Optimismus oder Hoffnung? Wie wir in Krisen bestehen
Kann christliche Hoffnung die Erwartung eines guten Lebens auch in Zeiten vielfältiger Krisen glaubhaft machen? Welche Ressourcen erschließt das Christentum, wenn es von Hoffnung spricht, und worin unterscheidet sich diese vom Optimismus? Diesen Fragen widmetenn sich die Innsbrucker Theologischen Sommertage 2026. Die Beiträge beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven der Theologie und christlichen Philosophie und setzten christliches Offenbarungsverständnis, gesellschaftliche Entwicklungen und religiöse Praxis in Beziehung zueinander.
Ein Höhepunkt der Innsbrucker Theologischen Sommertage war die Abendveranstaltung am Montag. Mit dem Vortrag „Die Gegenwart des Abwesenden. Hoffnung, wenn Trost unmöglich scheint“ eröffnete Andree Burke, der die Professur für Pastoraltheologie an der Universität Innsbruck innehat, einen Gesprächsraum zwischen Theologie, Kunst und Seelsorge. Im Anschluss diskutierten die Künstlerin Carmen Brucic, die Klinikseelsorgerin Agnes Hackl und der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler unter der Moderation von Claire Geyer über die Bedeutung von Hoffnung in alltäglichen und existenziellen Lebenssituationen. Im Zentrum stand die Frage, wofür christliche Hoffnung heute steht.
Andree Burke verbindet das Hoffnungsereignis mit dem „Anfangendürfen“ als Grundbegriff seelsorglicher Praxis. Dort, wo kein Trost möglich scheint und Menschen ihrer Ohnmacht ins Auge blicken, ist christliche Hoffnung nach Burke gerade kein Vertrösten: „Christliche Hoffnung fordert also vor allem zur Wachsamkeit und Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt auf. Sie sagt nicht einfach: Es wird alles gut werden. Sondern sie sucht in allem nach der Güte der Zuwendung Gottes, auch und gerade im Leid.“
Einen konkreten Weg, mit diesem Hier und Jetzt umzugehen und darin handlungsfähig zu bleiben, eröffnen Rituale. Für die Klinikseelsorgerin Agnes Hackl sind Rituale ein zentrales Mittel, um Unsagbares zur Sprache zu bringen. In Momenten der Sprachlosigkeit vermögen sie zu benennen, was Worte nicht fassen können. Die Künstlerin Carmen Brucic setzt mit ihrer Arbeit genau hier an: Sie sucht künstlerische Formen, die Erfahrungen Ausdruck verleihen, für die es keine Worte gibt.
Gerade in einer Zeit, die von Krisenerfahrungen und gesellschaftlichen Verunsicherungen geprägt ist, betonte Bischof Hermann Glettler, wie wichtig es sei, Trostlosigkeit auszuhalten und sich innerlich mit Menschen zu verbinden, die diese Erfahrung machen. Denn „jeder wirkliche Hoffnungsweg beginnt in diesem Aushalten, in der Erfahrung der Ohnmacht. Hoffnung geht den Weg des vollkommenen Aushaltens in diesem Jetzt und dem gleichzeitigen Wissen, dass etwas Neues beginnen kann“, so Glettler.
Es gehe dabei nicht darum, Hoffnung zu machen, sondern Hoffnung zu bewahren. Nach Ansicht des Pastoraltheologen Burke zeichnet sich christliche Hoffnung durch das Vertrauen auf eine Zukunft aus, die offen ist: „Dieses Vertrauen besteht im Vertrauen auf den, der die Zukunft schenkt.“
Sowohl Bischof Hermann Glettler als auch Andree Burke betonen, dass die Qualität christlicher Hoffnung darin besteht, sich dem Machbarkeitsdenken zu entziehen. Hoffnung ist nicht herstellbar und nicht produzierbar. Sie erscheint vielmehr als geschenkte Zukunftskraft, die Menschen zutraut, im Heute standzuhalten und zugleich neu zu beginnen. Diese Deutung sei gerade für die Gegenwartsgesellschaft von besonderer Bedeutung: „Wenn die Hoffnung fehlt, dann verkümmert eine Gesellschaft und wird aggressiv. Wenn diese innere Kraft der Hoffnung fehlt, die nicht produzierbar und nicht machbar ist, deshalb auch eine göttliche Tugend, dann gibt es eine Neigung, das Schwere zu verdrängen, gleichgültig werden zu lassen oder auszublenden“, so Glettler.
Auch der Universitätsstudiengang Pastoral brachte sich mit einer praxisbezogenen Ouvertüre zum Thema „Hoffnungsmomente in pastoralen Situationen“ in die Sommertage ein. Die weiteren Vorträge spannten den Bogen vom Begriff der Hoffnung über politische Herausforderungen der Gegenwart und biblische Perspektiven bis hin zu empirischen Ansätzen zur Hoffnung in Krisenzeiten.
Zu den weiteren Vortragenden und Mitwirkenden der Innsbrucker Theologischen Sommertage zählen Nikolaus Wandinger, Wilhelm Guggenberger, Winfried Löffler, Mira Stare, P. Martin Hasitschka SJ, Willibald Sandler, Elisabeth Sandler, Andreas Vonach, Claire Geyer, Liborius Lumma, Bernhard Kathrein-Wieser und Sarah Pieslinger.
Nachzulesen sind die Beiträge im kürzlich erschienenen Tagungsband „Optimismus oder Hoffnung? Wie wir in Krisen bestehen“ (Andree Burke, Claire Geyer, Sarah Pieslinger, Nikolaus Wandinger [Hg.], ISBN 978-3-99106-202-8, innsbruck university press).
Nachzuhören sind die Beiträge in Kürze auf Radio Grüne Welle: https://www.rgw.it
Sarah Pieslinger