Kommentar zum Sonntag: Wer bin ich?

Von der geschenkten Identität - Kommentar zu Joh 1,1-5.9-14

Was gibt mir Identität? Die Frage ist allgegenwärtig. Wir definieren uns über Herkunft, Beruf, Beziehungen, über Leistung und Anerkennung. Wir sammeln Likes und Follower, als ob die Zahl der Klicks sagen könnte, wer wir sind. Und doch bleibt da eine Unruhe: Bin ich wirklich nur die Summe dessen, was andere über mich denken?

Auch Johannes der Täufer erlebt diese Verunsicherung. Der Prophet, der zur Umkehr ruft und Sünder tauft, steht plötzlich vor Jesus. Und Johannes weiß: Hier stimmt etwas nicht. „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Es ist eine Identitätskrise. Wer tauft wen? Wer ist hier der Größere? Jesus aber besteht darauf: „Lass es zu.“ Er steigt ins Wasser, er stellt sich zu den Sündern, er solidarisiert sich mit der Menschheit.

Aber: Jesus ist nicht einfach „einer von uns“. Matthäus betont, dass Jesus von Galiläa kam, von weit her, nicht aus der Jordangegend, wo sich die Menschenmassen zur Taufe drängten. Jesus kommt von außen. Er ist der ganz Andere, der in unsere Wirklichkeit eintritt, aber sie nicht einfach übernimmt. Er steigt hinab, aber er bleibt der, der den Himmel öffnen kann.

Dann geschieht Entscheidendes: Der Himmel öffnet sich, und eine Stimme spricht: „Dieser ist mein geliebter Sohn.“ Diese Stimme eröffnet Identität. Sie proklamiert, wer Jesus ist – nicht aufgrund von Leistung, sondern weil Gott selbst es sagt. Identität als Geschenk von oben.

Diese Szene sagt auch etwas über unsere Taufe. Gott sagt zu jedem Getauften: Du bist mein geliebtes Kind. Unsere Identität gründet nicht allein in dem, was wir leisten oder was andere von uns halten. Sie ist zuerst Geschenk, Zusage, Berufung. Der geöffnete Himmel über Jesus ist auch über uns geöffnet. Gott spricht auch zu uns – die Frage ist: Wollen wir diese Stimme hören? Und welche Stimme wollen wir selbst sein?

 

Stefan Geiger OSB 

Mönch der Benediktinerabtei Schäftlarn (DE), Preside des Päpstlichen Liturgischen Instituts (Pontificio Istituto Liturgico), Rom

Kommentar zum Sonntag: Wer bin ich?
Foto: Benediktiner