Ethikforum: Wie geht’s der Seele in Social Media?

Nachbericht zur Veranstaltung im Rahmen der "Woche für das Leben" 2026 von Verena Sauermann, Fachreferentin für Gesellschaftspolitik und Ethik im Haus der Begegnung

Beim Ethikforum der Diözese Innsbruck am 2. Juni 2026 betonte Bischof Hermann Glettler, dass die Frage nach der seelischen Gesundheit junger Menschen im digitalen Raum zu einer zentralen gesellschaftlichen Aufgabe geworden ist. Er verwies auf die Enzyklika Magnifica humanitas, in der Papst Franziskus davor warnt, dass Künstliche Intelligenz menschliche Urteilskraft und Beziehung überlagern kann. Technologische Entwicklungen müssten sich stets an der Würde des Menschen orientieren – ein Leitgedanke, der die Diskussion über Freiheit, Schutz und Verantwortung in sozialen Medien prägte.

 

Kinder- und Jugendpsychiaterin Kathrin Sevecke berichtete von Jugendlichen, die deutliche Suchtmerkmale zeigen, von Radikalisierungstendenzen und eskalierenden Familiensituationen bis hin zu Polizeieinsätzen, wenn Handys oder WLAN abgeschaltet werden. Der Vergleich mit Substanzabhängigkeiten wurde kontrovers diskutiert, machte aber deutlich, dass besonders Jugendliche aus belasteten oder armutsbetroffenen Familien gefährdet sind. KI-generierte Idealbilder verstärkten zudem depressive Symptome und Essstörungen.

 

Kinder- und Jugendanwalt Lukas Trentini erinnerte daran, dass nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene mit den Mechanismen sozialer Medien kämpfen. Pauschale Verbote seien heikel, weil sie Kinderrechte berühren. Dennoch hielten viele am Podium ein Social-Media-Verbot bis 14 für sinnvoll, solange es keine besseren Schutzmechanismen gibt.

 

Kerstin Kuba Nimmrichter von Saferinternet betonte die gemeinsame Verantwortung von Politik, Eltern und Schule. Sie appellierte an Eltern, ihren Kindern analoge Erlebnisse zu ermöglichen, Zeit zu schenken und selbst Vorbilder zu sein. Gleichzeitig warnte sie vor einer Überwachungskultur: Kinder müssten lernen, Wege alleine zu bewältigen – auch ohne ständige Erreichbarkeit, Tracking oder Handyuhr. Auch Trentini unterstrich, dass Erziehungsberechtigte Jugendlichen etwas zutrauen sollten. Überbehütung im digitalen Raum löse keine Probleme; vielmehr brauche es Vertrauen, klare Regeln und echte Begleitung.

 

Schülervertreter Sixtus Schmiderer verwies auf eine eigene Studie zur mentalen Gesundheit und zog ebenfalls den Vergleich zu Alkohol: Auch dort gebe es klare Altersgrenzen. Gleichzeitig hob er hervor, dass Social Media für viele Jugendliche eine wichtige Informationsquelle ist – etwa durch Nachrichtenformate wie die ZIB auf Instagram oder TikTok. Kuba und Trentini erinnerten daran, dass Social Media auch Zugehörigkeit schaffen kann, etwa für queere Jugendliche in ländlichen Regionen, die online erfahren, dass sie nicht allein sind.

 

Moderatorin Angelika Stegmayr verglich den Umgang mit Smartphones mit dem Schulweg: Während Eltern ihren Kindern genau erklären, wie man sicher über die Straße geht, fehle diese Begleitung im digitalen Raum oft völlig. Aus dem Publikum berichtete eine Familienhelferin von Jugendlichen in einer betreuten Wohngruppe, die aggressiv reagieren, wenn ihnen das Handy entzogen wird – ein Beispiel dafür, wie stark die Abhängigkeit in vulnerablen Lebenslagen sein kann.

 

Am Ende herrschte Einigkeit darüber, dass Social Media von mächtigen Tech-Konzernen geprägt wird, deren Geschäftsmodelle auf Aufmerksamkeit basieren. Entscheidend sei daher nicht ein generelles Verbot, sondern die Frage, wie Jugendliche begleitet werden und wie viel analoge Stabilität ihr Umfeld bietet. Das Ethikforum schloss mit einem Appell: Bewusstsein schaffen, Wissen weitergeben und Jugendlichen echte Aufmerksamkeit und analoge Zeit schenken – damit digitale Räume menschenwürdig gestaltet werden können.

Ethikforum: Wie geht’s der Seele in Social Media?
Fotos: Cincelli/dibk