Patrozinium und Nachprimiz im Zeichen des Franziskus

Festgottesdienst in Hall verband Portiuncula-Feier, Nachprimiz und Franziskusjahr 2026.

Mit einem festlichen Gottesdienst begingen die Franziskaner in Hall in Tirol am vergangenen Sonntag das Patrozinium ihrer Kirche „Maria von den Engeln zu Portiuncula“. Die Feier erhielt heuer eine besondere Bedeutung: Im Rahmen des Franziskusjahres 2026 feierte der erst kürzlich zum Priester geweihte Franziskaner P. Adam Bergmann OFM seine Nachprimiz. Zahlreiche Gläubige aus Tirol, Vertreter:innen von Traditionsvereinen und Verbindungen, aber auch Besuchende aus anderen österreichischen Bundesländern sowie aus den Nachbarländern nahmen dafür eine weite Anreise auf sich.

 

Der Gottesdienst wurde von P. Adam Bergmann gemeinsam mit Mitbrüdern und Gästen gefeiert. Die Portiuncula, die kleine Kapelle bei Assisi, gilt als einer der wichtigsten geistlichen Orte des heiligen Franziskus und steht wie kaum ein anderer Ort für die franziskanische Botschaft von Einfachheit, Geschwisterlichkeit und Gottesnähe. Gerade im Franziskusjahr, das anlässlich des 800. Todestages des Heiligen weltweit begangen wird, erhielt die Feier damit eine zusätzliche spirituelle Tiefe.

 

P. Adam Bergmann wurde Anfang Juli im oberösterreichischen Wels von Bischof Manfred Scheuer zum Priester geweiht. In seiner Weihepredigt hatte Scheuer dazu aufgerufen, die Kirche nicht von Zahlen und Strukturen her zu denken, sondern die Gottesfrage und die Sorge um die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Die franziskanische Berufung bedeute, Armut und Bedürftigkeit wahrzunehmen, Beziehungen zu pflegen und den Segen Gottes in eine oft brüchige Welt hineinzutragen.

 

Diese Grundhaltung prägte auch die Feier in Hall. Nach dem Gottesdienst spendete der Neupriester den Einzelprimizsegen, anschließend kamen die Besucher bei einer Agape zusammen. Besonders beeindruckt zeigte sich der Würzburger Domkapitular und Caritas-Vorsitzende Clemens Bieber, der mit dem ehemaligen Landeshauptmann Herwig van Staa eigens zur Feier gekommen war: „Es war eine umwerfende Predigt!“

So wurde das Patrozinium zu einem Fest des Glaubens, der franziskanischen Gemeinschaft und der Erneuerung, ganz im Geist des heiligen Franziskus.

Patrozinium und Nachprimiz im Zeichen des Franziskus
P. Adam spendete den Primizsegen. Fotos: Cincelli/dibk

Predigt im Wortlaut

2.8.2026, Franziskanerkirche Hall - Lesungen: Jesus Sirach 24,1-29 │ Galater 4,4-7 │ Lukas 1,26-33

Wusstet ihr, liebe Schwestern und Brüder, dass diese kleine Franziskanerkirche, dieses kleine Franziskanerkloster recht häufig Ursprungsort vieler Lebens- und Berufungsgeschichten war? Wievielen Erzählungen durfte ich in der kurzen Zeit zuhören, in der ich mit euch hier in Hall lebe, in denen Junge und Alte von ihren Erlebnissen am Franziskanergymnasium berichten, welche Absolventen die Schule in ihrer jahrhundertealten Geschichte hervorgebracht hat und welche Mitbrüder hier in diesem Kloster ihren Dienst versehen haben. Unlängst hat mich ein Mitbruder darauf hingewiesen, dass Hall für den Franziskanerorden gewissermaßen eine Wiege für viele Berufungen war. Deshalb ist es nur passend, dass diese Kirche auf das Fest der heiligen Maria von den Engeln zu Portiuncula geweiht ist. Dieser Begriff, Portiuncula, erscheint vielen fremd, er bedeutet wörtlich übersetzt „ein Portiönchen“, ein kleiner Teil. Der Begriff führt uns an den Beginn des Minderbrüderordens beim Ordensvater Franziskus zurück, an den Beginn so vieler franziskanischer Berufungen in der Geschichte des Ordens. Was berichtet uns der Biograf des heiligen Franziskus, Thomas von Celano, von diesem Ort in Assisi, an dem heute einer der gewaltigsten Pilgerstätten der europäischen Christenheit steht? 

