"Lernen wir von Franziskus. Es geht um unsere Zukunft"

Bischof Hermann bei Gottesdienst im Innsbrucker Dom: Der "Revolutionär von Assisi" lebte vor, wie man "eine neue, innere Freiheit" gewinnt, indem man sich ganz in den Dienst der Nächsten stellt - "Transitus-Wochenende" mit Gottesdiensten und Pilgerwanderung in Tirol

Die Vorbildfunktion des Hl. Franz von Assisi für eine von Konflikten und Krisen durchfurchte Welt hat der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler unterstrichen. Nicht nur durch seine Fürsorge für die Schöpfung, sondern auch durch seine Hingabe an die Armen und Bedürftigen sei Franziskus zu einem bis heute aktuellen "Revolutionär von Assisi" geworden, sagte Glettler bei einem Gottesdienst am Sonntag im Innsbrucker Dom aus Anlass des 800. Todestages des Heiligen. Wer den Weg des Franziskus und damit den Weg Jesu wähle, setze nicht auf Maßlosigkeit, sondern auf Zufriedenheit, Versöhnung und Dankbarkeit - "und eine heilsame Entlastung für die ganze Schöpfung", so Glettler. "Lernen wir vom Hl. Franziskus! Es geht um die Zukunft unserer Welt."

 

Wer sich auf die franziskanische Spiritualität einlasse, erkenne, dass die Menschheit "Teil von Gottes großartiger Schöpfung, aber nicht deren Herren mit uneingeschränkter Verfügungsgewalt" ist, führte der Bischof aus. "Leider werden die ökologischen Warnungen unserer Zeit (...) kleingeredet, bzw. mundtot gemacht". Dagegen würde Franziskus einen Weg weisen, der sich bewusst von Machtverhältnissen lossage und frei mache für die Not der Ärmsten. Die von Franziskus gewiesene "befreiende Alternative" führe in eine neue, "innere Freiheit" und zu den Nächsten: "Heute sind es zuerst wir selbst, nicht nur die Superreichen, die sich mit einem Speckgürtel des Wohlstands umgeben, um abgesichert zu sein - und damit auch unempfindlich für das, was Menschen an Not oft durchzukämpfen haben."

 

Tirol feiert Heiligen mit "Transitus-Wochenende"
Neben dem Gottesdienst am Gedenktag des Heiligen feierte Tirol Franziskus mit einem ganzen "Transitus-Wochenende", bestehend aus spirituellen Angeboten, Gottesdiensten und Begegnungen. Im Mittelpunkt stand dabei die Erinnerung an den sogenannten "Transitus", den Heimgang des heiligen Franziskus von Assisi in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1226. 

 

Eingeläutet wurde das Wochenende am Freitag mit einer "Transitusvesper" In der Innsbrucker Kapuzinerkirche. In Gebeten, Vorträgen und Videoimpulsen wurde dabei das Leben des heiligen Franziskus nachgezeichnet. Im Anschluss gab es bei einer Agape die Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen.

 

Außerdem lud die Diözese zu einer Pilgerwanderung gemeinsam mit Bischof Glettler auf der "Via Laudato si'". Der Pilgerweg führte durch die Bergwelt des Wipptals und verband Naturerfahrung, Gemeinschaft und spirituelle Impulse. Er zählte zu den zentralen Angeboten des Franziskusjahres und lädt auch künftig dazu ein, die Schöpfung bewusst wahrzunehmen und Verantwortung für das "gemeinsame Haus" zu übernehmen. Den Abschluss bildete ein Gottesdienst in St. Michael im Wipptal, den Bischof Glettler mit den Pilgerinnen und Pilgern feierte.

 

Eine Meldung von www.kathpress.at 

"Lernen wir von Franziskus. Es geht um unsere Zukunft"
Fotos: Sigl/dibk

Nicht die Gier, das Leben wählen – mit Franziskus

Predigt von Bischof Hermann Glettler für den 27. Sonntag im JK, 4. Oktober 2026. Lesung: Phil 4, 6–9; Evangelium: Mt 21,33-42.44.43 (Das Gleichnis von den bösen Winzern)

Einleitung: Genau vor 800 Jahren starb der Hl. Franz von Assisi. Wir danken heute Gott für 800 Jahre franziskanische Spiritualität – ein Grund zum Feiern! Wie arm wäre unsere Kirche ohne die geistvolle Originalität des Poverello! 800 Jahre gibt es aber auch schon das Ringen um die Frage, wie denn die ursprüngliche Radikalität des Franziskus unter veränderten Bedingungen zu leben sei. Das heutige Evangelium mit dem Gleichnis von den „bösen Winzern“ beinhaltet einige Hinweise dazu. An Franziskus wird jedenfalls sichtbar, so Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si, „dass die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind“.

