Zuversichtlicher Glaube im Schatten des Krieges
Mit Bischof Maksym Ryabukha, SDB, war in diesen Tagen eine der prägenden Stimmen der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in Innsbruck zu Gast. Der Exarch von Donezk feierte gemeinsam mit der Ukrainischen Gemeinde in Tirol eine Göttliche Liturgie in der Spitalskirche – Kirche im Herzen der Stadt, gedachte dabei besonders der Opfer des Krieges und jener Verluste, die viele in Tirol lebende Ukrainerinnen und Ukrainer in ihren Familien und Freundeskreisen erlitten haben. "Innsbruck ist eine Stadt, in der viele Heilige und Selige 'gewachsen' sind. Die Kraft ihres Glaubens ist auch hier geformt worden", betonte Ryabukha in der Predigt. Er verwies auf den Patriarch Josyf Slipy. Er studierte in Innsbruck und sagte nach seiner Haft: „In 18 Jahren in Sibirien habe ich den Glauben nie verleugnet.“
Im Anschluss sprach Ryabukha über das Thema „Zwischen Front und Hoffnung – Leben und pastoraler Dienst der Geistlichkeit im Exarchat Donezk“. Dabei schilderte er die Situation in einer Region, die seit Jahren unmittelbar von Krieg und Zerstörung betroffen ist, berichtete von den Herausforderungen für Priester und kirchliche Mitarbeitende sowie von den Hoffnungszeichen, die trotz allem den Alltag der Menschen prägen. Den Abend beschloss eine Agape mit zahlreichen Begegnungen und persönlichen Gesprächen.
Maksym Ryabukha, geboren 1980 in Lwiw und Mitglied des Salesianerordens Don Boscos, leitet seit 2024 das Exarchat Donezk der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Zuvor war er viele Jahre in der Jugendpastoral und Bildungsarbeit tätig und wurde 2022 zum Bischof geweiht. Angesprochen auf sein noch junges Alter für dieses Amt lacht er: „Jedes Mal, wenn ich sage, ich bin ein junger Bischof, sagen ältere Menschen, keine Sorge, diese Krankheit vergeht!“
Im folgenden Interview spricht Bischof Ryabukha über die Bedeutung des jüngst begangenen Tages der ukrainischen Staatlichkeit, über den pastoralen Dienst zwischen Frontlinie und Hoffnung, über die Sorgen sowie über die Solidarität, die er bei seinem Besuch in Tirol erfahren hat. Dabei wird auch deutlich, welche Bedeutung die langjährige Verbundenheit der Diözese Innsbruck mit den Menschen in der Ukraine seit Beginn des Krieges für die Betroffenen hat.
Interview mit Bischof Maksym Ryabukha, SDB
Der gestrige Tag ist für uns ein großes Geschenk Gottes für unser Land und unsere Landsleute. Es ist für uns ein Zeichen, wie Gott in die Geschichte des Volkes kommt und das Volk in seiner Zeit begleitet. Das Gestrige Fest steht für den Beginn der ukrainischen Geschichte mit der Taufe und der Christianisierung. Der Tag, an dem wir für die Menschen trauern, die im Krieg in der Ukraine gestorben sind, ist auch der Tag, an dem wir uns an die Unabhängigkeit der Ukraine erinnern – und an die Opfer, die dafür gestorben sind und immer noch sterben. Die russische Invasion und Aggression versuchen zu überzeugen, dass das Leben keinen Sinn hat. Der Tag, an dem wir an die Unabhängigkeit erinnern, sagt uns: Nein, das Leben hat einen Sinn! Durch das Leben kommt das Licht – Gottes Licht.
Sie leiten das Exarchat Donezk, dessen Gebiet teilweise von Krieg und Besatzung geprägt ist. Wie sieht der Alltag der Menschen in Ihren Pfarren derzeit aus, und welche Hoffnungszeichen erleben Sie trotz der schwierigen Situation?
Heutzutage erlebt das ganze Territorium ununterbrochen die Alarmsirenen, unser Boden wird ständig von den Bomben erschüttert. Jeden Abend, wenn Menschen bei uns schlafen gehen, gehen sie mit dem Gedanken, diese Nacht könnte ihre letzte sein. Die Gefühle der Ratlosigkeit bergen viele Fragen, Fragen nach dem Sinn. Heutzutage haben wir keine Zeit für ein Theater, alle Antworten sollen tief und ehrlich sein. In diesen dunklen Zeiten haben wir viele Helden, die wir auf unseren Wegen treffen. Wir beobachten viele Zeichen der Solidarität und Unterstützung zwischen den Menschen. Die Hilfe untereinander verbreitet sich in allen Bereichen des Lebens. Die Menschen verbinden sich in den gemeinsamen Gebeten, in den sozialen Diensten – unabhängig von ihrer Abstammung und Herkunft. Jeder versteht: Ich als Person kann das Böse nicht stoppen, aber ich als Person kann das Gute tun. Heutzutage haben wir viele ältere Menschen, aber auch jüngere und Kinder, die bereit sind, in unseren Gemeinden andere zu unterstützen. Wenn wir das alles beobachten, können wir sagen, die Hoffnung kann man nicht zerstören!
