Papstberaterin: Machtfrage in Kirche vor allem kulturelles Problem
Die italienische Ordensfrau und Theologin Linda Pocher sieht die Diskussion über Macht und Teilhabe von Frauen in der katholischen Kirche vor allem "als kulturelle Problem": Es gehe weniger um Ämter als um Haltungen, so Pocher im Interview mit der Kirchenzeitung "Tiroler Sonntag" (12. März) . Sie war auf Wunsch von Papst Franziskus (2013-2025) in eine Vortragsreihe zur Rolle der Frau eingebunden, die sich an dessen engsten Beraterkreis, den Kardinalsrat, richtete. Der Papst habe sich dabei besonders für theologisches Nachdenken über Berufung und Erfahrungen von Frauen interessiert, so die Professorin für Systematische Theologie in Rom, die am Donnerstag einen Vortrag "Der Umgang mit Macht in der synodalen Kirche - Risiken und Chancen" an der Theologischen Fakultät Innsbruck hält.
Für die Zukunft der Kirche hofft die Ordensfrau auf ein gemeinsames Verantwortungsverständnis von Frauen und Männern. Ziel sei "eine Kirche, die Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Reichtum versteht" und glaubwürdig werde, "weil sie selbst das lebt, was sie verkündet: Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit und Anteilnahme".
Bis dato sei die Machtfrage in der Kirche vor allem eine Frage der Mentalität, erklärte Pocher: "Wenn Macht als Besitz verstanden wird, entsteht Klerikalismus. Wenn sie als Dienst verstanden wird, wird sie fruchtbar." Kirchliche Strukturen und Traditionen hätten lange dazu beigetragen, Macht zu sichern statt zu teilen, etwa durch Sprache, Symbole und unausgesprochene Selbstverständlichkeiten, "die Machtverhältnisse verstärken". Erst wenn solche kulturellen Muster erkannt und hinterfragt würden, könne die Kirche "gerechter und synodaler werden", so die italienische Ordensfrau im Interview.
Auf Wunsch von Papst Franziskus hatte die Ordensschwester 2024 eine Vortragsreihe zur Rolle der Frau in der katholischen Kirche organisiert, bei der auch die anglikanische Bischöfin Jo Bailey Wells zu Wort kam. Den Grund für ihre Einladung erklärte Pocher u.a. mit ihrer Expertise zum Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar (1905-1988), der das marianische und petrinische Prinzip der Kirche geprägt hat; ersteres betont die empfangende und mütterliche Dimension der Kirche, während das "petrinische Prinzip" die ministerielle und hierarchische Dimension repräsentiert.
"Es ging nicht um eine isolierte Stellungnahme, sondern um die Frage, wie die Kirche heute die Erfahrungen und die Berufung von Frauen im Licht ihrer Sendung denkt", so die Theologin. Ziel sei weniger eine schnelle Antwort gewesen als vielmehr das gemeinsame Ringen um ein tieferes theologisches Verständnis.
Ihre Begegnungen mit Franziskus beschreibt die Theologin als von "großer Freiheit und echtem Zuhören" geprägt. Der Papst habe "offene Fragen, auch zu schwierigen Themen" gestellt und ein echtes Interesse gezeigt, "zu verstehen, nicht nur Antworten zu geben". Papst Leo XIV. habe sie noch nicht persönlich getroffen. Aber viele Frauen würden nun darauf warten, "ob der synodale Weg weiterhin echte Beteiligung und Gehör ermöglichen wird", so Pocher über die Erwartungen an den neuen Papst.
Pocher ist Expertin für die Frauenfrage in der katholischen Kirche. Die vierteilige Vortragsreihe für den Kardinalsrat (C9) zum Thema Frau in der Kirche wurde in vier Bänden unter dem Titel "Die Kirche entmännlichen?" (Smaschilizzare la Chiesa?) veröffentlicht. Derzeit lehrt die Don Bosco Schwester Christologie und Mariologie an der Päpstlichen Fakultät für Erziehungswissenschaften Auxilium in Rom, wo sie zudem die Verantwortung für die Schule für Integrale Ökologie Custodi del Giardino trägt.
Eine Meldung von www.kathpress.at