 

„Der Diener Gottes Franziskus, unscheinbar von Gestalt, der ein Minderer sein wollte, wählte für sich und seine Gefährten ein Teilchen von der Erde aus. Etwas musste er ja von der Erde haben, denn anders hätte er Christus nicht dienen können. Gewiss waren jene, die diesen Ort erbaten, der seit alten Zeiten Portiuncula genannt wurde, und die von der Erde durchaus nichts haben wollten, von Gott inspiriert. Dort war der Jungfrau und Mutter Maria eine Kirche erbaut. In ihr nahm der Orden der Minderbrüder seinen Anfang, hier erstand er über einem felsenfesten Grund als herrlicher Bau. Diesen Ort gewann der heilige Franziskus vor allen anderen lieb, ihn befahl er den Gefährten in besonderer Ehrfurcht zu halten, ihn wollte er gleichsam als Spiegel des Ordens in Demut stets behütet wissen. Das Eigentumsrecht darüber ließ er anderen, für sich und die Seinen behielt er nur die Benützung.“ 

 

Der heilige Franziskus, der stets die verfallenden, vergessenen Kirchlein und Kapellen seiner Umgebung als Rückzugs- und Gebetsort aufsuchte und dort seine intensivsten Gotteserfahrungen hatte, gab dieser Portiuncula-Kapelle seinen Vorzug sogar in den Tagen und Stunden seines Sterbens und Hinübergehens, dessen wir dieses Jahr zum 800. Mal gedenken. Und mit dieser Kirche und ihrer Weihe an Maria, Königin der Engel (Santa Maria degli Angeli) verbindet der Franziskanerorden weltweit die Aufgabe, den Menschen Gottes Barmherzigkeit und Vergebung in besonderer Weise zu verkünden und den Weg dorthin zu eröffnen (Perdono di Assisi). Am heutigen Tag steht die Tür der Portiuncula in Assisi weit offen und Pilger strömen durch sie ein, um für sich, für ihre Anliegen oder für die Verstorbenen um Gottes Barmherzigkeit zu bitten. Über der Türe der Portiuncula zeigt eine Malerei die Verkündigungsszene, wie der Engel Gabriel bei Maria eintritt. Gott tritt in ihr Leben, stellt sich an die Schwelle, Gott spricht Maria an, aber diese Anrede ist heilsverheißend und wie Maria ein Engel zu Seite steht, die frohe Botschaft zu verstehen, so steht Maria den Pilgern und uns auf unserem Lebensweg zur Seite, damit auch wir Gottes Heilswillen für uns erkennen. Die offene Türe der Portiuncula versinnbildlicht den Zugang zum Leben in der Versöhnung und Vertraulichkeit mit Gott und den Mitmenschen. Und nun verrate ich euch drei Geheimnisse, wie wir über die Schwelle und durch die Türe gelangen: Erstens, müssen wir uns auf den Weg machen. Nur, wenn wir uns in Bewegung versetzen, ändern sich unser Horizont, unsere Perspektive. Als Christen sprechen wir von der Konversion, der inneren Umkehr. Das zweite Geheimnis: Wir müssen mit Kraft an die Türe klopfen und um Einlass bitten. Gottvater wartet auf uns an der Schwelle, dafür müssen wir aber die Bereitschaft signalisieren, verfügbar und offen für Gott zu sein. Und drittens, schließlich die Schwelle der offenen Türe überschreiten und in ein neues Haus eintreten. Die Schwelle zu übertreten drückt aus, sich anzuvertrauen, sich in Empfang nehmen zu lassen. 

 

Gott hat in Jesus Christus bereits die Erfüllung der Heilsgeschichte angelegt, die Türe ist nicht mehr verschlossen und wir können in der Nachfolge des Sohnes Gottes getrost als Schwestern und Brüder des Herrn an die Türe treten, anklopfen und mit dem Geist des Sohnes Gottes rufen: „Abba, Vater!“ Der heilige Franziskus hat den Menschen die Portiuncula als Ort der Begegnung mit Gottes Erbarmen an der Seite der Gottesmutter Maria eingerichtet, als Symbol des Schoß Mariens, die uns als Pilger in dieser Welt mütterlich empfängt, uns an die Schwelle begleitet, vor ihren Sohn stellt und in ihm auf die Begegnung mit Gottvater hinweist. 

 

Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich euch am Ende dieses Gottesdienstes den Primizsegen unter Anrufung der Gottesmutter spende, dann lege ich in mein Gebet für euch die Hoffnung, die Sehnsucht hinein, dass Gott eure Herzen berührt, euch eine wahrhafte Erfahrung von Versöhnung teilhaftig wird, dass ihr wie der heilige Franziskus einen Ort, ein Stückchen Erde findet, an dem ihr ganz unverstellt, frei von jedem Schamgefühl und von Sorgen vor Gott stehen und sagen könnt: „Abba, Vater“! 

Predigt im Wortlaut

Predigt im Wortlaut