeit ausgelöst. 

Wer sich um einen Notleidenden kümmert, bringt die Welt zumindest an einem Ort ein wenig in Ordnung. Die Liebe fragt nicht nach den großen Erfolgen. Jeder von uns hat auch seine Nachbarschaft, wo er/sie zuerst gefragt ist. Und bitte nicht vergessen: Die kirchlichen Hilfswerke (Caritas, Diakonie, Bruder und Schwester in Not, Sternsingeraktion, kfb, Missio, zahlreiche pfarrliche Partnerschaften zur Entwicklungszusammenarbeit, …) konzentrieren sich nicht auf Lesbos. Wir – und damit meine ich all diese Werke der langfristigen, kompetenten kirchlichen Diakonie – bleiben unseren Partner/innen vor Ort in den unzähligen Projekten verlässlich als Unterstützer/innen erhalten. Nur ein Beispiel: Die Caritas der Diözese Innsbruck ist seit 45 Jahren in Burkina Faso engagiert und ganz konkret auch dort in der Unterstützung der Flüchtingshilfe. Ebenso in Armenien, wo es aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen ebenfalls Flüchtlinge zu betreuen gilt.

 

4. Welche Rolle spielt Griechenland? Müssen wir für die Versäumnisse eines EU-Landes zahlen? 

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Zu beobachten ist eine große Nervosität der griechischen Behörden, weil offensichtlich in den vergangenen Jahren viel zu wenig für die Menschen in den Lagern getan wurde. Die EU zahlt immense Summen an Griechenland für die Aufnahme und Versorgung derer, die auf griechischem Territorium gestrandet sind. Die Katastrophe von Moria – der Brand Anfang September – hat sich über Jahre zusammengebraut. Man sprach nur mehr vom „Dschungel von Moria“. 22.000 Menschen haben auf einem ehemaligen Militärareal und in den Olivengärten gehaust: keine Müllentsorgung, keine ausreichende Hygiene und Essensversorgung. Dass dies zu Radikalisierungen im Lager führen müsste, liegt wohl auf der Hand.

Das Flüchtlingselend auf den griechischen Inseln ist nicht im Vorjahr entstanden. Seit 2014 dauert es bereits an. In den ersten beiden Jahren war das Entgegenkommen der einheimischen Bevölkerung sehr groß. Dann ist jedoch die Stimmung gekippt, weil man sich von Europa im Stich gelassen gefühlt hat. Es wird auch berichtet, dass in Athen und anderen griechischen Städten die Obdachlosenzahl drastisch zunimmt. Dieses Faktum belegt, dass das griechische Sozialsystem dieser Herausforderung nicht gewachsen ist. Darüber hinaus ist der griechische Staat massiv mit der Pandemiebekämpfung beschäftigt und kann nicht auf ein so gut ausgebautes Gesundheitsnetz zurückgreifen wie Österreich.

 

5. Ist das Elend auf den griechischen Inseln nicht ein Versagen der europäischen Asylpolitik? 

Ich bin leider kein Europa-Experte, aber auch als Laie muss ich dieser Frage zustimmen. Und das Urteil der Expert/innen ist diesbezüglich ohnehin einhellig. Das Notlager Kara Tepe II auf Lesbos ist trotz der Bemühungen, eine gewisse Infrastruktur nachzubauen, eine Schande für Europa. Die entscheidende Frage ist, welche politische Strategie Europa verfolgt. Will man an den Außengrenzen möglichst prekäre Situationen aufrechterhalten, um all jene abzuschrecken, die nachkommen wollen? Das wäre eine politische Taktik von erschütternder Unmenschlichkeit. Man darf doch nicht konkrete Menschen mit ihren tragischen Schicksalen derart instrumentalisieren!

Die zweite Frage ist noch wichtiger: Wann endlich gibt es eine gemeinsame Asyl- und Migrationspolitik Europas, die von möglichst allen Mitgliedsstaaten mitgetragen wird und den humanitären Standards der Menschenrechtskonvention und europäischen Flüchtlingskonvention entspricht? Die Wahl des Begriffs „Rückführungspatenschaft“ zum deutschen Unwort des Jahres, spricht Bände. Es wird in Zukunft sicher nicht gehen, dass die südlichen Staaten Europas mit der Last der Integration der nach Europa Geflüchteten größtenteils allein gelassen werden. Wir brauchen gerade angesichts der herausfordernden Flüchtlingsthematik mehr – und nicht weniger – Europa! Leider ist Europa seit einigen Jahren und in manchen Mitgliedsstaaten mit einem „Rechtsruck“ konfrontiert. Populistische Politiker glauben ihren Stimmenzuwachs vor allem dadurch zu generieren, dass sie eine harte, inhumane Asylpolitik vorantreiben. Insgesamt ist die Genfer Konvention weiterzuentwickeln. Wir werden in den nächsten Jahren mit enormen Migrationsbewegungen zu rechnen haben. Da braucht es mehrere Hebel, weit über das derzeit gebräuchliche Narrativ hinaus.

