Die größte Sehnsucht ist Frieden

Interview mit Erzbischof Gevorg Noradounguian, Caritas Armenien, aus der aktuellen Ausgabe des Tiroler Sonntags

Seit mehr als 20 Jahren besteht eine Partnerschaft der Caritas Tirol mit der Caritas von Armenien. Vor kurzem war deren neuer Präsident, Erzbischof Gevorg Noradounguian, zu Besuch in Tirol. Im Gespräch mit dem Tiroler Sonntag erzählt er von den Herausforderungen für die Menschen in Armenien, von tragfähigen familiären Beziehungen und von der Hoffnung auf Frieden.

 

Herr Erzbischof, die Caritas von Armenien und die Caritas Tirol verbindet seit vielen Jahren eine enge Partnerschaft. Wie sehen Sie die Zusammenarbeit dieser Einrichtungen? 

Gevorg Noradounguian: Es ist ein Miteinander, das sich auf zwei Ebenen abspielt. Die eine ist die finanzielle Unterstützung. Mit Hilfe aus Spendengeldern aus Tirol konnten wir viele hilfreiche Projekte umsetzen. Aber es gibt auch die Ebene der gegenseitigen Zugewandtheit und des Mitgefühls mit den Sorgen der Menschen. Beide Ebenen sind wichtig und gehören zusammen.

 

Sie haben die Hilfsprojekte für die Menschen angesprochen. Wo liegen die Herausforderungen für die Caritasarbeit in Armenien? 

Noradounguian: Ich sehe grundsätzlich viele positive Entwicklungen in unserer Gesellschaft, aber es gibt immer noch viele Menschen, die unsere Unterstützung brauchen. Die Caritas sieht es als ihre Aufgabe, jene zu unterstützen, die am äußersten Rand der Gesellschaft stehen, die sehr arm sind oder krank und um die sich sonst niemand kümmert. Und die Zahl dieser Menschen ist nach wie vor sehr groß.

 

Um gut arbeiten zu können, braucht die Caritas nicht nur Geld, sondern auch gute Beziehungen zu den Behörden und anderen Hilfseinrichtungen. 

Noradounguian: Die Beziehungen zum Sozialministerium sind sehr gut und auch die Qualität der sozialen Dienstleistungen hat sich in den vergangenen Jahren enorm verbessert. Es gibt auch andere Organisationen, die im Sozialbereich arbeiten. So kann sich die Caritas auf jene konzentrieren, die trotz allem keine Unterstützung haben.

 

Wie ist die Beziehung zwischen der armenisch-katholischen und der armenisch-apostolischen Kirche in ihrem Land? 

Noradounguian: Da braucht es wieder eine Antwort auf zwei Ebenen. Auf der Ebene der Kirchenleitungen erlebe ich eine gute Beziehung. Im Miteinander der Menschen dagegen habe ich manchmal den Eindruck, dass die armenisch-katholische Kirche als eine Art Splittergruppe angesehen wird.

 

Vielen Menschen sind die Berichte von der Vertreibung der Armenier aus der zu Aserbaidschan gehörenden Region Berg-Karabach bekannt. Wie geht es diesen Menschen heute? 

Noradounguian: Inzwischen wurde für die Menschen Wohnraum geschaffen. Was bleibt ist, diesen Menschen eine neue Heimat zu geben, damit sie sich wirklich zu Hause fühlen und sich integrieren können. Das heißt, dass die Menschen aus Berg-Karabach von allen Caritasprojekten profitieren können, wie bspw. im „Kleine Prinz“-Zentrum in Gavar. Dort kommen 32 der 165 Kinder, die in den letzten zwei Jahren betreut wurden, aus Berg-Karabach.

 

Kinder sind die Zukunft eines Landes. Wie geht es ihnen? 

