Entscheidung für das Licht

Predigt von Bischof Hermann Glettler zum Weihnachtsfest am 25. Dezember im Dom zu Innsbruck.

Einleitung: Der Beginn des jüdischen Chanukka-Festes ist heuer mit dem Adventsbeginn zusammengefallen. Im Landesmuseum Ferdinandeum ist die Ausstellung von Chanukkaleuchtern zu sehen, beeindruckende Designerstücke und darunter auch jener Leuchter, den Bischof Reinhold der jüdischen Gemeinde von Tirol anlässlich der Wiedererrichtung der Synagoge geschenkt hat. Das Licht ist zumindest am jüdischen Chanukka-Leuchter und am Adventkranz „gewachsen“ – wie ein zärtliches Wunder. Nicht nur Aggression und Unverständnis treiben ihre Blüten, auch Versöhnung wächst – wenn wir dem „Friedenslicht“ aus Betlehem Raum geben. Das weihnachtliche Wunder der Versöhnung ist möglich.

1. Auf das Licht schauen – FaceTime mit Jesus

Mit Nik Neureiter, Schauspieler und Menschenrechtsaktivist, Organisator der zahlreichen Camps4Moria, bin ich nach einer Veranstaltung, wo wir auf das Elend der Flüchtlinge an den Rändern Europas aufmerksam gemacht haben, auf die Diskursunfähigkeit in unserer Gesellschaft zu sprechen gekommen. Nicht nur wir beide fühlen uns ohnmächtig angesichts der typischen Eskalationsmuster. Doch was tun, wenn Argumente nicht mehr zählen und die unfiltrierten Ladungen von Empörung aufeinander losgelassen werden? Nik erzählte mir, dass er sich zur eigenen seelischen Hygiene täglich Zeit nimmt, um in eine Kerze zu schauen. Dieser Blick ins Licht gibt ihm den verlorenen Frieden zurück. Eine enorm wichtige Übung, um sich nicht von den dunklen Abgründen menschlichen Versagens besetzen zu lassen. Beeindruckt davon ist mir das Evangelium der Weihnacht in den Sinn gekommen – die himmlische Lichtfülle, mit der die Hirten am Feld von Betlehem überrascht wurden. Sie hatten auch ihre Zelte am Rande der Stadt, freiwillig und notgedrungener Weise „um zu wachen“.

Gott selbst hat diese verunsicherten, an den Rand gedrängten Menschen höchst-persönlich besucht. Seit diesem Ereignis auf dem Hirtenfeld Palästinas müssen wir definitiv nicht mehr in die dunklen Abgründe unserer Welt starren. Jesus, das „wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“, heißt es im Prolog des Johannesevangeliums. In der Heiligen Nacht hat das Licht gesiegt. Wir erflehen bis heute dieses Friedenslicht Gottes für alle nächtlichen Felder unserer Zeit: Für die persönlichen Kriegsschauplätze in den menschlichen Beziehungen und für alle global sich verschärfenden Fronten und Kriegsdrohungen. Ich habe meinem Gesprächspartner Nik auch erzählt, dass ich mir regelmäßig Zeit nehme, um auf Jesus zu schauen, auf diesen demütig anwesenden Gott. Er ist die wichtigste Lichtquelle für jede Versöhnung. Wenn ich auf ihn schaue, erlebe ich eine FaceTime mit einem Du, das stärker ist als jede aufgeblähte Finsternis. Ich schaue ihn an, er schaut mich an – eine versöhnende Begegnung! Unnötige Verkrampfungen und Verhärtungen lösen sich.

2. Sich für das Licht entscheiden – dem Licht Raum geben

Mein Vater ist heuer 80 Jahre alt geworden. Mittlerweile merkt man ihm das Alter bereits ein wenig an, was seiner Fröhlichkeit und Gesprächsoffenheit keinen Abbruch tut. Auf die übliche Höflichkeitsfloskel „Wie geht´s?“ pflegte er meist sehr originell zu antworten: „Das ist eigentlich nicht meine Frage, habe meist auch keine Zeit darüber nachzudenken. Wichtiger ist mir die Frage: Was kann ich beitragen?“ So mancher Gesprächspartner war paff erstaunt über diesen philosophischen Dreh im üblichen Small-Talk. Auch wenn die Frage nach dem Wohlbefinden ja guttut, sind wir immer in Gefahr, die eigenen Befindlichkeiten in die Mitte zu stellen. Gerne zelebrieren wir unsere Kränkungen und Enttäuschungen. Die Frage: „Was kann ich beitragen, um dem Licht mehr Raum zu geben?“ ist die eigentliche weihnachtliche Frage. Der erste Beitrag ist das Öffnen der eigenen Dunkelkammern, wo wir meist nur den eigenen Film entwickeln. Was kann ich beitragen? Diese Frage macht sensibel und aufmerksam für die vielen nächtlichen Felder, wo Licht-Bedarf herrscht.

