Kommentar zum Sonntag: Licht am Rand

Wo Gott beginnt - Kommentar zu Mt 4,12-17

„Das Volk, das im Dunkel saß, hat ein helles Licht gesehen.“ Diese Verheißung des Propheten Jesaja erfüllt sich, als Jesus nach Galiläa geht und dort zu verkünden beginnt. Aber es ist eine überraschende Erfüllung. Denn Jesus geht nicht nach Jerusalem, ins religiöse Zentrum. Er geht nach Galiläa, ans Randgebiet, ins „heidnische Galiläa“, wie es verächtlich genannt wurde. 

Warum dort? Galiläa war ein Schmelztiegel der Völker. Hier verlief die Via Maris, ein wichtiger Handelsweg und Kreuzungspunkt verschiedener Kulturen, Sprachen und Religionen. Hier lebten Fischer, Händler, Fremde – ein buntes Durcheinander, weit entfernt von der religiösen Reinheit Jerusalems. Genau dort beginnt Jesus. Nicht im Zentrum, sondern am Rand. Nicht in der Sicherheit des Tempels, sondern in der Unübersichtlichkeit des Alltags. 

Papst Franziskus hat dazu gesagt: „Das heilbringende Wort geht nicht an geschützten, sterilen, sicheren Orten auf Suche. Es kommt in unsere komplexe Wirklichkeit, in unser Dunkel.“ Gott möchte die Orte aufsuchen, von denen wir meinen, dass er dort nicht hinkommt, dass er dort nichts zu suchen hat. 

Das stellt unsere Erwartungen auf den Kopf. Wir suchen Gott oft an den scheinbar „richtigen“ Orten: in der Stille, in der Ordnung, in der Reinheit. Wir meinen, das Licht müsse aus dem Zentrum kommen. Und dann zeigt uns das Evangelium: Gott kommt von den Rändern. Er beginnt dort, wo wir es nicht erwarten. Im Durcheinander des Lebens, in der Unübersichtlichkeit. Nur im Dunkel wird Licht zum wahrhaft hellen Licht. 

„Kehrt um“, sagt Jesus. Vielleicht heißt das auch: Ändert die Blickrichtung. Schaut nicht nur ins Zentrum, sondern an die Ränder. Dort, wo das Leben nicht perfekt ist – genau dort beginnt das Licht. Das Himmelreich ist nahe: nicht erst, wenn alles geordnet ist, sondern mitten in unserem Leben, wie es nun einmal ist. 

 

 

Stefan Geiger OSB 

Mönch der Benediktinerabtei Schäftlarn (DE), Preside des Päpstlichen Liturgischen Instituts (Pontificio Istituto Liturgico), Rom

Kommentar zum Sonntag: Licht am Rand
Foto: Benediktiner