Kommentar zum Sonntag: Das Wesentliche sehen
„Mit dem Finger auf andere zeigen – das macht man nicht!“ So haben wir es gelernt. Der Fingerzeig lenkt die Aufmerksamkeit auf jemanden, rückt ihn ins Rampenlicht. Meist geschieht das, um von sich selbst abzulenken: Schaut den an, der ist auch nicht besser!
Und dann kommt Johannes der Täufer und macht genau das: Er zeigt mit dem Finger auf Jesus: „Seht, das Lamm Gottes!“ Es ist kein Fingerzeig, um abzulenken, sondern um hinzulenken. Eine Aufforderung: Schaut hin! Seht genau hin! Denn Sehen ist mehr als Wahrnehmen. Wir sehen und deuten zugleich. Wir machen uns einen Eindruck, ordnen ein, bewerten. Und oft genug über-sehen wir dabei das Wesentliche.
Jesus war dreißig Jahre lang sichtbar: als Kind, als Heranwachsender, als junger Mann. Die Menschen sahen den Sohn des Zimmermanns, einen unter vielen. Was sie nicht sahen: den Retter der Welt, das Lamm Gottes. Das Wesentliche blieb verborgen – nicht weil es unsichtbar war, sondern weil niemand genau genug hinsah.
Wir deuten, was wir sehen, nach unserem eigenen Horizont. Wir glauben, die Menschen um uns herum zu kennen. Aber sehen wir wirklich, wer sie sind? Oder übersehen wir das Wesentliche, weil wir nicht damit rechnen, dass es im Unscheinbaren zu finden ist?
„Seht, das Lamm Gottes“ – kein Löwe, kein strahlender Held. Ein Lamm. Wehrlos, verletzlich. Johannes zeigt nicht auf das, was alle erwarten, sondern auf das, was niemand vermutet. Gerade darin zeigt sich Gott: nicht in der Macht, sondern in der Schwäche.
Der Fingerzeig des Johannes ist eine Sehhilfe. Er lehrt uns, anders hinzuschauen: aufmerksamer, tiefer. Das Wesentliche liegt oft dort, wo wir es nicht vermuten. Es braucht Augen, die sehen wollen, und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen.
Stefan Geiger OSB
Mönch der Benediktinerabtei Schäftlarn (DE), Preside des Päpstlichen Liturgischen Instituts (Pontificio Istituto Liturgico), Rom