Kirche und Kunst unterbrechen laute und gereizte Welt

Wiener Gesprächsabend "KA-Salon" über Gegenräume in Zeiten der Beschleunigung und Digitalisierung

Kunst und Religion verbindet nach Einschätzung von Experten aus beiden Bereichen eine zentrale gemeinsame gesellschaftliche Funktion: Sie schaffen Räume des Innehaltens, der Unterbrechung und der Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen des Menschseins - "dort, wo die großen Themen des Lebens verhandelt werden". Das war der Tenor des Gesprächsformats "KA-Salons" am Mittwochabend in Wien, zu dem die Katholische Aktion (KAÖ) unter dem Motto "Brot, Wein und Kunst" die Schauspielerin Selina Ströbele und den Innsbrucker Bischof Hermann Glettler geladen hatte. Die Moderation übernahm KAÖ-Präsident Ferdinand Kaineder.

 

Sowohl künstlerische als auch religiöse Praktiken könnten als Gegenräume in einer zunehmend beschleunigten und digitalisierten Gesellschaft wirken, so die Einschätzung der Gesprächspartner. Beide Bereiche ermöglichen "Reflexion jenseits von Effizienzlogiken und permanenter Verfügbarkeit". Oder, wie Bischof Glettler formulierte: "Kunst kann beruhigen und stören", auch "Stille bringen", was in der Gegenwart eine sehr wichtige Aufgabe sei. "Kunst hat, genau wie die Religion, die Funktion des Unterbrechens, des Hörens und des Raummachens", so Glettler, zuständig für Kunst und Kultur in der Bischofskonferenz.

 

KAÖ-Präsident Ferdinand Kaineder verwies in diesem Zusammenhang auf die digitale Transformation: "Algorithmen können nicht innehalten und schweigen. Das können nur Menschen, und die Kunst hilft uns dabei." Kunst könne auch dazu inspirieren, den eigenen Blick auf gesellschaftliche Realitäten zu prüfen und sich daraufhin zu engagieren.

 

Auf Kunst als Kommunikations- und Erfahrungsraum verwies indes Schauspielerin Ströbele: "Kunst behandelt das Menschsein. Ich kann in meinem Beruf Dinge sichtbar machen, durch die sich Menschen verstanden fühlen. Das kann auch provozieren, im Einzelnen Gedanken und in der Gesellschaft Debatten anstoßen, wie etwa die vieldiskutierte Skulptur der gebärenden Maria im Linzer Dom." Zugleich sei Kunst aber auch "einfach tägliche Arbeit, um die Miete zu zahlen".

 

Transformation von Kirchengebäuden
Ein Schwerpunkt des Gesprächs war auch die zukünftige Nutzung sakraler Räume. Vor dem Hintergrund sinkenden Bedarfs wurde diskutiert, wie Kirchengebäude weiterentwickelt werden können, ohne ihre spirituelle Funktion zu verlieren. 

 

Bischof Glettler verwies auf ein Projekt in Innsbruck, bei dem die Pfarrkirche Petrus Canisius teilweise umgestaltet wird. Dort entsteht eine Boulderhalle, während der Altar im Zentrum erhalten bleibt und weiterhin liturgisch genutzt wird. "So eine Transformation birgt natürlich logistische und emotionale Herausforderungen", sagte Glettler. "Wir müssen im Dialog die Gläubigen auf diesem Weg mitnehmen, da solche Veränderungen oft irritieren." Gleichzeitig betonte er, die Kirche bleibe auch in dieser Transformation "der Raum, wo man nichts liefern muss, wo der Mensch zur Ruhe kommt und Gott begegnet".

 

Liturgie als Kulturausdruck
Als weiteren Schnittbereich von Religion und Kunst machten die Gesprächsteilnehmer die kirchliche Liturgie aus, da diese mit ihren Ritualen, Musik und Gewändern selbst Elemente der Inszenierung enthalte und als kulturelle Ausdrucksform verstanden werden könne. Im Sinne einer Weiterentwicklung kirchlicher Praxis sprachen sich die Diskutanten für offenen Dialog und neue Formate wie etwa "Theatergottesdienste" oder kulturelle Interventionen aus, die Tradition und Gegenwart verbinden. 

 

Eine Meldung von www.kathpress.at 

Kirche und Kunst unterbrechen laute und gereizte Welt
v.l.n.r.: Hermann Glettler, Selina Ströbele, Ferdinand Kaineder – Foto: KAÖ