Bischof Hermann Glettler: "Mutige machen Mut"
Das Pfingstfest als Gegenmodell zu Angst, Rückzug und Spaltung: Mehrere österreichische Bischöfe - Salzburgs Erzbischof Franz Lackner, der Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler und der Feldkircher Bischof Benno Elbs - haben am Pfingstsonntag den Heiligen Geist als Kraft zur Versöhnung und Erneuerung dargelegt. Angesichts internationaler Krisen, wachsender Polarisierung und gesellschaftlicher Unsicherheit brauche es mehr denn je Hoffnung, Verständigung und die Bereitschaft zum Aufbruch.
Bischof Hermann Glettler stellte seine Predigten im Innsbrucker Dom und anlässlich des Pennälertags der katholischen österreichischen M ittelschulverbindungen in der Innsbrucker Jesuitenkirche unter das Motto "MUTeinander", auch das Motto der österreichweiten Langen Nacht der Kirchen am 29. Mai. Pfingsten sei eine Gegenbewegung zu Wut, gesellschaftlicher Entfremdung und wachsender Ich-Bezogenheit. Der Heilige Geist stifte zu "Mut-Ausbrüchen" an und befähige Menschen zu Zivilcourage, Mitgefühl und solidarischem Handeln, führte der Bischof aus.
In einer Zeit globaler Aufrüstung und zunehmender Spannungen brauche es Menschen, die Beziehungen stärken und Hoffnung weitergeben, so Glettler. "Mutige machen Mut", betonte der Bischof. Pfingsten stehe für einen "Zukunftsmut", der Menschen befähige, sich nicht von den negativen Dynamiken der Gegenwart bestimmen zu lassen. "Mut, sich wandeln zu lassen, um Menschen zu werden, die nicht in den negativen Dynamiken der Zeit gefangen bleiben, sondern eine Alternative leben."
Eine Meldung von www.kathpress.at
MUTeinander – ein anderes Wort für Pfingsten!
Einleitung: Pfingsten ist ein Fest der Überraschung. Die Jünger haben nicht erst am 50. Tag nach dem Pessah-Fest, sondern zuvor schon die Erfahrung des Heiligen Geistes gemacht. Davon spricht das heutige Evangelium. Jesus, der Auferstandene, überrascht die verzagten Jünger, kommt auf sie zu, trat in ihre Mitte und sprach sie an – mit dem zutiefst heilsamen Wunsch: Shalom! Friede! Es war seine Initiative, sein Entgegenkommen, sein plötzliches Dasein, das die Wende gebracht hat. Und der Höhepunkt der Begegnung: Jesus hauchte sie an – und sagte ihnen zweimal (!) seinen Geist zu. Das war die pfingstliche Anstiftung zu einem wahren MUT-Ausbruch, zu einem MUTmitherz gegen alle Entfremdung und zu einem MUT-einander, wie das Motto der Langen-Nacht-der-Kirchen heuer lautet.
1. MUTausbruch
In einer Zeit der vielen Belastungen und ungezügelten Empörungen brauchen wir zu den üblichen Wut-Ausbrüchen eine Alternative: Pfingsten! Ein Fest, das zum Sanftmut anstiftet.
Der Heilige Geist schenkt uns einen unerwarteten Mut-Ausbruch, wenn wir ihn darum bitten. Aus den engen Kammern der Ängstlichkeit ruft er heraus, aus den Hafträumen der Verzagtheit und Selbstvorwürfe. Er ist anwaltschaftlich gegenwärtig für mehr Zivilcourage, wenn es drauf ankommt. Zu allererst ist der Heilige Geist der heilsame Friede, der in uns Wohnung nimmt.
Ja: Es braucht Mut, um der Versuchung zur Resignation und zur Anwendung von (verbaler) Gewalt zu widerstehen.
