Kommentar zum Sonntag: Das Liebeswort in der Krippe

Vom Paradox der Weihnacht - Kommentar zu Joh 1,1-5.9-14

„Im Anfang war das Wort“ – so beginnt das Johannesevangelium. Dieses Wort hat die Welt erschaffen, in ihm war das Leben. Gott sprach: es werde – und es ward. Sein Wort ist wirkmächtig, es schafft, was es sagt. Und nun, an Weihnachten, wird uns zugemutet zu glauben: Dieses allmächtige Wort liegt in einer Krippe. Ein sprachloses, hilfloses Kind soll das Schöpfungswort sein? Ein Paradox, das uns herausfordert.

Papst Leo XIV. weist in seiner Weihnachtspredigt auf diesen überraschenden Gott hin. Mit Worten seines Vorgängers Franziskus erinnert er: Das Wort Gottes erscheint als „Fleisch“ – als Zerbrechlichkeit, die nach Fürsorge ruft, nach Annahme, nach Händen, die zur Zärtlichkeit fähig sind. Gerade in dieser Hilflosigkeit offenbart sich die Macht Gottes: nicht als Zwang, sondern als Liebe, die sich schutzlos hingibt.

„Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ Diese Macht ist Gottes Geschenk, das in uns wirkt. Sie wird konkret dort, wo wir uns berühren lassen: vom Weinen der Kinder, von der Gebrechlichkeit der Alten, vom ohnmächtigen Schweigen derer, die keine Stimme haben. Friede beginnt nicht mit großen Plänen, sondern dort, wo Hilflosigkeit unser Herz berührt, wo Gott in unserem Leben wirkt.

Das Kind in der Krippe ist das Liebeswort Gottes an uns. Seine verwundbare Gegenwart ist wirkmächtige Liebe, die unsere Herzen öffnet und die Welt verwandelt. Indem wir dieses hilflose Wort aufnehmen, werden wir selbst zu Menschen, durch die Liebe sprechen kann.

 

Stefan Geiger OSB 

Mönch der Benediktinerabtei Schäftlarn (DE), Preside des Päpstlichen Liturgischen Instituts (Pontificio Istituto Liturgico), Rom

Kommentar zum Sonntag: Das Liebeswort in der Krippe
Foto: Benediktiner