Bischof Glettler: „Einander Zuversicht borgen“

Diözese Innsbruck ruft zum Welttag der Suizidprävention zu mehr Aufmerksamkeit im Alltag auf. Ein besonderer Fokus liegt heuer auf Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Zum Welttag der Suizidprävention am 10. September stellt die Diözese Innsbruck das aufmerksame Miteinander und die Bedeutung verlässlicher Beziehungen in den Mittelpunkt. Menschen in psychischen Krisen dürfen mit ihren Sorgen nicht allein gelassen werden. Besonders junge Menschen brauchen Menschen, die ihnen Halt geben, zuhören und sie ermutigen, rechtzeitig Hilfe anzunehmen.

„Zuversicht ist für unsere kurzatmige Gesellschaft vermutlich das wichtigste Grundnahrungsmittel, wie Sauerstoff notwendig zum Überleben. Wir müssen zumindest eine kleine Portion Zuversicht gelegentlich einander borgen“, erklärt Bischof Hermann Glettler. Niemand sei davor gefeit, in eine negative Spirale zu geraten, „wo es kein Oberlicht mehr gibt“. Umso wichtiger sei es, füreinander Sorge zu tragen und aufmerksam zu bleiben: „Wir brauchen einander.“

Menschsein geht nur in Beziehungen 

Der Innsbrucker Bischof warnt zugleich davor, sich an die zunehmende Vereinsamung in der Gesellschaft zu gewöhnen. „Menschsein geht nur in Beziehungen. Der christliche Glaube ist von seinem Wesen her ein Vernetzungsprogramm, Gemeinschaft stiftend in großer Vielfalt“, betont Glettler. Gerade in herausfordernden Lebensphasen brauche es Menschen, die da sind, zuhören und Hoffnung vermitteln. „Es ist keine Schwäche, Hilfe anzunehmen. Im Gegenteil: Es braucht Mut, die eigenen Grenzen anzuerkennen.“

Darüber hinaus erinnert Glettler an ein grundlegendes menschliches Bedürfnis: „Jeder Mensch trägt die Sehnsucht in sich, zumindest für eine Person von Bedeutung zu sein.“ Deshalb gelte es, im Alltag aufmerksam zu sein und Wertschätzung zu schenken. „Achten wir darauf, wo wir gefragt sind, jemanden Wertschätzung zu schenken. Das ist ein täglicher Auftrag.“

Praxisblick: Jugendliche ernst nehmen und begleiten 

Andreas Liebl, Berufsschullehrer und Gefängnisseelsorger, begegnet dem Thema Suizidprävention tagtäglich sowohl in der Schule als auch in der Justizanstalt Innsbruck. Aus seiner Erfahrung heraus braucht es in Krisen vor allem Ruhe, Offenheit und ein aufmerksames Ohr.

„Wenn Jugendliche oder Erwachsene belastende oder suizidale Gedanken ansprechen, braucht es zunächst Gesprächsbereitschaft und die Bereitschaft, Sorgen ernst zu nehmen“, betont Liebl. „Oft sind bereits einfache Zeichen menschlicher Nähe wichtig: Zeit für ein Gespräch, ein gemeinsames Gebet oder alltägliche Begegnungen, die Verbundenheit und Halt vermitteln.“

Seelsorge und persönliche Begleitung seien essenzielle erste Schritte, die im Bedarfsfall zwingend durch professionelle psychologische oder therapeutische Hilfe ergänzt werden müssen. Aus seiner Arbeit in der Justizanstalt weiß Liebl, wie wichtig strukturell verankerte Präventionsmaßnahmen sind. Dennoch bleibe jeder Suizid eine menschliche Tragödie, die das gesamte Umfeld tief erschüttere.

Schulkapelle als geschützter Rückzugsort 

Auch auf die hochsensible Begleitung nach einem Suizid bereiten sich Schulen gezielt vor, um Betroffene aufzufangen und Nachahmungseffekte zu verhindern. Eine besondere Rolle kommt dabei der Schulkapelle zu, die einen anderen Zugang ermöglicht als das klassische Klassenzimmer.

„Gerade in der Schulkapelle finden viele junge Menschen einen geschützten Raum der Trauer und der Stille, in dem sie ihre Gefühle ausdrücken, zur Ruhe kommen oder einfach da sein können“, erklärt Liebl.

Die Kirche versteht sich dabei als Ort des Zuhörens. Pfarrgemeinden und kirchliche Einrichtungen bieten Räume, in denen Betroffene Halt finden und Belastendes aussprechen können.

 

Factbox zum Thema Suizid 

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sterben in Österreich jährlich rund 1.200 Menschen durch Suizid. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zählt Suizid zu den häufigsten Todesursachen. In der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen ist er die zweithäufigste Todesursache. Fachleute betonen zugleich, dass viele suizidale Krisen durch rechtzeitige Unterstützung, offene Gespräche und niederschwellige Hilfsangebote bewältigt werden können.

  

HILFE FÜR BETROFFENE: 

Wenn Sie oder Ihnen nahestehende Personen sich in einer schweren psychischen Krise befinden oder Suizidgedanken haben, holen Sie sich bitte Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos unter der Notrufnummer 142 erreichbar. Beratung gibt es auch via Sofort-Chat (täglich 16:00 bis 23:00 Uhr) sowie online unter www.telefonseelsorge.at. 

Bischof Glettler: „Einander Zuversicht borgen“
Seelsorge und persönliche Begleitung seien bei psychischen Krisen essenzielle erste Schritte, die im Bedarfsfall zwingend durch professionelle psychologische oder therapeutische Hilfe ergänzt werden müssen. Foto: Taha Raef auf Unsplash