 

6. Woher kommen die Flüchtlinge, die sich auf Lesbos befinden? Was haben sie hinter sich? 

Viele haben lange, entsetzliche Fluchtwege hinter sich. Vor allem Familien sind betroffen. Eine große Anzahl sind Afghanen, die im Iran gelebt haben oder ihr Land aufgrund des permanenten Kriegszustandes verlassen haben. Eine nicht unbeträchtliche Zahl sind afrikanische Flüchtlinge, hauptsächlich aus Somalia und Eritrea, die aufgrund der blockierten direkten Mittelmeerroute den Umweg über die Türkei wählen. Ich möchte zukünftig viel weniger von „den Flüchtlingen“ sprechen, sondern von Menschen, die dramatische Fluchtwege hinter sich haben, niemand ist mit einem Flugzeug auf die Insel gekommen. Menschen sind psychisch belastet und traumatisiert. Ihre Hoffnungen sind zerbrochen. Sie müssen erleben, dass sie nach all den Enttäuschungen wieder als Menschen geachtet werden, nicht als zu versorgende Objekte, die allen zur Last fallen. Ohne dieses Mindestmaß an Menschlichkeit dreht sich die Spirale ins Katastrophale immer weiter.

 

7. Warum genau 100 Familien aufnehmen? Ist das nicht eine willkürliche Zahl? 

Die Zahl 100 ist natürlich eine mehr oder weniger willkürliche Festlegung. Mein Gedanke ist, dass diese Anzahl überschaubar ist, denn wir sprechen damit von einer Gruppe von ca. 400 Personen. Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass es möglich wäre, diese Familien in Österreich unterzubringen. Außerdem erspart man sich bei den Familien die Debatte um einen möglichen Familiennachzug. Familien mit Babys und Kleinkindern zählen im Lager zu den vulnerabelsten Gruppen – ihre Versorgung mit Nahrung, Hygieneartikeln und Medikamenten ist bei weitem nicht ausreichend. Und sie befinden sich in den ca. 1.000 Familienzelten, die nicht winterfest sind. Für Einzelpersonen wurden in den letzten zwei Monaten große Zelte gebaut, die durch die verwendeten Holzkojen einen wesentlich besseren Schutz bieten. 

 

8. Was kann die österreichische Regierung/Politik tun? Nehmen wir nicht ohnehin schon sehr viele Flüchtlinge auf? 

Es geht in der Forderung, Menschen aus der Notsituation von Lesbos aufzunehmen, nicht um die Frage, ob Österreich mehr oder weniger Flüchtlinge aufzunehmen hat. Ein humanitärer Notfall verlangt nach einer Notmaßnahme und nicht nach einer ermüdenden Flüchtlingsdebatte. Ja, Österreich ist im Vorjahr seiner Asylverpflichtung mit der Gewährung von Asyl für eine große Anzahl von Menschen nachgekommen. Im europäischen Vergleich liegt unser Staat damit auf den vorderen Rängen. Dieses Faktum ist positiv. Und zurückblickend:

Österreich hat sowohl in der direkten Hilfe vor Ort als auch in der Aufnahme von schutzsuchenden Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten in den vergangenen Jahrzehnten Enormes geleistet. Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg waren bspw. über eine Million Vertriebene im Land, 1956 flohen 180.000 Ungar/innen nach Österreich, 100.000e kamen aus der ehemaligen Tschechoslowakei und aus Polen und rund 90.000 aus dem zerfallenden Jugoslawien. 

Auch im Zuge der Flüchtlingswelle, ausgelöst durch den Arabischen Frühling, hat Österreich viele Notleidende aufgenommen und viel Hilfe vor Ort geleistet. Dafür bin ich außerordentlich dankbar. Gleichzeitig hoffe ich auf das Bemühen der politisch Verantwortlichen, diese österreichische Tradition der Hilfsbereitschaft und christlichen Nächstenliebe fortzusetzen und die Vorbildfunktion, die Österreich für viele andere Länder weltweit eingenommen hat, beizubehalten. Hilfe vor Ort ist notwendig, reicht aber alleine nicht aus. Es tut unserem Land und unserer politischen Kultur nicht gut, wenn Justament-Standpunkte und ein „Drüberfahren“ immer mehr Platz vereinnahmen. Die Menschen auf Lesbos und in Österreich haben es verdient, dass das Thema pragmatisch und zeichenhaft gelöst wird.

