Wörthersee: Denken, Sprechen und Tun "entfeinden"

Tausende bei traditioneller nächtlicher Marien-Schiffsprozession mit Bischof Hermann in Kärnten zu Mariä Himmelfahrt

Vor dem Errichten von Feindbildern in der Gesellschaft hat Bischof Hermann Glettler bei der traditionellen Marien-Schiffsprozession am Kärntner Wörthersee zu Mariä Himmelfahrt gewarnt. "Entfeinden wir unser Denken, Sprechen und Tun", rief Glettler bei der nächtlichen Prozession am Samstagabend auf. Eine "Herzens-Hygiene" sei vonnöten, "dass wir nicht die Menschen um uns herum, die Fremden, die Andersgläubigen, die sozial Schwachen zu Feinden erklären".

 

An der vom Kärntner Bischof Josef Marketz geleiteten Schiffsprozession mit einem vielfältigen Rahmenprogramm an den Anlegestellen Klagenfurt, Krumpendorf, Pörtschach, Velden und Maria Wörth nahmen tausende Besucherinnen und Besucher teil.

 

Der Innsbrucker Bischof Glettler stellte in seinen Kurzansprachen bei den fünf Anlegestellen Maria als Quelle von Hoffnung und Vertrauen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Mariä Himmelfahrt sei ein "antidepressives Fest der Entlastung von allem, was Menschen hinunterzieht, was sie bedrückt und bedrängt - die vielen Zumutungen des Lebens und die vielen Ängste".

 

Maria wisse um die "unzähligen Momente der Hoffnungslosigkeit" in der aktuellen Zeit, so Glettler. "Sie hält diese Momente mit uns aus, sie bewahrt uns davor, alles hinzuschmeißen, gleichgültig oder aggressiv und hart zu werden", wandte sich der Bischof an die Gläubigen. Mit Maria könne man sich von aller Resignation und Gleichgültigkeit zum Trotz von Gott aufrichten lassen zu echter Menschlichkeit.

 

Gegen die "Volkskrankheit der Vereinsamung" rief Glettler dazu auf, Maria als Vorbild für eine "Wallfahrt zum Nächsten" zu nehmen. Auch dürfe Leben nicht nach einem rein oberflächlichen Nutzen oder ökonomischen Wert bemessen werden.

 

Musikalisch gestaltet wurde die heuer zum 72. Mal abgehaltene Schiffsprozession vom Chor- und Bläserensemble der Dommusik sowie von einem Quartett der "Kärntner aus Maria Wörth". Die Tradition der Marien-Schiffsprozession am Kärntner Wörthersee geht auf das Jahr 1954 zurück. Damals kam aus dem bekannten Wallfahrtsort Fatima in Portugal eine Marienstatue für die St. Josef-Kirche nach Klagenfurt-Siebenhügel.

 

Um diese Statue festlich in die Kirche einzuführen, kam man auf die Idee, sie mit einem Schiff von Velden zum Klagenfurter Ufer zu bringen. Vom Ufer trug man sie in einer Lichterprozession zur Kirche. Die Teilnahme an dieser ersten abendlichen Marienfahrt war so groß, dass man sich entschloss, jedes Jahr zum Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel diese Statue in einer nächtlichen Schiffsprozession über den Wörthersee zu führen.

 

Eine Meldung von www.kathpress.at 

Wörthersee: Denken, Sprechen und Tun "entfeinden"
Fotos: Hannes Hübler

Maria hilf! 5 aktuelle Anrufungen

Anlässlich der Schiffsprozession am Wörthersee – 15. August 2026, Hochfest Maria Himmelfahrt – fünf kurze marianische Predigtimpulse von Bischof Hermann Glettler. Ausgangspunkt ist das Mariahilf-Bildnis von Lucas Cranach in der Domkirche von Innsbruck.

1. Maria hilf – du Mutter einer verlässlichen Hoffnung!  

Wir feiern heute ein „erhebendes“ Fest, Maria Aufnahme in den Himmel. Es ist ganz offensichtlich ein antidepressives Fest der Entlastung von allem, was Menschen hinunter zieht, was sie bedrückt und bedrängt – die vielen Zumutungen des Lebens und die vielen Ängste. 

