Woche für das Leben: Würde ist unverfügbar

Die Diözese Innsbruck rückt rund um den 1. Juni Fragen nach Würde, Lebensschutz und gesellschaftlicher Verantwortung in den Mittelpunkt – und lädt zu Gottesdiensten, Begegnungen und zum Ethikforum ein.

Mit einem „Fest der Lebensfreude“ hat die Diözese Innsbruck am Dreifaltigkeitssonntag die diesjährige „Woche für das Leben“ eröffnet. Zahlreiche Menschen mit Behinderung, ihre Angehörigen und viele Mitfeiernde erlebten einen festlichen Gottesdienst im Dom zu St. Jakob – geprägt von Wärme, Menschlichkeit und ehrlicher Lebensfreude. Die Feier macht sichtbar, worauf es ankommt: Jeder Mensch ist wertvoll – unabhängig von Leistung, Gesundheit oder gesellschaftlicher Erwartungen.

 

Seit mittlerweile 20 Jahren setzt die „Woche für das Leben“, die auf eine Initiative von Erzbischof Alois Kothgasser zurückgeht, ein klares Zeichen für den Schutz und die Würde des Lebens. In allen Diözesen Österreichs werden seither Veranstaltungen angeboten, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie Gesellschaft mit dem Leben umgeht – insbesondere mit verletzlichem und schutzbedürftigem Leben.

 

Bischof Hermann Glettler betont in seinem aktuellen Grußwort die unverlierbare Würde jedes Menschen, die „mit unserem Menschsein verbunden ist und letztlich niemandem genommen werden kann“. Auch Papst Leo XIV. unterstreicht in seiner jüngsten Enzyklika das Recht auf Leben als grundlegendes Menschenrecht – von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende.

 

Die Woche greift dabei bewusst aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen auf. Hintergrund sind unter anderem Entwicklungen rund um Schwangerschaftsabbrüche in Tirol. Bischof Hermann macht deutlich, dass viele Frauen in Konfliktsituationen vor allem menschliche Begleitung und Unterstützung suchen. Gefordert seien daher qualitätsvolle Beratung, konkrete Hilfsangebote sowie bessere Rahmenbedingungen, die Alternativen sichtbar machen und stärken.

 

Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf Prävention und gesellschaftlicher Sensibilisierung. Unterstützungsmöglichkeiten wie Adoption, Pflege oder soziale Hilfen seien oft zu wenig bekannt. „Wir alle sind gefragt, eine lebensfreundliche Atmosphäre aufzubauen, in der Kinder gewollt und willkommen sind“, so Bischof Hermann.

 

Auch die Situation von Kindern mit möglichen Beeinträchtigungen wird thematisiert. Hier brauche es eine klare Haltung für die Würde jedes Lebens. Zugleich betont der Bischof, dass jeder Einsatz für den Schutz des Lebens von Respekt und Demut geprägt sein müsse – insbesondere gegenüber Frauen und Familien in schwierigen Situationen.

 

Einen inhaltlichen Schwerpunkt setzt das Ethikforum „Wie geht’s der Seele in Social Media?“ am 2. Juni im Haus der Begegnung. Es widmet sich den Auswirkungen digitaler Lebenswelten auf junge Menschen und fragt nach Orientierung, innerem Halt und verantwortlichem Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Damit greift es eine zentrale Frage unserer Zeit auf: Wie kann menschliches Leben auch im digitalen Wandel geschützt und gestärkt werden?

 

Die „Woche für das Leben“ lädt dazu ein, nicht vorschnelle Antworten zu geben, sondern eine gemeinsame Haltung zu stärken: Jeder Mensch hat Würde. Jedes Leben zählt. Ziel ist es, Verantwortung bewusst zu machen und eine Kultur zu fördern, die das Leben in all seiner Vielfalt schützt, begleitet und wertschätzt.

 

Weitere Informationen unter:
https://www.dibk.at/Themen/Lebensschutz/Woche-fuer-das-Leben  

Woche für das Leben: Würde ist unverfügbar
Fest der Lebensfreude - Foto: M. Hausmann

Freundinnen und Freunde des Lebens werden!

Grußwort im Wortlaut

Jedes Jahr beginnen wir die „Woche für das Leben“ rund um den 1. Juni mit einem „Fest der Lebensfreude“. So haben wir auch heuer am Dreifaltigkeits-Sonntag einen bunten, festlichen Gottesdienst gefeiert, an dem zahlreiche Menschen mit Behinderung teilgenommen haben, ebenso deren Angehörige. Es war eine Feier voller Menschlichkeit, Wärme und ehrlicher Lebensfreude – ein Fest, das uns erinnert, worauf es wirklich ankommt. 

Wir müssen es uns selbst und unserer Gesellschaft immer wieder in Erinnerung rufen: Der Wert eines Menschen hängt nicht von seiner Leistung ab, nicht von seiner Gesundheit oder gelungenen Selbstoptimierung! Darüber hinaus ist die Würde unverlierbar mit unserem Menschsein verbunden – sie kann verraten und entstellt, aber letztlich niemandem genommen werden. In seiner jüngsten Enzyklika mit dem Titel „Großartige Menschheit“ betont Papst Leo XIV. das Recht auf Leben als grundlegendes Menschenrecht – von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende. (vgl. MH 55) 

Wir begehen heuer ein kleines Jubiläum: Aus der anwaltschaftlichen Haltung für das Leben – meines geschätzten Vorgängers, Erzbischof Alois Kothgasser – ist genau vor 20 Jahren die „Woche für das Leben“ entstanden. Sie hat sich von Salzburg aus in allen Diözesen verankert. Verschiedene Programmpunkte kreisen Jahr für Jahr um die Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit dem Leben um – vor allem mit dem schutzbedürftigen, verletzbaren Leben? 

