Familie – ein „heiliger“ Lernort

Eine Betrachtung von Bischof Hermann Glettler zum Fest „Heilige Familie“ 2021.

Unmittelbar auf das Hochfest der Geburt Christi haben wir heuer das „Fest der Heiligen Familie“ gefeiert. Damit wurde uns deutlich vor Augen gestellt, dass Gottes Menschwerdung keine abstrakte Größe ist, nur eine philosophisch-religiöse Idee. Nein, der unfassbar große Gott hat sich verlässlich und nachhaltig in unser reales Alltagsleben eingeschrieben. Jesus, der Bruder und Herr aller Menschen, ist selbst in einer Familie aufgewachsen, die meiste Zeit ohne großes Aufsehen. Von allem, was eine Familie ausmacht, ist ihm nichts fremd. Aus diesem Grund ist es möglich und notwendig, ihm von Neuem alle familiären Räume zu öffnen. Damit kann Gott selbst mit seinem Geist in unserer Gesellschaft wirken – ist doch die Familie die fundamentale Lebenszelle jeder Gesellschaft, ganz abgesehen davon, wie unterschiedlich heutige Familienkonstellationen aussehen. Familie ist mehr als nur eine Projektionsfläche für die sehnsuchtsvollen Träume gelingender Beziehungen. Familie ist ein reales Gebilde, in dem sich „das Leben abspielt“ – oft mit einer Heftigkeit und Intensität, die an die Grenze der Belastbarkeit kommen. Familie ist ein Ort von Geborgenheit, aber leider oft auch ein Ort von Spannungen und unbewältigten Konflikten. Wenn wir an Gottes Gegenwart in diesen unseren Familien glauben, dann können sie vielfache Lernorte gerade in den aktuellen Herausforderungen werden, fast „heilige“ Schulen für ein versöhntes Leben:

  1. Familie als Lernort für den Umgang mit unterschiedlichen Meinungen: Im Ringen um Standpunkte und Überzeugungen, sich zuzuhören und zu respektieren – gerade auch bei divergierenden Ansichten – ist Familie der beste Lernort. Wir lernen Zusammengehörigkeit trotz und in Verschiedenheit. Familie hat das Potential, eine Schule möglichst gewaltfreier Kommunikation zu sein, weil es eine grundsätzliche Verbundenheit gibt – biologische und psychische Bande. Diese Verbundenheit kann die Basis sein, um sich gegenseitig anzunehmen und in der Andersartigkeit auszuhalten. Das bedeutet nicht, dass gerade dieser Lernort auch in sein Gegenteil verkehrt werden kann: Meinungsdiktat, Unterdrückung anderslautender Ansicht als dem Familienclan angenehm, … Trotzdem: Familie ist mit der Hilfe des anwesenden Gottes ein Lernort für ein Leben in versöhnter Verschiedenheit. Wo sonst sollten Kinder und Erwachsene diese für unserer plurale Gesellschaft so fundamentale Haltung erlernen?
  2. Familie als Lernort für die Unterscheidung von privat und öffentlich: Familien und familiäre Gemeinschaften sind Lernorte für die Unterscheidung, „was wo in welcher Ausführlichkeit hingehört“. Nicht jede Aussage, Information und Geste ist für alle bestimmt. Es gibt das ganz Private im familiären Umgang, das mit Sicherheit nicht für eine unkontrollierte Öffentlichkeit „taugt“. Ganz selbstverständlich gibt es auch unterschiedliche Kreise von Vertrautheit innerhalb einer Familie: Geheimnisse der Kinder untereinander, vertrautes Wissen der Eltern, Geborgenheit in Beziehungen. Besonders wichtig für den Aufbau einer vertrauensvollen Kommunikation ist das „Ausprobieren-Dürfen von Meinungen“, das geschützte Übungsfeld für Argumente und Aussagen, ob sie konstruktiv sind oder das Gegenteil zur Folge haben. Nicht alles darf in die Schleuder nach außen gelangen. Die Gefahr heutiger Kommunikation ist viel zu oft der Verlust der intimen Räume geschützter Aussprache. Zu vieles wird in Ermangelung einer personalen, direkten Ansprache und Kommunikation meist noch ungefiltert in die aggressive Halb-Öffentlichkeit der Social Media preisgegeben. Familie kann die wichtige Unterscheidungshilfe geben, was wo seinen Platz hat.
  3. Familie als primärer Lernort des Glaubens, der Deutung von Menschsein in der Welt und Geschichte – zusammenhängend mit der Frage nach Werten, die eine Grundorientierung für das Leben geben und der Vermittlung eines Gefühls von Verantwortung vor den Menschen und vor Gott. Jesus selbst wurde von seinen Eltern in ein vertrauensvolles Verhältnis zu Gott eingeführt – aufgezogen als Kind im jüdischen Umfeld des abgelegenen Dorfes mit den vielen religiösen Gebräuchen, die die Familie regelmäßig auch in die Stadt Jerusalem geführt hat. Es ist nicht leicht, Familie in der heutigen Gesellschaft als einen Lernort des Glaubens zu gestalten. Der erste Schritt kann das Erlernen von Dankbarkeit sein, damit verbunden die Offenheit für das Leben in seinen vielfältigen Facetten – mit Freude und Leid. Der Glaube kommt auch in der Familie vom Hören aufeinander und vom Hören auf Gott. Eine gemeinsame, wenn auch kurze Zeit der Stille kann im familiären Alltag Wunder wirken. Und es braucht ein paar feste Rituale, kurze Momente des Gebetes, besonders vor dem Essen und zum Abschluss des Tages. Mit all diesen konkreten Ankerpunkten des Glaubens kann für die Heranwachsenden die Erfahrung reifen, dass unser Leben auf ein größeres Geheimnis hin ausgerichtet ist. Jesus selbst ist die Mitte der Familie, wenn wir ihn in den unmittelbar Nächsten erkennen und einladen, den so kostbaren „Lernort Familie“ mit seinem Geist zu beleben und zu bewohnen.

 

Anmerkung von Bischof Hermann:

Vor allem möchte ich auf den schönen Brief von Papst Franziskus hinweisen, den er im Dezember 2021 an die Eheleute in aller Welt geschrieben hat:

https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2021-12/wortlaut-brief-papst-franziskus-amoris-laetitia-familienjahr.html

Bischof Hermann sieht die Familie als wichtigen Lernort. Bild: pixabay