Åftang Leben! Systemwechsel in der Art Jesu
Mit einem eindringlichen Appell zu mehr Zusammenhalt, aber gegen Spaltungstendenzen hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler beim traditionsreichen Gauderfest in Zell am Ziller auf aktuelle gesellschaftliche Spannungen reagiert. "Inmitten einer hochnervösen, aggressiven Zeit" rief der Bischof in seiner Predigt am Sonntag auf, sich nicht von "Neid, Hass und einfachen Lösungen" leiten zu lassen. Anstelle von "Abschottung in ideologische Blasen" brauche es mehr Begegnung und die gemeinsame Suche nach Lösungen. Ziel sei ein "Miteinander, das trägt" als Antwort auf wachsende Unsicherheit in der Gesellschaft.
Glaube sei "mehr als Tradition und Brauchtum", sondern ein persönlicher Weg, der Orientierung auch in unsicheren Zeiten geben könne. Angesichts von Verunsicherung und wachsender Polarisierung brauche es eine Haltung der Wachsamkeit: "Euer Herz lasse sich nicht verwirren", zitierte Glettler aus der Bibel und warnte vor politischen und gesellschaftlichen Akteuren, die vereinfachende Versprechen und Feindbildern benutzen.
"Vorsicht deshalb vor denen, die das Blaue vom Himmel versprechen: 'Mit uns wird alles besser, alles gerechter. Mit uns kommt die gute alte Zeit zurück!' Das sind leere Worte. Und wenn dann jemand noch die Klaviatur von Neid, Hass und Verlustängsten beherrscht - gegen die Sozialbetrüger und Völkerwanderer - dann bitte Vorsicht: Es gibt nicht die einfachen Lösungen!", so der Bischof. Und weiter: "Neid erzeugt Neid, Enthemmung führt zu weiterer Enthemmung und Hass produziert Hass."
Leben kein Fertigprodukt
Zugleich plädierte Glettler für eine stärkere Hinwendung zu Solidarität und gesellschaftlichem Engagement. Ein gelingendes Leben sei "kein Fertigprodukt", sondern entstehe dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wie in Familien, Nachbarschaften oder Vereinen. Diese Formen gelebter Gemeinschaft seien ein Gegenmodell zu Individualismus und sozialer Vereinsamung.
Der Innsbrucker Diözesanbischof verwies zudem auf internationale Perspektiven und Begegnungen mit Papst Leo XIV., der bei einer Afrika-Reise die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens trotz unterschiedlicher Überzeugungen betont habe. Diese Perspektive sei auch für Europa zentral: "Wir können als Brüder und Schwestern zusammenleben."
Das Gauderfest, das 2014 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde, findet jährlich am ersten Wochenende im Mai in Zell am Ziller im Tiroler Zillertal statt. Es gilt als das größte Frühlingsfest Tirols und Trachtenfest Österreichs. Glettler erinnerte an diese Tradition sowie an die vielfältigen Engagements in Vereinen und im Freiwilligendienst.
Eine Meldung von www.kathpress.at
Predigt im Wortlaut
Einleitung: „Åftang Leben!“ Laienhaft übersetzt: „Also dann, Leben!“ Gibt es eine bessere Überschrift über das, was wir heute hier erleben? Ein volles Maß an ehrlicher Lebensfreude, herzliche Verbundenheit, lebendige Tradition mit Trachtenverbänden, Musik, Schützen, Schaustellern und unzähligen Gästen – und åftang Gauderbock, der es in sich hat! Zusätzlich zu all dem und mittendrin feiern wir jetzt einen Gottesdienst, ein Fest des Glaubens. Wir tun dies, um Gott zu danken, weil nichts selbstverständlich ist. Vor allem wollen wir heute seinen Frieden erbitten inmitten einer hochnervösen, aggressiven Zeit. Die Worte Jesu im heutigen Evangelium sind Zuspruch und Ermutigung zugleich: „Ich bin der Weg, die Wahrheit, das Leben!“
1. Åftang Glaube – immer ein persönlicher Weg!
Glaube beginnt mit der Dankbarkeit für das Leben. Wir haben uns nicht selbst erfunden, das Leben nicht „gemacht“ – auch wenn die Zillertaler, wie wir wissen, extrem tüchtige Leute sind, nicht wahr? Was im Leben wirklich zählt, ist ein Geschenk Gottes: Vertrauen, innere Stärke, Lebensfreude, Zuversicht u.v.m.. Glaube ist mehr als Tradition und Brauchtum – es geht um eine innere, herzliche Verbundenheit mit Gott. Tief in mir trage ich das Bild meines Vaters, der nie das Haus verließ ohne ein Lied, einen Schlager oder einen Jodler anzustimmen – bitte sich dazu einen höher gelegenen Bauernhof vorzustellen, Blick von oben auf ein weites Tal. Und verlässlich sein Abschluss: „Herrgott, Dankschön!“ So habe ich persönlich den Glauben gelernt – Lebensfreude und Dankbarkeit, auch wenn man öfter ansteht und kaum weitersieht.
