Osterbotschaft: Gottes Energie für unsere Zeit

Bischof Hermann betont in seiner Osterpredigt die erneuernde Kraft Gottes für eine müde Welt.

In seiner Osterpredigt im Innsbrucker Dom St. Jakob rief Bischof Hermann Glettler dazu auf, Ostern als Quelle einer neuen, gösterlichen Lebenskraft zu entdecken. Angesichts politischer Debatten und gesellschaftlicher Erschöpfung brauche es eine Energie, „die wir für unser Menschsein noch wesentlich dringender benötigen“. Der Bischof schilderte bewegende Erfahrungen – darunter die Taufe einer Inhaftierten kurz vor Ostern – als Zeichen dafür, wie österliche Hoffnung innere Tanks füllen kann.

 

Mit Blick auf die biblischen Berichte erinnerte Glettler daran, dass der Auferstandene den Jüngern Frieden und neues Vertrauen schenkte: „Empfangt meinen Geist und seid jetzt meine Zeugen!“ Ostern sei kein gefühliger Neustart, sondern eine Entscheidung, positive Energieflüsse zu stärken und dem Bösen zu widersagen: „Wollen wir mithassen oder mit dem Auferstandenen mitlieben?“

 

Bischof Hermann ruft dazu auf, einander „Energietankstellen“ zu sein und Gottes Herzensenergie im Alltag zu teilen.

Osterbotschaft: Gottes Energie für unsere Zeit
Foto: Cincelli/dibk

Österlicher Sprit

Predigt von Bischof Hermann Glettler für den Ostersonntag 2026, Innsbruck, Dom St. Jakob und Videobotschaft 

 

Einleitung: In den letzten Wochen wurde der innenpolitische Diskurs stark durch das Thema der Spritpreise befeuert. Die Einführung einer Spritpreisbremse ist der hilflose Versuch, die Tankfüllung um ein paar Cent zu entlasten. Abgesehen von dieser Debatte um die fossilen Brennstoffe und deren verheerende Langzeitwirkung auf die Atemwege unserer Schöpfung – Ostern setzt eine andere Energie frei, die wir für unser Menschsein noch wesentlich dringender benötigen. Was wir feiern ist Gottes Werk, sein Eingreifen. Er hat den toten Christus zu einem neuen, ewigen Leben freigesetzt. Und alle, die dem Auferstandenen begegnen durften – bis heute – werden von einer neuen Lebensenergie erfasst. Aus diesem Grund feiern wir Ostern und bitten um Gottes Lebenskraft, um seinen E-Sprit, um seine Herzensenergie für unsere Zeit. 

 

1. Neuer, österlicher Sprit  

Jeder Mensch hat einen Liebestank, der gefüllt werden will. Wie auch immer der innere Sprit verbraucht wird – und wo auch immer der neue Treibstoff herkommen kann. Kurz vor Ostern durfte ich in der Justizanstalt Innsbruck eine Frau taufen. Ihre Lebensgeschichte ist geprägt von unzähligen negativen Erfahrungen und seelischen Verletzungen. In ihr war nur mehr zerstörerische Energie, Auslöser für eine schreckliche Tat. Ich durfte ihr bei der Taufe zusagen, dass Gott ihr Vergebung schenkt und sie bedingungslos liebt – trotz allem! Auch die zwei Wachebeamten, die dabei waren, haben die geistvolle Energie gespürt, die ihr geschenkt wurde. Mit Tränen in den Augen hat sie diesen Moment als radikalen Neubeginn für sich beschrieben. Zu Ostern erneuern wir unsere eigene Taufe – welch ein Potential da in uns schlummert!   

Ein Blick auf die biblischen Osterberichte zeigt ein analoges Bild: Die Jünger in der Haftanstalt ihrer Ängste, Selbstvorwürfe und Zweifel. Am absoluten Tiefpunkt, drei Tage nach der Katastrophe von Golgota, wurden sie überrascht. Jesus, der Auferstandene, kommt zu ihnen durch die verschlossenen Türen und spricht ihnen den Frieden zu. Mit diesem Frieden totale Vergebung, innere Heilung und Erneuerung. Ja, noch mehr als das: Er hauchte sie an und sagte: „Empfangt meinen Geist und seid jetzt meine Zeugen!“ Das war Empowerment pur. Keine mühsame Aufarbeitung ihres Versagens – nur Zusage, Zuspruch und Zutrauen. Man spürt, wie sich der Tank ihres Vertrauens füllt. Nach all dem, was passiert ist. Ähnlich ging es vielen anderen. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat den inneren Sinn- und Liebestank gefüllt. 