Wie wir wissen, sind seit dem 4. Mai in Tirol auch Abtreibungen an einem Standort der Tirol Kliniken möglich. Diese Entwicklung hat nicht nur mich sehr enttäuscht. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass die Möglichkeit zu einem Schwangerschaftsabbruch im Rahmen der Fristenregelung in den Bereich der niedergelassenen Ärzte gehört. Eine Abtreibung ist keine Gesundheitsleistung, sondern die Beendigung eines menschlichen Lebens. 

In Gesprächen mit jenen, die in der Konfliktberatung tätig sind, höre ich immer wieder: Was viele Frauen in einer Konfliktschwangerschaft suchen, ist nicht in erster Linie ein „medizinisches Angebot“, sondern ein menschliches – eine ehrliche Begleitung sowie eine emotionale und soziale Stärkung. Gefragt sind Menschen, die wirklich zuhören, mitgehen und Mut machen. Nicht gefragt sind Oberflächlichkeit und „Scheinlösungen“ – gerade dann nicht, wenn eine irreversible Entscheidung getroffen werden muss.  

Ich möchte die Chance nützen, um angesichts der veränderten Situation in Tirol die längst notwendige Umsetzung der „flankierenden Maßnahmen“, wie sie bereits in den 70er Jahren von der Regierung Kreisky versprochen wurden, zu fordern. Im Zentrum steht eine qualitätsvolle, ergebnisoffene Beratung, um in einer existenziell herausfordernden Situation Alternativen in den Blick zu bekommen, Alternativen zur Tötung des bereits empfangenen Lebens. Der aktuelle Hinweis der Homepage der Tirol Kliniken auf lediglich zwei Beratungsstellen, die einen Termin für die Abtreibung vermitteln, ist eindeutig zu wenig. 

Ein weiterer Punkt ist die Prävention. Leider gibt es keine verlässlichen Informationen, welche Gründe Frauen tatsächlich zu einer Abtreibung bewegen. Um dieses Defizit zu beheben, braucht es eine anonyme, aber verlässliche Motiverfassung und Statistik. Auf der Grundlage dieser Daten können dann konkrete Hilfsangebote erstellt werden. 

Ebenso müssen Unterstützungsangebote stärker sichtbar werden: Adoption, Pflege und soziale Hilfen. Diese Möglichkeiten sind immer noch zu wenig bekannt. Es sollte uns als Gesellschaft zu denken geben, wenn Menschen aus finanziellen oder sozialen Gründen den Eindruck haben, sich Kinder nicht leisten zu können. Ja, wir alle sind gefragt, eine lebensfreundliche Atmosphäre aufzubauen, in der Kinder gewollt und willkommen sind. 

Eine besondere Herausforderung ist die Situation, wenn ein Kind mit einer möglichen Beeinträchtigung erwartet wird. Es ist eine fundamentale Menschenrechtsverletzung, dass Embryos – auch nur mit einer vermuteten Behinderung – bis zum tatsächlichen Geburtstermin abgetrieben werden können. Aus zahlreichen Rückmeldungen ist bekannt, dass diesbezügliche Prognosen auch nicht gestimmt haben – und: Was sollen sich Erwachsene mit einer Beeinträchtigung denken? Ist es nicht absolut entwürdigend, als belastender und vermeidbarer Kostenfaktor für die Gesellschaft wahrgenommen zu werden?  

Wenn wir heute für den Schutz des Lebens eintreten, dann sollten wir dies immer in Demut tun. Niemand von uns kennt die ganze Geschichte eines anderen Menschen. Deshalb gilt unser Respekt sowohl dem ungeborenen Leben als auch den Frauen und Familien, die oft vor schwierigen und schmerzhaften Entscheidungen stehen.  

In der „Woche für das Leben“ wollen wir nicht einfache Antworten liefern, sondern die Haltung stärken: Jeder Mensch hat Würde! Jedes Leben ist wertvoll! Lasst uns deshalb gemeinsam immer mehr „Freundinnen und Freunde des Lebens“ werden 
- des jungen und des gebrechlichen Lebens im Alter,  
- des vitalen, aber auch des Lebens mit Beeinträchtigungen 
- des geborenen und ungeborenen sowie  
- des Lebens im Allgemeinen mit seiner vielfältigen Verletzlichkeit!  

Deshalb gibt es die „Woche für das Leben“: um zu erinnern, Verantwortung einzufordern und deutlich zu machen, dass wir eine Gesellschaft wollen, die das Leben in aller Pluralität will, schützt und begleitet. Ich danke allen, die sich dafür einsetzen und erbitte Gottes Segen für ein vielfältig notwendiges Engagement, das immer auf Dialog, Begegnung, Verständnis und Fürsorge ausgerichtet sein soll. 

 

Bischof +Hermann Glettler am 1. Juni 2026