„Ich bin der Weg!“ Das war die klare Antwort Jesu auf die Nachfrage des Thomas. Er konnte noch nicht glauben, dass Gott in der menschlichen Gestalt Jesu mit uns geht. Ich erinnere mich an eine Episode, die ich als Pfarrer von Graz auf der Taxifahrt zu einem Begräbnis erlebt habe. Der Lenker fragte mich, ob er an einer bestimmten Stelle abbiegen solle oder erst später. Ich sagte, dass er das als Profi selbst einschätzen müsse. Darauf seine Entgegnung: „Ja, aber ich sehe nicht um die Kurve.“ Worauf ich schmunzelnd erwiderte: „Ich auch nicht.“ Das macht ja den Unterschied aus: Gott sieht um die Kurve, wir nicht! Wir sehen meist erst im Nachhinein das faszinierende Weg-Muster, auf dem wir geführt wurden, nicht wahr?! Das Wort Gottes ermutigt uns: Geh deinen Weg, auch wenn er mühsam und herausfordernd sein kann. Geh ihn bewusst!
2. Åftang Wachsamkeit – der Wahrheit auf der Spur bleiben!
„Euer Herz lasse sich nicht verwirren!“ Welch eine starke Zusage – und ein Auftrag gleich zu Beginn des heutigen Evangeliums! Innerlich nicht wirr werden, hineingerissen in einen Strudel, in dem man sich vor lauter Lügen und Manipulationen nicht mehr auskennt. Leider sind wir alle leicht verführbar. Vorsicht deshalb vor denen, die das Blaue vom Himmel versprechen: „Mit uns wird alles besser, alles gerechter. Mit uns kommt die gute alte Zeit zurück!“ Das sind leere Worte. Und wenn dann jemand noch die Klaviatur von Neid, Hass und Verlustängsten beherrscht – gegen die Sozialbetrüger und „Völkerwanderer“ – dann bitte Vorsicht: Es gibt nicht die einfachen Lösungen! Neid erzeugt Neid, Enthemmung führt zu weiterer Enthemmung und Hass produziert Hass. Wollen wir das? Gefährlich ist das Nicht-Zuhören und Drauflos-Behaupten.
Am vergangenen Mittwoch durfte ich bei der Generalaudienz in Rom Papst Leo XIV. begegnen. Er hat von seiner Afrika-Reise erzählt – immer noch strahlend, über die Jugendlichkeit des Glaubens, die er dort erlebt hat. Unbeirrt sprach er überall vom Weg der Versöhnung und Gerechtigkeit und hat mit vielen Bedrängten seine Überzeugung geteilt: „Wir können auf dieser Welt als Brüder und Schwestern zusammenleben – auch mit unterschiedlichen politischen und religiösen Überzeugungen.“ Papst Leo strahlt den Herzensfrieden aus, den uns Jesus verheißt. Ich möchte uns deshalb zu Momenten der Stille und des Gebetes ermutigen, zumindest zu einer Unterbrechung im Laufe des Tages. Beten bedeutet, ruhig zu werden und, wie Papst Leo es sagte, „die eigenen, beschränkten Möglichkeiten mit den Möglichkeiten Gottes verbinden“.
3. Åftang Leben – immer ein Abenteuer der Liebe!
„Eini ins Leben“ hat die Musikgruppe „Pizzera & Jaus“ gesungen. Welch ein Song – witzig und doch klar: Leben uns Sinn gibt es nicht als Fertigware und nicht als theoretisches Extrakt, sondern nur dann, wenn sich jeder von uns „eini gibt“, sich selbst investiert, etwas von seiner Zeit, Energie und den von Gott geschenkten Begabungen. Diese Investition hat in Tirol zum Glück schon eine lange Geschichte – das vielfältige Engagement in den Vereinen und im informellen Freiwilligendienst in den Familien, in der Nachbarschaft und im Dorf. Ja, dieses Dasein-füreinander macht den Unterschied: Weg vom unzufriedenen, immer nur von den anderen fordernden Konsumieren – hin zur Haltung eines Menschen, der zum Mitaufbauen und Mitsorgen bereit ist! Nur so geht Leben und nur so gelingt es uns, niemanden zurück zu lassen.
Ein Lebensstil in der Art Jesu beginnt mit der Frage, von welcher Dynamik wir uns mitreißen lassen wollen: Von einer Dynamik des Negativen – und dazu gehört das Mitjammern, Mithetzen, Mitverurteilen, Mitschreien und Mithassen – oder von einer Dynamik, die das Gute sucht und von Herzen für den Nächsten wünscht – das Mitempfinden, Mitsorgen, Mitgehen und oftmals nötig ein Mitweinen und Mithoffen! Diese Grundentscheidung ist vonnöten. Auch in der ersten Phase unserer Kirche musste sie getroffen werden – um nicht die Witwen und andere Vulnerable zu übersehen. Heute müssen wir achtsam sein, damit niemand in der Vereinsamung verschwindet – oder in der Verzweiflung, weil er oder sie die perfekte Selbstoptimierung nicht mehr schafft. Warten wir bitte nicht auf die tieftraurigen Momente, wo jemand selbst Schluss macht.
Abschluss: Liebe Schwestern und Brüder, ich plädiere bei diesem Gauderfest für ein Plus an Dankbarkeit, für einen herzhaften Glauben und für eine erhöhte Aufmerksamkeit füreinander. Es ist eine Einladung an uns alle: Weg von einer gefährlichen Abschottung in den eigenen ideologischen Blasen hin zu einem Plus an Begegnung! Weg von einem permanenten Verteufeln der Andersdenkenden und des „Systems“ hin zu einer gemeinsamen Suche nach guten Lösungen. Weg von der Spaltung hin zu einem Miteinander, das trägt. Oder wie es der Philosoph und Soziologe Hartmut Rosa ausgedrückt hat: „Weg vom Modus der Aggression hin zu einer inneren Ansprechbarkeit“, die so heilsam wäre für unsere Zeit. Feiern wir heute gemeinsam und Gott gegenüber dankbar das Leben: Åftang Leben!