Mir scheint, dass viele heuer aufgrund der andauernden Verunsicherungen durch die Corona-Krise ohnehin bewusster und vielleicht auch etwas demütiger Weihnachten gefeiert haben. Aber es gibt ebenso die wachsende Frustration, persönliche und kollektive Ermüdungen. Umso entschlossener müssen wir uns für das Licht entscheiden, das uns weihnachtlich angeboten wird. Diesem Licht mehr Raum geben! Mehr Resonanzraum für das Gute, für das gegenseitige Vertrauen! Dazu braucht es die Bekehrung des Herzens, eine Absage an die gefährliche Einnistung von Misstrauen und Missgunst, eine Absage an jede Form der schleichenden Verdächtigungen. Sobald wir uns für das Licht entscheiden, können wir von Gott besucht und von seinem Licht erfüllt werden. Also: Hinlaufen zur Krippe und auf Jesus schauen – ehrlich, unpathetisch, und erwartungsvoll FaceTime mit ihm! Sein Licht aufsaugen, um lichtvoll zu werden inmitten der dunklen Abgründe menschlicher Egoismen und Lieblosigkeiten. Sind wir doch Kinder des Lichtes!

3. Das Friedenslicht weitergeben – Lichtträger werden

Licht, also Energie lässt sich nur sehr bedingt speichern. Er muss fließen. Vor einer Woche haben wir am Brenner, an diesem historischen Übergang, an dieser immer wieder im Fokus politischer Entscheidungen stehenden Staatsgrenze, feierlich eine Übergabe des Betlehem-Lichtes vollzogen. Die Pfadfindergruppen und Jungfeuerwehr von Nord- und Südtirol haben diesen schönen symbolischen Akt heuer zum 30. Mal gesetzt. Die wunderschöne Zeremonie wurde jedoch überschattet durch den tragischen Tod von zwei jungen Marokkanern. Sie haben in der Nacht davor versucht, aufgesprungen auf einen Güterzug illegal die Brennergrenze zu überwinden. Sie wurden abgeworfen und von den Rädern der Waggons zerfetzt. Der Bürgermeister hat das Unglück mit Tränen in den Augen geschildert - und auch sein Unverständnis, dass dies mitten in Europa immer noch passieren muss. Welches Licht geben wir denn weiter? Ein idyllisches Dekorlicht für einen Wohlstand, der weltweit immer mehr Verlierer produziert – Klimaflüchtende und Vertriebene?

Das Licht von Betlehem ist Gottes Herzensenergie – seine höchstpersönliche Gegenwart. Dieses Licht ist uns anvertraut, um es weiterzugeben. Wir teilen es aus an alle, die sich aus Angst vor Veränderungen verbarrikadieren. Wir geben dem Licht der Zuversicht Raum und setzen uns dafür ein, dass arbeitslose, alte, gebrechliche, psychisch belastete und körperlich beeinträchtige Menschen nicht unter die Räder einer rücksichtslosen Beschleunigung des Lebens kommen. Wir sind hoffentlich auch stark genug, um den TGV der ungenierten Konsum- und Wegwerfgesellschaft aufzuhalten, damit Gottes Schöpfung nicht final überrollt wird. Weihnachtlich mit sich und untereinander versöhnte Menschen sind jetzt gefragt, um das Wertvolle und Kostbare des Lebens zu verteidigen – auch wenn der Zug ideologischer Infragestellungen der Unantastbarkeit und Würde des Lebens scheinbar kaum zu stoppen ist. Bleiben wir für all diese Aufträge im FaceTime mit Jesus. In ihm ist die Versöhnung, die wir jetzt so dringend brauchen! Gesegnete Weihnacht!

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