 

9. Was ist, wenn immer mehr Flüchtlinge nachkommen? Ist der Pull-Effekt nicht gefährlich? 

Pull-Effekte lassen sich nie ganz ausschließen. Aber wesentlich gefährlicher sind die Push-Effekte, d.h. alles, was Menschen dazu zwingt, ihre Heimat zu verlassen. Dazu zählen alle Strukturen der Ungerechtigkeit, Krieg und Terror, Hunger, mangelnde Sicherheit und persönliche Verfolgung – und vor allem auch eine faktische Perspektivenlosigkeit. Zusammengefasst: Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen und nicht die Flüchtenden! Das ist der notwendige Perspektivenwechsel, um die Debatte über Pull- und Pushfaktoren auf eine andere Ebene zu heben. Man kann davon ausgehen, dass niemand aus Jux und Tollerei seine Heimat verlässt und die größten Gefahren in Kauf nimmt. Investitionen in entwicklungspolitische Agenden in den Herkunftsländern der Flüchtenden müssen zu einer Priorität europäischer Politik werden. Das kann man ganz eigennützig argumentieren, um die Folgekosten einer sich verstärkenden Fluchtbewegung einzudämmen, oder sich vom Begriff einer „globalen Geschwisterlichkeit“ inspirieren lassen, wie Papst Franziskus ihn eingebracht hat.  

 

10. Welchen Asyl-Status haben die Personen, die sich in den Flüchtlingslagern befinden? 

Auf den griechischen Inseln werden selbstverständlich Asylverfahren durchgeführt. Die Lager haben offiziell die Bezeichnung RIC (Registration Identification Center). Zurzeit befinden sich mindestens 250 Familien im großen Lager, die bereits einen positiven Asylbescheid haben. Damit haben sie das Recht, sich auf europäischem Boden aufzuhalten. Griechenland ist jedoch mit der längerfristigen Versorgung dieser Personen überfordert.

Genau aus dieser Gruppe sollen die 100 Familien genommen werden. Mit dieser humanitären Notaufnahme könnte Österreich innerhalb Europas vorbildhaft wirken. Auch in Zukunft wird es diese Aufnahmelager an den Grenzen Europas geben müssen. Auf Lesbos wird ein stabiles Lager gebaut, das im September 2021 in Betrieb gehen soll – Fassungsvermögen 10.000 Personen. Aber was ist jetzt – wie lange sollen die Menschen im Lager warten? Es sollte und so war es ursprünglich auch vorgesehen, ein Verteilungslager sein. Sprich: ordentliche Registrierung und dann Weiterleitung an andere Orte für faire Asylverfahren.

 

11. Was tut die Kirche? Fordert sie nur von der Politik und der Gesellschaft?  

In den vergangenen Jahrzehnten gab es einige große Fluchtbewegungen nach Österreich. Sie zeugen von großer Solidarität und Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Ohne die sozial-karitativen Aktivitäten der Kirche und kirchlichen Einrichtungen, v. a. der Caritas, wären die enormen Herausforderungen jedoch nicht zu bewältigen gewesen. Auch im Fall einer Aufnahme von 100 asylberechtigten Familien aus Lesbos in Österreich können über die kirchlichen Strukturen Quartiere und bestmögliche Unterstützung bei der Integration organisiert werden. Gerade die Caritas verfügt über eine jahrzehntelange Kompetenz im Flucht- und Integrationsbereich, leistet Notversorgung, gemeinwesenorientierte Startbegleitung, Sozialrechts- und Familienberatung, koordiniert Freiwilligenarbeit, bietet Bildungsangebote und Bewusstseinsarbeit. 

Unbedingt erforderlich ist aber auch die Bekämpfung von Fluchtursachen durch Schaffung von Lebensgrundlagen in klassischen Emigrationsländern sowie in der Nothilfe in Kriegs- und Krisengebieten und in überfüllten und teils menschenunwürdigen Flüchtlingsunterkünften (Griechenland, Bosnien, …). Unzählige Wasser-, Ernährungs-, Landwirtschafts-, Gesundheits- und Bildungsprogramme der Caritasorganisationen, Ordenseinrichtungen und anderer kirchlicher Hilfswerke in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern sind notwendende Beiträge zur Bekämpfung von Not und Elend, die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zwingen.

 

12. Kann Integration längerfristig gelingen? Oder handeln wir uns mit mehr Zuzug nur noch mehr Probleme ein?

Ich bin überzeugt, dass Integration einen Mehrwert für unser Land haben kann. Aktuell gibt es 336 Integrationsangebote in Tirol in den Bereichen Spracherwerb, Bildung und Arbeit, Gesundheit und Soziales, Wohnen, Begegnung und Zusammenleben und bereichsübergreifenden Angebote. 

Es gibt eine interessante Studie der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung zu „Ökonomischen Effekten von Asylwerber/innen und Asylberechtigten in Tirol“, die das Land Tirol in Kooperation mit der AK Tirol in Auftrag gegeben hat und die deutlich widerlegt, dass die Aufnahme und Integration von Schutzsuchenden das Land nur finanziell belastet. 