Die Mutter Jesu wurde von Gott erhoben, mit Leib und Seele, in die volle Gemeinschaft mit ihm – nicht um uns zu verlassen, sondern um uns nahe zu sein. Ja, Maria ist uns nahe! Sie ist keine Abgehobene, im Gegenteil: Ihre Bodenhaftung tröstet, weil sie selbst alles durchgemacht hat. 

Mein Vater hat uns mit seiner Urfröhlichkeit gelehrt, aufzuschauen, zu staunen und Gott für das herrliche Leben zu danken. Kaum, dass er ohne einen alten Schlager oder einen Jodler auf den Lippen auf den Hof unserer Landwirtschaft hinausging. Das war eine Schule fürs Aufschauen. 

Maria weiß um die unzähligen Momente der Hoffnungslosigkeit in unserer Zeit. Und sie hält diese Momente mit uns aus. Sie bewahrt uns davor, alles hinzuschmeißen oder gleichgültig in die eigene Bubble abzutauchen. Sie bewahrt uns auch davor, aggressiv und hart zu werden. 

Maria hilf – du Mutter einer verlässlichen Hoffnung, dass wir uns von Gott „erheben“ und aufrichten lassen – zu echter Menschlichkeit – aller Resignation und Gleichgültigkeit zum Trotz! 

 

2. Maria hilf – du allzeit Ansprechbare!  

„Wir müssen vom Modus der Aggression in den Modus der Ansprechbarkeit kommen“, sagte der Leipziger Soziologe Hartmut Rosa. Ein bleibend gültiger Hinweis. Aggression hat viele hässliche Gesichter, immer wieder erschütternde Exzesse von Gewalt, nicht zuletzt gegen Frauen.  

Ansprechbar werden – geht nur, wenn wir das Hinhören erlernen. Nicht das oberflächliche Auf-Durchzug-Schalten oder das scheinbare Hören, um mit Gegenargumenten aufzurüsten. Durch wirkliches Hören wächst Verbundenheit. Das Nicht-Hören ist eine Verweigerung von Beziehung. 

Im Norden Jordaniens wurde im Jahr 2012 von UNHCR für syrische Flüchtlinge das weltweit größte Lager angelegt mit 150.000 Menschen. Gute Versorgung und dennoch Revolten, Gewalt u.a.. Die Lagerleitung verbarrikadierte sich, bis Kilian Kleinschmidt als neuer „Bürgermeister“ erstmals den Geflüchteten zugehört hat und sie sich als Menschen wahrgenommen fühlten. 

Maria ist uns als wirklich Hinhörende ein Vorbild. Was sie gehört hat, ging ihr zu Herzen, blieb nicht oberflächlich, hat sie geformt. Das Hören ist ein physisch-sinnlicher und zugleich zutiefst geistlicher Vorgang. Wir brauchen Stille, tägliche Unterbrechungen, um menschlich zu bleiben. 

Maria hilf – du allzeit Ansprechbare, dass wir nicht in der Zerstreuung unserer Zeit unsere Herzensenergie verlieren und überhören, was uns Gott ins Herz flüstert! 

 

3. Maria hilf – du Geburtshelferin neuen Lebens!  

Maria eilte zu Elisabeth, die schon im sechsten Monat schwanger war – eine enorme Strecke durch das Bergland Judäas – und blieb dort drei Monate. Bestimmt ist sie nicht unmittelbar vor der Geburt des Johannes aufgebrochen. Sie blieb und wurde zur Hebamme, zur Geburtshelferin. 

Ihr entschlossener Aufbruch zum Du ist uns ein Vorbild – und ihr entschlossenes Bleiben, Aushalten, Nicht-davon-Laufen. Aufbrechen zueinander, eine „Wallfahrt zum Nächsten“, dass wir uns nicht an die Volkskrankheit der Vereinsamung gewöhnen. Geburtshilfe für neues Leben! 