Noradounguian: Das allerwichtigste ist diesen Kindern, dass sie in Frieden leben können. Das ist derzeit erreicht, aber der Friede ist sehr fragil. Man spürt, dass die Kinder nach wie vor Angst haben. Unsere Aufgabe ist es, den Kindern Hoffnung zu geben, damit sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können. Das ist die große Herausforderung: Dass sie erfahren, dass sie selbst an ihrer Zukunft bauen können.

 

Zusammenarbeit besteht immer aus Gegenseitigkeit. Was können wir im Westen von Armenien lernen? 

Noradounguian:  Meine Wahrnehmung ist, dass das Konzept der Familie in Armenien noch einen größeren Stellenwert hat. Vielen sind die familiären Beziehungen gewissermaßen heilig. Die Familien sind groß und von Warmherzigkeit, Verbundenheit und Solidarität geprägt. Das habe ich in  manchen westlichen Ländern anders erlebt.

 

Und was könnte umgekehrt Armenien von Tirol lernen? 

Noradounguian: Dazu dient mir das „Haus Sabine“ als Beispiel, in dem junge Menschen aus schwierigen Verhältnissen eine Zukunftsperspektive erhalten. Dieses Projekt wurde möglich, weil eine Famlie inTirol, die durch das Schicksal großes Leid erfahren hat, viel Geld dafür gespendet hat.  (Siehe rechte Randspalte). Diese Erfahrung, dass aus Schmerz und großem Leid etwas so Wertvolles wachsen darf, ist wichtig für uns. Nicht in der Rolle des Opfers bleiben, sondern den Schmerz verwandeln in einen Weg, der in die Zukunft führt.

 

Wie sieht ihre Vision für die Caritas-Arbeit der nächsten 20 Jahre aus? 

Noradounguian: Wir müssen weiterhin unserer Sendung treu bleiben: Da sein für die Kranken, Armen und Ausgegrenzten, jenen helfen, um die sich sonst niemand kümmert.

 

Interview: Walter Hölbling

Das Interview wurde von Elisabeth Haun aus dem Französischen übersetzt. 

 

Haus Sabine 

Vor zehn Jahren hat die Caritas Armenien gemeinsam mit der Caritas Tirol das „Haus Sabine“ eröffnet. In dieser Wohngemeinschaft leben Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren. Hier lernen sie, ein eigenständiges Leben zu führen, Verantwortung für sich zu übernehmen und ihr Potential zu entwickeln. Das Haus Sabine ist eng mit dem Schicksal einer Tiroler Familie verbunden. Denn der Name geht zurück auf Sabine Paregger, die bei der Massenpanik am Bergisel im Jahr 1999 schwerste Verletungen erlitten hatte und von ihrer Familie gepflegt wurde, ehe sie im Jahr 2014 starb. Die Familie erhielt eine Entschädigungszahlung, die sie jedoch nicht für sich verwenden wollte. „Wir haben nach einem Projekt gesucht, über das sich Sabine freuen würde“, erzählt die Mutter Renate Paregger. Fündig wurde sie bei der Caritas und ihrem Plan für die Wohngemeinschaft in Armenien. Sabines großer Traum sei es gewesen, Entwicklungshelferin zu werden, erinnert sich Paregger. „Sie hätte sich über dieses Projekt gefreut.“

 

Zur Person Gevorg Noradounguian 

Geboren im Jahr 1968 in Aleppo (Syrien),  zog er mit 16 Jahren für seine theologische Ausbildung in den Libanon und schließlich nach Rom, wo der Theologie und Philosophie studierte. Heute ist Noradounguian der Oberhirte der armenischen Katholiken in Armenien, Georgien, Russland und Osteuropa. Am 21. Mai 2026 wurde er von den Mitgliedern der Generalversammlung zum Präsidenten der Caritas Armenien gewählt.

Die größte Sehnsucht ist Frieden
Elisabeth Haun, Caritas-Projektreferentin für Armenien, mit ihrem Gast, Erzbischof Gevorg Noradounguian. Im Mai wurde er zum Präsidenten der Caritas Armenien gewählt.  Foto: Caritas Tirol/Giesinger