Kommentar zum Sonntag: Empörung ist nötig
Worte, dahingesagt? Fallen gelassen, aufgegriffen wie Brotkrumen vom Boden und in neues Licht gerückt: im Gespräch kann Wandlung geschehen. Stammtischsätze gehören aufgebrochen, damit Grenzen überschritten werden in Köpfen und Herzen. Jesus war lernfähig, konnte Kritik annehmen, ist so Mensch und Vorbild im Wachsen. Er lobt am Ende sogar seine Kritikerin für ihren großen Glauben. Genauso wie beim römischen Hauptmann staunt Jesus über die Kräfte, die ihm zugetraut werden, von scheinbar Ungläubigen. Außerhalb von Israel fühlt er sich als Messias zunächst nicht zuständig. Schade, dass er solch eine entwürdigende Bildsprache wie “Hunde” für andere Völker wählt! Aber wie gut, dass die Worte der kanaanäischen Frau noch hinzukommen und Jesus zum Umdenken bringen! Jesu Botschaft soll für die ganze Menschheit gelten, auch wenn sie zuerst an das Volk Israel gerichtet war. Kinder und ihr Leid können das Herz öffnen und bewusst machen, dass Menschenrechte jenseits von Nationalitäten gelten.
Im Sinne des Schreibers dieses Textes, Matthäus, sollen wir für die Kleinen eintreten mit großem Glauben, der Grenzen überwindet. Er will seine judenchristliche Gemeinde dafür gewinnen, sich für die Gleichstellung der heidnischen Christ*innen zu öffnen. Heute geht es um andere Öffnungen im Bewusstsein, für Frauen, für Fremde, für Andersartige. Auch wenn wir nicht so gewitzt sind wie die kanaanäische Frau, lohnt es sich, die Stimme zu erheben, Gefühle des Unwohlseins auszudrücken und hartnäckig zu bleiben. Solidarität heilt von dämonischen Kräften.
Lic. theol. Sibylle Geister-Mähner
Seelsorgerin im Landeskrankenhaus Hall