Philippe Pozzo di Borgo, bekannt durch den Film „Ziemlich beste Freunde“, erlitt durch einen Unfall eine Querschnittslähmung. Er sagte, dass er damit nicht leben wollte. Zum Glück hatte er Freunde, die für ihn – mit Nähe und Zuspruch – Geburtshelfer für ein neue Zuversicht wurden.  

Wie können wir es anlegen, dass wir den negativen Strömungen unserer Zeit trotzen, dass wir das Leben nicht nach einem oberflächlichen Nutzen oder ökonomischen Wert bemessen? Dass wir den Vulnerablen nahe bleiben und das Menschliche „zur Welt bringen“ helfen? 

Maria hilf – du Geburtshelferin neuen Lebens, dass wir uns gegenseitig nicht im Stich lassen, dass wir neugierig genug bleiben „füreinander“, hilfreich für das Neue, das Gott schenkt. 

 

4. Maria hilf – du unerhört tapfere Frau!  

Die Serie der Enttäuschungen, die Maria zu ertragen hatte, ist beeindruckend – traditioneller Weise als Schmerzen Mariens verehrt: Die komplizierten Umstände von der Empfängnis bis zur Geburt, Fluchterfahrung, zunehmende Ablehnung ihres Sohnes bis hin zu seiner Hinrichtung. 

Erinnerung an eine Reise im Jahr 1987 in die damalige Tschechoslowakei. Wir besuchten geheim einen Priester, der an die Grenze zur DDR strafversetzt war. Sein Berufungszeugnis hat junge Leute bewegt. Auch uns. Sein Mut, seine Tapferkeit, sein Glaube geben mir bis heute zu denken. 

Vorsicht (Nr.1) vor der Falle, sich selbst zum Opfer zu erklären – oder sich von Populisten dies einreden zu lassen! Schluss mit dem ständigen Drauflosflegeln auf das „System“! Warum? Weil unsere Welt komplexer ist als uns dies Schlagzeilen und Skandalgeschichten vorgaukeln. 

Vorsicht (Nr.2) vor dem Errichten von Feindbildern! Eine Herzens-Hygiene ist vonnöten, dass wir nicht die Menschen um uns herum, die Fremden, die Andersgläubigen, die sozial Schwachen – ja, sie alle zu Feinden erklären. „Entfeinden“ wir doch unser Denken, Sprechen und Tun! 

Maria hilf – du unerhört tapfere Frau, dass wir uns nicht von falschen Befindlichkeiten und Schuldzuweisungen verführen lassen. Lehre uns deine Tapferkeit!

 

5. Maria hilf – du erfrischende Quelle von Vertrauen!  

Vertrauen ist ein extrem zerbrechliches Gut, die vielleicht kostbarste Ressource in unserer Zeit - angesichts der vielen apokalyptischen Zerstörungsbilder und angesichts der ökologischen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Wie heiß muss es denn noch werden? 

Maria war bei der Demütigung ihres Sohnes dabei und hat die Krise von Golgota hautnah miterlebt – eine Krise, in der die Jünger Jesu zu zerbrechen drohten. Ihre Zukunft war zerstört. Maria war mit ihnen – ebenso bei den Begegnungen mit dem Auferstandenen – bis Pfingsten. 

Die Bilder einer Projektreise in den Südosten der Türkei – in die Provinz Hatya, wo 2023 ein Erdbeben unzählige Häuser und alle Kirchen zerstörte, habe ich vor Augen: Die Gläubigen der rum-orthodoxen Kirche von Antakya vor den Schutthäufen, aber mit einem trotzigen Vertrauen. 

Maria hat mit den Jüngern Pfingsten erfahren, den Ausbruch von Mut und Vertrauen, weil Gott selbst am Werk ist. Erwarten wir doch auch für unsere Gesellschaft und Kirche ein neues Pfingsten! Erbitten wir Gottes Herzensenergie, dass wir „aufbauend“ wirken, wo wir gefragt sind.  

 

Maria hilf – du erfrischende Quelle von Vertrauen, dass uns die Ungewissheit nicht zermürbt. Gerade weil es nicht die raschen Lösungen gibt, borge uns eine große Portion deines Vertrauens!