Bischof Hermann Glettler: Gewaltspirale stoppen

Angesichts der Eskalation in Gaza und im Westjordanland fordert der Innsbrucker Bischof entschlossenes Handeln.

Die anhaltende Gewalt im Nahen Osten erfüllt viele Menschen mit Sorge. Während die Kämpfe in Gaza weiter zahlreiche Opfer fordern, verschärft sich auch die Lage im Westjordanland. Vor diesem Hintergrund nimmt Bischof Hermann Glettler in einer aktuellen Stellungnahme Stellung. Er fordert die Wahrung der Menschenrechte, den Schutz der Zivilbevölkerung sowie ein entschiedenes Eintreten der internationalen Staatengemeinschaft gegen Vertreibung, Zerstörung und Gewalt. In der österreichischen Bischofskonferenz ist er zuständig für den Bereich „Gesellschaftliches Engagement“. Das Statement stützt sich auf Berichte der Vereinten Nationen (UNRWA, OCHA), von "Ärzte ohne Grenzen" sowie auf journalistische Recherchen von ARD/Tagesschau und weiteren internationalen Medien. Im Folgenden das Statement im Wortlaut.

 

Explosive Gewalt im Westjordanland: Wer stoppt die systematische Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung? 

 

Fast täglich tödliche Angriffe in Gaza – und eine Hamas, die ihre Entwaffnung verweigert. Abseits von dieser Tragödie, die eine Unzahl von Todesopfern fordert, eskaliert die Gewalt im von Israel besetzten Westjordanland in unvorstellbarer Weise. Den letzten Ausschlag dafür gaben die tödlichen Zusammenstöße vor zehn Tagen. Aber die Serie der Gewalttaten ist nicht neu.

 

Internationale Beobachter und Menschenrechtsorganisationen dokumentieren seit dem Beginn des Irankrieges eine enorme Zunahme von Gewalt: palästinensische Dörfer und Bauernhöfe werden überfallen, Vieh wird gestohlen, Wasserquellen abgeschnitten sowie Felder und Olivenhaine verwüstet. Mit der Zerstörung von Häusern, Brücken und weiterer Infrastruktur werden Familien zum Verlassen der Gegend gezwungen. Eine systematische Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus der Westbank scheint im Gange zu sein. Die immer aggressiver auftretende Siedlerbewegung wird bei diesem illegalen Vorhaben von höchster Stelle gedeckt.

 

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte erst jüngst Maßnahmen zur beschleunigten Legalisierung weiterer Siedlungsbauten an. Das Völkerrecht ist damit außer Kraft gesetzt. Was tun? Gegen diese unheilvolle Verbindung von Vertreibung und religiös motivierter Landnahme von Neuem protestieren und ein entschlossenes internationales Eingreifen einfordern. Papst Leo XIV. wird jedenfalls nicht müde, diplomatische und politische Lösungen einzuklagen und damit die Tragödien der Gewalt zu stoppen. Doch selbst diese wichtige Stimme ist wie ein ohnmächtiges Flehen um Gerechtigkeit für alle Beteiligten:

 

Klar ist, dass das Existenzrecht Israels und das Recht seiner Bevölkerung auf Sicherheit außer Frage stehen – und dies kann angesichts der Aggression des Iran mit seinen Verbündeten nicht oft genug wiederholt werden. Ebenso klar muss es jedoch auch sein, dass die fundamentalen Rechte des palästinensischen Volkes auf Leben, Freiheit, Heimat, Würde und Zukunft einzuhalten sind. Die aktuelle Politik Netanjahus, vor allem befeuert von den Ministern Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich mit ihren unverhohlenen Plänen zur Annexion des Gazastreifens und der Westbank, muss aufs Schärfste kritisiert und zurückgewiesen werden. Menschenrechte gelten entweder für alle Menschen – oder sie verlieren ihren Sinn. Auch die kleinen christlichen Gemeinden im Heiligen Land sind mitbetroffen. Sie teilen dieselben Sorgen um Sicherheit, Heimat und Zukunft wie ihre muslimischen Nachbarn.

 

Angesichts der Entwicklungen im Westjordanland – und damit steht auch die verzweifelte Situation der Bevölkerung in Gaza in Verbindung – braucht es ein Durchbrechen der Schweigespirale sowie ein entschlossenes, mutiges Handeln der internationalen Staatengemeinschaft: für ein sofortiges Ende von Vertreibung, Zerstörung, Enteignung und Siedlergewalt sowie für den Schutz von Menschen und der lebensnotwendigen Infrastruktur. Nicht zuletzt müssen alle religiösen und kulturellen Stätten, Synagogen, Kirchen und Moscheen ein Tabu für jede ideologisch motivierte Zerstörung sein. Und das Schweigen wird angesichts dieser Tragödien von Gewalt und Unrecht zu einer Form von Mittäterschaft. Geschichte wird einst nicht nur fragen, wer Unrecht begangen hat. Sie wird auch fragen, wer geschwiegen hat.

 

+Hermann Glettler

Diözesanbischof von Innsbruck, in der Bischofskonferenz zuständig für den Bereich „Gesellschaftliches Engagement“ 

  

Dieses Statement stützt sich auf Berichte der Vereinten Nationen (UNRWA, OCHA), von "Ärzte ohne Grenzen" sowie auf journalistische Recherchen von ARD/Tagesschau und weiteren internationalen Medien. 

Bischof Hermann Glettler: Gewaltspirale stoppen
Foto: hosny salah/Pixabay