Ein bewusster Prozess – kein Aktionismus

Pfarre Jenbach setzt sichtbare Zeichen bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle von Josef Patscheider

Die Pfarre Jenbach beschäftigt sich seit längerer Zeit mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle rund um den ehemaligen Dekan Josef Patscheider. In Abstimmung mit Pfarrgremien, der Diözese Innsbruck, Fachstellen und Historiker:innen wurden nun einstimmige Beschlüsse gefasst, wie mit sichtbaren Spuren im Kirchenraum verantwortungsvoll umzugehen ist.

„Die Pfarre Jenbach stellt sich ihrer Verantwortung“, betont Markus Leitinger, Seelsorgeraumleiter und Pfarrkurator des Seelsorgeraums Jenbach – Wiesing – Münster. „Uns ist bewusst, dass der von Patscheider begangene sexuelle Missbrauch an Kindern unermessliches Leid verursacht hat und bis heute nachwirkt. Den Betroffenen gilt unser ausdrückliches Mitgefühl, unser Respekt und unser aufrichtiges Bedauern darüber, dass ihnen in der damaligen Zeit nicht ausreichend Glauben geschenkt wurde.“

Josef Patscheider war von 1971 bis 1986 Pfarrer und Dekan in Jenbach. Er wurde 1986 wegen sexuellen Missbrauchs an minderjährigen Mädchen rechtskräftig verurteilt und musste auf Anordnung des damaligen Bischofs die Pfarre verlassen. Diese Taten sind durch nichts zu entschuldigen. 

 

Ein Prozess, der länger schon beschäftigt und bewusst Zeit braucht 

Die Pfarre Jenbach beschäftigt sich seit längerer Zeit intensiv mit der Frage, wie mit den noch sichtbaren Spuren von Josef Patscheider in der Pfarrkirche verantwortungsvoll umzugehen ist. Dieser Prozess erfolgt nicht überstürzt, sondern bewusst gemeinsam mit den zuständigen Gremien der Pfarrgemeinde, mit Fachstellen der Diözese Innsbruck, mit Historiker:innen, dem Bundesdenkmalamt und im Austausch mit Betroffenen.

„Uns ist wichtig, dass Entscheidungen über kirchliche Räume und Symbole nicht von oben herab getroffen werden“, erklärt Markus Leitinger. „Es braucht das Hören auf unterschiedliche Perspektiven, fachliche Expertise und vor allem die nötige Sorgfalt. Deshalb haben wir uns bewusst Zeit für diesen Weg genommen.“ 

 

Entfernen namentlicher Ehrungen 

Der Pfarrgemeinderat hat beschlossen, alle sichtbaren Nennungen des Namens Josef Patscheider im Kirchenraum zu entfernen. Dazu zählen insbesondere Stifterinschriften und Schriftzüge an Glasfenstern und anderen Objekten.

„Das ist ein klares und bewusstes Zeichen“, so Leitinger. „Wir wollen Josef Patscheider nicht öffentlich ehren, ihn nicht als Vorbild darstellen und seinen Namen nicht in einem Raum präsent halten, der Schutz, Vertrauen und Glauben vermitteln soll.

“Die entfernten Elemente werden dokumentiert und im Archiv gesichert, ergänzt durch eine historische Einordnung, warum ihre Entfernung notwendig war. 

 

Kunstwerke bleiben – Namen werden kontextualisiert 

Die Bildmotive der betroffenen Glasfenster des Künstlers Fred Hochschwarzer bleiben bestehen. Sie zeigen keine Darstellung von Josef Patscheider selbst und sind als Kunstwerke Teil des Kirchenraums. Ihre künstlerische und religiöse Aussage wird jedoch klar von der Person des Täters getrennt, indem alle personenbezogenen Widmungen entfernt werden.

„Damit folgen wir auch den Rückmeldungen von Betroffenen“, sagt Leitinger. „Sie haben deutlich gemacht, wie wichtig eine konsequente Entfernung der Namenszüge ist, zugleich aber auch Transparenz über das Vorgehen.“ 

 

Transparenz statt Verschweigen 

Die Pfarre Jenbach möchte die Geschichte nicht verdrängen oder „unter den Teppich kehren“. Im Gegenteil: Sie setzt auf offene Information, auf begleitende Texte – etwa im Kirchenführer oder auf Informationstafeln – und denkt auch über Formen des Gedenkens und der Mahnung nach, die gemeinsam mit Fachleuten und, wenn gewünscht, mit Betroffenen entwickelt werden.

„Uns ist bewusst, dass es keine Lösung gibt, die für alle gleichermaßen richtig ist“, so Markus Leitinger. „Unser Anspruch ist es, sensibel, nachvollziehbar und nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln.“ 

 

Verantwortung heute – Schutz für morgen 

Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist untrennbar mit der Verantwortung für Gegenwart und Zukunft verbunden. Die Diözese Innsbruck hat in den vergangenen Jahren umfassende Schutzkonzepte, Schulungen und klare Ansprechstellen eingerichtet. Alle Seelsorgerräume entwickeln darüber hinaus aus den diözesanen Vorgaben schon seit längerem planmäßig ein Schutzkonzept. Im Seelsorgeraum Jenbach – Wiesing – Münster wird ab Herbst 2026 dieses Schutzkonzept in allen Details umgesetzt, das Kinder, Jugendliche und schutzbedürftige Menschen bestmöglich schützen soll.

Zudem gibt es in der Diözese Innsbruck eine unabhängige Ombudsstelle, an die sich Betroffene sowie Zeug:innen von Missbrauch – auch anonym – wenden können: https://www.dibk.at/Media/Organisationen/unabhaengige-ombudsstelle-fuer-betroffene-von-gewalt-und-sexuellem-missbrauch

Ein bewusster Prozess – kein Aktionismus
Foto: Gstaltmeyr/dibk