Kommentar zum Sonntag: Er braucht keine Leibwächter
Im Krankenhaus bei Schwerkranken erlebe ich immer wieder Angehörige, die nicht vom Tod sprechen wollen, weil es für die sterbende Person überfordernd sein könnte. Petrus möchte Jesus auch vor Leid und Tod beschützen. Aber Jesus hat sich schon seit dem Tod seines Cousins Johannes mit solchen Fragen auseinandergesetzt. Damals zog er sich in die Wüste zurück und fragte sich: Wieviel darf ich von Gott verlangen? Hilft Gott wirklich? Gott nicht auf die Probe zu stellen, war eine seiner Antworten. Vielleicht fühlt Jesus sich daran erinnert, als er Petrus als “Satan” zurückweist, und will sagen: “Ein Gott, der mir jetzt die Leiden ersparte, wäre wie einer, der in der Wüste aus Steinen Brot macht und alle Wünsche erfüllt – um welchen Preis?” Kann Petrus seine eigenen Ängste eine Weile zurückstellen und hören, worauf es dem Todgeweihten ankommt? Jesus nimmt sich vor, sich Gottes Wille anzuvertrauen und standhaft ganz Mensch zu bleiben, auch im Leiden. Er will seine Jünger*innen auf alles vorbereiten und mit Glauben an die Auferstehung ausrüsten. Er braucht keine Leibwächter, sondern Nachfolger*innen, die seine Anliegen verstehen und weitertragen. Auch bei Sterbenden ist es wichtig, ein Ohr für ihre letzten Wünsche zu haben.
Lic. theol. Sibylle Geister-Mähner
Seelsorgerin im Landeskrankenhaus Hall