Ihr heutiger Vortrag trägt den Titel „Zwischen Front und Hoffnung – Leben und pastoraler Dienst der Geistlichkeit im Exarchat Donezk“. Was bedeutet dieser Titel konkret, und wie erleben Sie den Dienst der Kirche zwischen Kriegserfahrung, Leid und Hoffnung?
Wir haben Pfarren, die derzeit an der Frontlinie liegen, oder das bald tun werden. Wenn ich mit deren Priestern sprechen, sage ich, ihr müsst sie verlassen. Die Antwort, die ich von einem Priester bekommen habe: „Ich bin zum Priester geweiht worden, für diese Menschen. Sie haben niemanden sonst, zu dem sie gehen können.“ Ein anderer Priester sagte: „Die Gläubigen sagen mir: Wenn Sie Herr Pfarrer gehen, dann haben wir niemanden mehr. Dann haben wir das Gefühl, dass Gott uns verlassen hat.“ Es gibt Pfarren, die existieren nicht mehr. Es gibt Orte, an denen kein Ziegel mehr auf dem anderen liegt – alles ist zerstört. Für die Menschen, die ihre Wohnungen verlassen mussten, sind die Priester oft die einzige Erinnerung an ihre Heimat, ihr eigenes Haus. Es ist mir klar, dass diejenigen, die zu Gott ja gesagt hat, heute die Hände Gottes sind. Wie wertvoll ist diese Berufung!
Sie haben gesagt, die zerstörerischste Waffe sei das Gefühl, vergessen zu sein. Warum ist die internationale Solidarität so wichtig, und welche Bedeutung hat die Unterstützung durch die Kirche in Tirol und die Diözese Innsbruck für die Menschen in der Ukraine?
Einmal habe ich etwas von einer Schuldirektorin im besetzten Gebiet erfahren: Am Weg in die Arbeit fuhr ein Auto mit einer ganzen Familie an ihr vorbei. Ein russischer Soldat hat das Auto gestoppt und verlangte, dass alle aussteigen. Für den Vater war klar, das Auto ist die einzige Chance, weg zu kommen. Er weigerte sich. Der Soldat forderte sie noch zweimal auf, dann hat er die ganze Familie erschossen. Das Gefühl, dass du alleine bist, dass du keine Hilfe bekommen kannst, zerstört den Menschen im Inneren. Das Böse, das uns gegenüber steht, ist viel größer als wir. Aber die Offenheit und Bereitschaft, dass man uns beisteht, gibt uns die Hoffnung, dass es vorüber geht. Die ersten Wochen der Invasion erlebte ich in Kiev. Die Hauptstadt und die Dörfer in der Nähe waren wie paralysiert. Die humanitäre Hilfe, die zu uns kam, hat uns das Gefühlt gegeben, die Menschen, auch die, die uns nicht kennen, sind uns nah. Vielen Menschen hat die Hilfe – auch im Ausland, wo sie aufgenommen wurden – das Leben gerettet. In der Dunkelheit des Krieges ist die Solidarität unter den Menschen das Zeichen, dass wir das Böse besiegen können. Das ist ein Beistand für das Gute. Damit wird Frieden realistisch.
Wenn Sie den Menschen in Tirol eine einzige Botschaft mitgeben könnten: Was sollten wir über die Menschen in der Ukraine, über den Glauben im Krieg und über die Hoffnung auf Frieden nicht vergessen – und wie können wir weiterhin konkret helfen?
Die Erfahrung des Leidens bringt dich auf die Suche nach Unterstützung. Die Quelle jeder Art von Hilfe und Unterstützung ist Gott. Wenn man ihm begegnet, wenn man zu ihm kommt, dann erlebt man seine Präsenz im Gespräch mit ihm. Man sieht, dass Gott ebenfalls gelitten hat. Aber sein Leiden hat für jeden Menschen die Tür zum Paradies geöffnet. Der Glaube, jedes einzelnen von uns ist letztendlich die Rettung für die ganze Menschheit. Durch den Glauben der Menschen kann Gott in unserer Welt handeln. Wenn wir Gottes Liebe spüren, sind wir von ihr inspiriert und können diese Liebe auch ausstrahlen. Diese Welt hat Durst nach Gottes Liebe. Lasst uns auf der Suche nach dieser Quelle sein, um daraus zu schöpfen und es an andere weiterzugeben.
Die Menschen in Tirol, die Einheimischen hier haben schon immer das, was sie von Gott empfangen haben, mit uns Ukrainern geteilt: Vier Selige unserer Kirche haben im Canisianum in innsbruck studiert. Sie gaben ihr Leben für den christlichen Glauben. Zwei andere große Persönlichkeiten unsrer griechisch-katholischen Kirche haben hier in Innsbruck studiert und dienten unserem Volk in schweren Zeiten im Untergrund. Bitte teilen Sie dieses Licht Gottes weiter, Gottes Gastfreundschaft und die Liebe, die Sie in sich tragen.
Szenen aus der Göttlichen Liturgie
Hier wäre ein Youtube video
Inhalte von externen Medien werden standardmäßig blockiert. Wenn Cookies von externen Medien akzeptiert werden, bedarf der Zugriff auf externe Inhalte keiner manuellen Zustimmung mehr.