Zeuge des Glaubens in dunklen Zeiten

In Karres erinnert eine neue Gedenktafel an den Priester und Caritas-Präsidenten Josef Steinkelderer.

Am Sonntag, 26. Juli, begeht die Pfarre Karres den Annatag, das zweite Patrozinium der Pfarrkirche zu den heiligen Stephanus und Anna. Im Rahmen der traditionellen Kirchtagsprozession wird auf dem neu gestalteten Dorfplatz vor dem Widum eine Bronzetafel für Dr. Josef Steinkelderer gesegnet. Die Tafel trägt den Titel „Zeuge des Glaubens in dunklen Zeiten“ und würdigt einen Priester, dessen Lebensweg beispielhaft für Glaubenstreue, Gewissensstärke und Menschlichkeit in einer Zeit politischer Verfolgung steht.

 

Mutiger Widerstand gegen das NS-Regime 

Josef Steinkelderer wurde 1904 in Innsbruck geboren und 1932 zum Priester geweiht. Nach dem „Anschluss“ Österreichs verlor er aufgrund seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus seine Stelle als Religionslehrer. Im April 1938 übernahm er die Aufgabe des Pfarrprovisors in Karres. Dort zeigte sich schon bald seine Bereitschaft, auch unter schwierigen Umständen für seinen Glauben einzustehen.

 

Beim Herz-Jesu-Fest 1938 ließ er die weiß-gelbe Fahne des Papstes am Kirchturm hissen – ein sichtbares Zeichen kirchlicher Verbundenheit in einer Zeit zunehmender Repressionen. Als die Fahne während einer Prozession von SA-Männern entfernt wurde und wenig später ein Kruzifix geschändet wurde, verlangte Steinkelderer gemeinsam mit Dorfbewohnern eine offizielle Untersuchung des Vorfalls. Sein Einsatz brachte ihn ins Visier der Nationalsozialisten. Bereits im August 1938 wurde er verhaftet, misshandelt und inhaftiert. Eine weitere Verhaftung folgte im November 1939.

 

Leidensweg in den Konzentrationslagern 

Nach seiner erneuten Festnahme wurde Steinkelderer zunächst in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert und später in das KZ Dachau überstellt. Dort blieb er bis März 1945 inhaftiert. Die Jahre waren geprägt von Hunger, Krankheit, Schikanen und ständiger Erniedrigung. Dennoch hielt er wie viele andere inhaftierte Geistliche an seinem Glauben fest. Heimliche Gottesdienste, gemeinsames Gebet und die Solidarität unter den Gefangenen wurden zu Zeichen des inneren Widerstands gegen die nationalsozialistische Gewalt.

 

Die neue Gedenktafel zeigt deshalb nicht nur sein Porträt, sondern auch seine Häftlingsnummer – als Erinnerung daran, dass ein unmenschliches System versucht hatte, den Menschen hinter einer Nummer verschwinden zu lassen.

Zeuge des Glaubens in dunklen Zeiten
Foto: Pfarre Roppen
Caritas-Präsident und Sozialpionier

Nach seiner Befreiung zog sich Steinkelderer nicht zurück. Er wurde mit dem Aufbau der Caritas in Tirol betraut und entwickelte die Organisation entscheidend weiter. Als Caritas-Präsident setzte er sich für Familien, Flüchtlinge, Jugendliche und Menschen in Not ein. Dank seiner internationalen Kontakte und seines großen persönlichen Einsatzes entstanden neue Formen der Familienhilfe, Flüchtlingshilfe, Jugendhilfe und des sozialen Wohnbaus. Um Mittel für diese Aufgaben zu beschaffen, unternahm er sogar Reisen ins Ausland.

 

Der spätere Caritas-Präsident machte die Erfahrung von Verfolgung und Leid zu einer Quelle seines sozialen Engagements. Sein Wirken prägte die kirchliche Sozialarbeit in Tirol nachhaltig. Bis zu seinem Tod im Jahr 1972 blieb er eine der bedeutenden Persönlichkeiten der Tiroler Caritas und ein überzeugender Anwalt jener Menschen, die auf Unterstützung angewiesen waren.

 

Erinnerung als Auftrag 

Lange Zeit war das Schicksal Steinkelderers in Karres kaum präsent. Die neue Gedenktafel holt seine Geschichte nun wieder ins öffentliche Bewusstsein. Sie erinnert an einen Priester, der für seine Überzeugungen einen hohen Preis bezahlte, und an den späteren Caritas-Präsidenten, der nach den Schrecken der NS-Zeit sein Leben in den Dienst von Solidarität und Nächstenliebe stellte. Mit der Segnung am Annatag erhält sein Lebenszeugnis einen bleibenden Platz im Gedächtnis der Gemeinde.

 

In Band 3 der Schriftenreihe notae der Diözese Innsbruck wird das Leben des Priesters und ersten Tiroler Caritasdirektors anhand seiner Briefe und Tagebücher aus dem Konzentrationslager dokumentiert.

Caritas-Präsident und Sozialpionier

Foto: Archiv

Caritas-Präsident und Sozialpionier

Foto: Archiv