 

2. Die vielen leeren Tanks  

Im Osterbericht des heutigen Tages werden uns drei Personen vorgestellt. Sie alle kommen mit einer inneren Leere zum Grab. Maria von Magdala bereits frühmorgens, noch im Dunkel. Sie wollte den Leichnam Jesu salben – für sie mehr als eine Pflichtübung. Die Liebe zu Jesus, ihren Freund und Herrn, den man ihr durch die brutale Hinrichtung genommen hat, treibt sie an. Vollkommen verstört vom Anblick des leeren Grabes informiert sie die Jünger. Als erster läuft Johannes. Die Restmenge Sprit ist seine Verbundenheit mit Jesus, auch wenn jetzt alles absurd erscheint. Als er das leere Grab sah, glaubte er. Seine Sinnleere war weg. Und dann kam Petrus, langsamer. Sein persönliches Versagen hat ihm jede Energie geraubt. Erst nach einigen persönlichen Begegnungen mit Jesus konnte er begreifen, erfassen und wieder glauben. 

Ostern lässt sich nicht machen. Es ist keine emotionale Stimmungsdusche, keine Reset-Taste, um alles auf Null zu stellen, auch kein Problemwettex. Ostern wirkt, wenn wir uns entscheiden: Wollen wir die negativen Dynamiken unserer Zeit verstärken, die uns letztlich auslaugen und Lecks in unsere inneren Tanks schlagen – das Drauflosbehaupten, Hetzen und Mitschreien? Oder die positiven Energieflüsse stärken – mitfühlend und verbindlich etwas mittragen, wo dies nötig ist, sich mitfreuen oder mitweinen? Ja, wir haben die Wahl: Wollen wir mithassen oder mit dem Auferstandenen mitlieben? Im österlichen Glaubensbekenntnis versprechen wir: „Ich widersage dem Bösen!“ Wenn dies klar ist, kann Gott unsere Speicher füllen. Seine Energie stärkt von innen – gegenläufig zu allem autoritären Gehabe und Missbrauch von Macht. 

 

3. Die eigentliche Energiewende  

Der österliche Sprit ist nicht billig. Den Preis dafür hat Jesus beglichen. Er hat nicht mit Gewalt, mit Drohnen und Raketen einen Deal erzwungen, sondern sich selbst, sein Leben gegeben. Weil er uns bis zur Vollendung geliebt hat, gab es eine Wende. Die todbringenden Mächte haben nicht mehr das letzte Wort. Eine neue Energie wurde freigesetzt, die wir für unsere Welt ersehnen und erbitten. Besonders für alle, die von militärischer Gewalt und Verfolgung bedroht sind, deren Leid und Ängste alles Begreifen übersteigt. Wir denken an die mutigen Christen im Südlibanon, die unter Lebensgefahr in ihrer Heimat bleiben und Ostern feiern. Wir denken an alle, die Flüchtenden beistehen, humanitäre Hilfe leisten und der Logik des Krieges widersprechen. Es ist die Friedenskraft des Auferstandenen, die Neues schaffen kann – trotz der globalen Ohnmacht. 

Eine neue österliche Energie brauchen wir für die vielen Anforderungen des Alltags – wenn eine Pflegesituation sehr vieles abverlangt, wenn eine Krankheit oder der Verlust eines Menschen allen Lebensmut absorbiert. Österliche Energie brauchen wir, um die Spannungen auszuhalten, die es im politischen und weltanschaulichen Diskurs in unserer Gesellschaft gibt – ohne, dass wir uns als Menschen verachten. Österliche Energie braucht es, um Konflikte gut auszutragen, um Gespräche zu versuchen, die ohne verbale Gewalt und Vorwürfe auskommen. Österliche Energie braucht es, um einander zu vergeben und neue Wege zueinander zu versuchen. An das bedrückende Phänomen der wachsenden Einsamkeit sollten wir uns nicht gewöhnen. Die Herzenskraft des Auferstandenen benötigen wir, um unser Menschsein zu erneuern. 

 

Zusammenfassung: Beschenkt mit dem österlichen (E)Sprit werden wir zu Menschen, die anderen nicht Energie absaugen, sondern ganz im Gegenteil: Wir können füreinander Energietankstellen sein! Lasst uns also in unserem Lebensumfeld mit allen die wichtigste alternative Energie teilen, die uns geschenkt wurde – Gottes neuschaffende, tröstende, vergebende und herausfordernde Liebe!  Wichtiger als alle Gas- und Ölvorräte, die die Weltwirtschaft mit ihren verheerenden Kriegsgeschäften befeuert, ist diese göttliche Lebenskraft. Sie ist überlebensnotwendig in den großen Herausforderungen unserer Zeit. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein geist- und energievolles Ostern!