Integration braucht jedoch Begleitung, Räume der Begegnung und die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Ich appelliere an die öffentliche Hand, den Ausbau von Integrationsprojekten weiterhin zu fördern und zu unterstützen. Vor allem braucht es die erneute Finanzierung von Sprachkursen. Sie sind ein wesentlicher Schlüssel, um in eine echte Zugehörigkeit zur aufnehmenden Gesellschaft zu kommen. Probleme wird es in vielfältiger Weise natürlich auch immer geben.

 

13. Wie kann man nun konkret helfen? Wer ist mein Ansprechpartner? 

Die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Unterstützung von Menschen auf der Flucht ist in unserem Land sehr groß. Allein die Caritas bietet seit vielen Jahren ein „Buddy-System“ mit bis zu 150 Freiwilligen. Außerdem organisiert die Caritas die Vernetzung von Freundeskreisen mit dem Ziel des Austauschs, der Informationsweitergabe, gegenseitigen Unterstützung und Interessenvertretung.

https://www.caritas-tirol.at/hilfe-angebote/fluechtlinge/freundeskreise-flucht-und-integration-netzwerk-tirol/ 

Integrationsbegleiter/nnen brauchen eine gute Einführung und professionelle Begleitung für dieses Engagement und eine Koordinierungsstelle. Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, kann sich bei folgenden Stellen melden:

Falls Wohnraum zur Verfügung gestellt werden kann: TSD oder Diakonie-Flüchtlingsdienst E-Mail: integration.tirol@diakonie.at

Durch Spenden können auch die vielen Projekte der Caritas im In- und Ausland unterstützt werden.

Darüber hinaus kann jede und jeder positive Bewusstseinsbildung leisten, gegen Ungerechtigkeiten aufstehen und damit einen Anstoß für eine verlässliche Politik zu geben, die in allen Bereichen der Menschlichkeit verpflichtet ist.

 

14. Was zeichnet eine christlich-soziale Politik aus? Steht nicht Verantwortungsethik gegen eine Gesinnungsethik? 

Eine christlich-soziale Politik zeichnet sich durch die Ermutigung zu einem persönlichen, engagierten Handeln aus. Sie muss die Hilfsbereitschaft, die in der Bevölkerung gegeben ist, fördern und steuern, darf sie aber keinesfalls unterbinden. Eine christlich-soziale Politik ist unter allen Umständen dem sozialen Zusammenhalt verpflichtet – das Wir ist größer als das Ich. Diese wünschenswerte Solidarität muss auch über den Tellerrand der Befindlichkeit einer Wohlstandsgesellschaft hinausreichen.

Ich empfinde die Gegenüberstellung von Verantwortungsethik und Gesinnungsethik (Max Weber) nicht sehr hilfreich. Erstens meint Gesinnung die Haltung des Menschen und nicht nur eine oberflächliche Emotion. Und zweitens steckt in dem Wort Verantwortung – das Wort Antwort. Ja, darum geht es: Antwort zu geben auf immer neue Situationen, die uns herausfordern und als Menschen mit Weitblick in die Pflicht nehmen. Eine umfassende Verantwortungsethik wird nicht ohne eine starke Gesinnung auskommen. Eine solche zu ermöglichen, ist auch Aufgabe einer christlich-sozialen Politik. Sie zu diskreditieren als Gefühlsduselei der Gutmenschen, ist auf Dauer gefährlich.

Eine Chance: Humanitäre Korridore

Die katholische Gemeinschaft Sant' Egidio setzt sich seit Jahren dafür ein, dass humanitäre Korridore für Menschen auf der Flucht eingerichtet werden, die ihnen einen Ausweg aus dem Flüchtlingselend ermöglichen. Im Jänner begab sich eine Delegation der Gemeinschaft nach Griechenland, um den Flüchtlingen zu helfen und die nächsten humanitären Korridore nach Italien vorzubereiten. Die Lage der Flüchtlinge in diesem Winter ist sehr schwierig.

Neben den vier Hotspots auf den griechischen Inseln gibt es auf dem Festland bei Athen und an der Grenze zu Mazedonien und Albanien ca. 25 Lager. Einige sind überfüllt wie in Malakasa und Eleonas. Das letzte ist eine Anreihung von Containern und provisorischen Baracken in einer sehr armen Stadtrandregion von Athen. Es gibt viele Kinder und Neugeborene.

Den Bericht der Gemeinschaft Stant' Egidio aus Griechenland finden Sie hier:

https://www.santegidio.org/pageID/30284/langID/de/itemID/40188/Auf-Lesbos-gibt-es-in-den-Zelten-mitten-im-eiskalten-Sturm-die-Hoffnung-der-humanitären-Korridore.html