Ich denke an eine Schülerin in einem Gymnasium, die gut im Klassenverband integriert und auch bei allen jugendlichen Dummheiten mit von der Partie war. Als es wieder einmal im Unterricht zu einer kollektiven Verhöhnung von Kirche und Glaube kam, fasste sie den Mut und hielt dagegen. Mit Tränen in den Augen und klarer Stimme. Ihre Mitschülerinnen waren baff, weil sie diesen Mutausbruch nicht erwartet haben. Sie sagte, dass sie in der Kirche auch viel Gutes erlebt habe, auch wenn sie selbst nicht so supertoll gläubig sei. Dieser Auftritt zeigte Wirkung.
2. MUTmitherz
In einer Zeit der verkrampften Selbstoptimierungen und der Vergötzung von Macht und Einfluss brauchen wir eine Alternative: Pfingsten!
Der Heilige Geist wandelt unsere Herzen, wenn wir ihn wirken lassen, wenn wir ihm unser Herz mit seinen gespeicherten Frustrationen und Verhärtungen übergeben - und um eine Verwandlung bitten. Er schenkt uns die Fähigkeit zuzuhören, mit denen, die es schwer haben, mitzufühlen und für sie Zeit und Energie zu investieren.
Ja: Es braucht Mut, um Herz zu zeigen, wo man gebraucht wird und der Versuchung zum Kreisen um sich selbst zu widerstehen.
Ich denke an einen emeritierten Abt eines Klosters, der in einer anderen, fast schon aufgegebenen Niederlassung seines Ordens zusammen mit einem Mitbruder die Stellung hält. Es ist ein Dienst der Gastfreundschaft für Gäste, die Erholung suchen oder eine geistliche Begleitung. Ich habe ihn erlebt. Als ich spät abends zum Kloster zurückkam, hat er auf mich gewartet und mich dann beim Essen bedient. Als ich ihn um sein Geheimnis fragte, warum er so unverdrossen und herzlich sei, gab er zur Antwort: „Ich vertraue auf den Hl. Geist. Er ist meine innere Kraft und Freude. Ohne ihn wäre ich verloren.“ Welch ein Zeugnis von Demut und zärtlicher Kraft!
3. MUTeinander
In einer Zeit des vielfachen Gegeneinanders, der globalen Aufrüstung und Missachtung fundamentaler Grundrechte jedes Menschen brauchen wir eine echte Alternative: Pfingsten!
Der Heilige Geist ist der Meister von Beziehungen. Er kommt dazwischen, wenn wir ihm die Räume unseres Zusammenlebens öffnen. Er lässt uns füreinander dasein, auch wenn wir nicht sofort den Ertrag sehen.
Ja: Es braucht Mut, um der Versuchung zum Ich-fixierten Verlassen der Gemeinschaft und zur Flucht in die kleine Wohlstandsblase zu widerstehen.
Ich denke an eine Krankenhausseelsorgerin, selbst Mutter von vier Kindern, die mir mit strahlendem Gesicht erzählt, wie gern sie seit über 10 Jahren ihren Dienst tut. Wenn sie die Kranke aufsucht und ihnen Zeit schenkt, wird sie meist gefragt, ob sie wirklich von der katholischen Kirche komme. Die Leute sind überrascht, dass eine immer noch jugendlich wirkende Frau sich als Seelsorgerin vorstellt. Und dann kommt alles aus dem Inneren der Menschen heraus. Viel Frust, vielfach Ungesagtes, extrem Persönliches und viele Verwundungen in den Beziehungen. Ihr Dasein, Zuhören und unverkrampftes Mitfühlen wirkt Wunder. Beziehungen können langsam heilen, Vergebung wird möglich. Seelsorge durch das Wirken des Heiligen Geistes – in Menschen, die seine Werkzeuge sind.
Abschluss: Pfingsten ist der von Gott geschenkte Mut – zum Glauben, zum Vertrauen. Mut, sich wandeln zu lassen, um Menschen zu werden, die nicht in den negativen Dynamiken der Zeit gefangen bleiben, sondern eine Alternative leben. Mutige machen Mut! Vor allem schenkt der Heilige einen neuen Zukunftsmut, weil er immer am Werk ist – unvermutet, überraschend, nicht nur im frommen Kontext, sondern überall dort, wo sich Menschen inspirieren und zum Guten anstiften lassen. Frohe, ermutigende Pfingsten!