8. Vom Staunen zur Fürsorge
Ohne ein Staunen verengt sich der Blick: Natur wird zum Objekt und der Mensch wird zum Getriebenen, der oberflächlich konsumiert, maß- los beansprucht und gierig beherrscht. Das Staunen bewahrt uns davor. Unser innerstes Wissen um das Geheimnishafte schützt vor der gefährlichen Banalisierung des Lebens. Das Staunen ist die schönste Weise, sich der Welt zu nähern. Wer es von Neuem erlernt, entdeckt die Schöpfung als überraschende Gabe, mit der gut und fürsorglich umzugehen ist. Ein gelebtes Staunen öffnet neue Perspektiven und weckt die Neugierde. Es ermutigt zur verantwortungsbewussten Forschung und lässt Zusammenhänge neu erkennen.
Zitat
Sein [Franz von Assisis] Zeugnis zeigt uns auch, dass eine ganzheitliche Ökologie eine Offenheit gegenüber Kategorien verlangt, die über die Sprache der Mathematik oder der Biologie hinausgehen und uns mit dem Eigentlichen des Menschen verbinden. Wie es uns geht, wenn wir uns in einen Menschen verlieben, so war jedes Mal, wenn er die Sonne, den Mond oder die kleinsten Tiere bewunderte, seine Reaktion die, zu singen und die anderen Geschöpfe in sein Lob einzubeziehen. Er trat mit der gesamten Schöpfung in Verbindung [...], für ihn war jedes Geschöpf eine Schwester oder ein Bruder, ihm verbunden durch die Bande zärtlicher Liebe. Deshalb fühlte er sich berufen, alles zu hüten, was existiert. [...] Diese Überzeugung darf nicht als irrationaler Romantizismus herabgewürdigt werden, denn sie hat Konsequenzen für die Optionen, die unser Verhalten bestimmen. Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen. Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus waren keine bloß äußerliche Askese, sondern etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln. LS 11
Impulse
Erster Blick: Betrachte ein Lebewesen in deinem näheren Umfeld so, als würdest du es zum ersten Mal sehen. Was fällt dir Neues auf?
Kindliches Staunen: Worüber hast du als Kind gestaunt – und hast du dir dieses Staunen erhalten können bzw. wann und warum hast du es verlernt?
Gebet
DU SCHÖPFER VON RAUM UND ZEIT,
von Sternen und Atomen,
von Lebewesen und Menschen.
Lass uns begreifen,
dass Deine Herrlichkeit jedes Maß übersteigt.
Lass unser Staunen zur lobpreisenden
Bewunderung werden
und jedes Werk aus Deiner Hand
zur Ahnung noch größerer Herrlichkeit.
Bewahre uns vor der Sünde der Überheblichen
und vor falschem Stolz.
Lass uns mit Dankbarkeit
Deinem göttlichen Willen entsprechen
und lege Deine erbarmende Liebe
über all unser Vergehen.
Lass uns zur Ruhe kommen im Wissen,
einst vollendet zu werden in Dir.
Amen.
Unbekannter Physiker (zitiert nach „Hörgott“, Herder, S. 16)
English Summary:
Without wonder, our view of the world becomes narrow: nature turns into an object, and human beings risk consuming, exploiting, and controlling it without measure. Wonder protects us from reducing life to something ordinary or disposable. To marvel is one of the most beautiful ways of approaching the world. It helps us see creation as a surprising gift and encourages us to treat it with care. Wonder opens new perspectives, awakens curiosity, and helps us recognize deeper connections.
Guiding questions:
– Can you look at a living being near you as if you were seeing it for the first time? What do you notice anew?
– What amazed you as a child? Have you been able to keep this sense of wonder — or when and why did you lose it?