 

1. Franziskus hat die Armut gewählt – die befreiende Alternative 

Die Winzer im Gleichnis des heutigen Evangeliums vergessen, dass sie nur Pächter sind. Sie betrachten den Weinberg als ihr Eigentum und reißen das Erbe mit Gewalt an sich. Dieses brutale Vorgehen wird uns allen als Spiegel vorgehalten: Sind nicht wir es, die mit den uns anvertrauten Gütern rücksichtslos umgehen? Haben wir vergessen, dass uns „das gemeinsame Haus“ zur treuen Händen und nicht zur Ausbeutung übertragen wurde? Wir sind Teil von Gottes großartiger Schöpfung, aber nicht deren Herren mit uneingeschränkter Verfügungsgewalt! Leider werden die ökologischen Warnungen unserer Zeit – im Gleichnis die mahnenden Knechte – kleingeredet, bzw. mundtot gemacht. Welcher Ausweg, welche Entscheidung wäre vonnöten?

 

Franziskus hat sich nicht für Besitz und gesellschaftliche Macht, sondern für die Armut entschieden. Eindrucksvoll seine Entkleidung am Stadtplatz von Assisi. Zukünftig wollte er nur mehr von seinem himmlischen Vater abhängig sein. Er verabschiedete sich radikal vom Besitzdenken „der Winzer“, die für ihre Ansprüche über Leichen gingen. Zur damaligen Zeit waren dies mächtige Handelsfamilien, Adelsgeschlechter und die Kirche selbst, die ebenso ihre Macht- und Besitzansprüche durchzusetzen versuchte. Heute sind es zuerst wir selbst, nicht nur die Superreichen, die sich mit einem Speckgürtel des Wohlstands umgeben, um abgesichert zu sein – und damit auch unempfindlich für das, was Menschen an Not oft durchzukämpfen haben.

 

Die gegenläufige Haltung beim Revolutionär von Assisi: Er hat die befreiende Alternative gewählt und damit eine neue, innere Freiheit gewonnen. Er wollte Gott und den Armen nahe sein – und, wie es in der Lesung hieß, „in jeder Lage alles betend und flehend mit Dank vor Gott bringen“. Papst Franziskus erläuterte, dass die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus ein Verzicht darauf waren, „die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln.“ Dazu passt auch der ernsthafte Hinweis des Gleichnisses: Es wird ein Gericht geben! Gott, der Besitzer des Weinbergs, wird uns fragen, ob wir solidarisch und verbunden mit der Mitwelt gelebt – oder rücksichtslos nur für uns selbst gewirtschaftet haben.

 

2. Franziskus hat den Gekreuzigten gewählt – die größte Liebe 

Im Gleichnis sendet der Gutsherr seine Knechte und schließlich seinen Sohn. Die Winzer aber schlagen, töten und steinigen sie, um ihre eigene Macht zu sichern. Mit dieser Erzählung wird die ganze Dramatik der Heilsgeschichte zusammengefasst. Gottes Sohn wird von den Winzern nicht anerkannt, seine Botschaft und Zuwendung verweigert – ja draußen vor dem Weinberg sollte er hingerichtet werden. Ein geheimnisvoller Vorausblick auf alles, was sich auf Golgota abspielen wird. Und dennoch: Der von den Menschen Verworfene wurde zum Eckstein, mit dem Gott Neues beginnen konnte. Jesus, der gewaltfrei das Böse ertrug, lehrt uns diesen, seinen Weg der Gewaltfreiheit und „Entfeindung“, wie es Papst Leo XIV. ausgedrückt hat. Folgen wir ihm?

 

Franziskus ist dem lebendigen Christus begegnet – mehrmals im Winter 1205/06. Nach einer langen Sinnsuche erlebte er in der Begegnung mit einem Aussätzigen einen ersten Durchbruch. Die Szene spielte sich unterhalb von Assisi ab. Franziskus, der bisher den sozial Geächteten auswich, ging nun auf einen zu, umarmte und küsste ihn. Das war die innere Befreiung, von der er später schrieb: „In dieser Begegnung ist meine Liebe erwacht.“ Darauf folgten weitere Besuche bei den Leprakranken und einige Zeit später die mystische Begegnung mit dem Gekreuzigten in der zerfallenen Landkirche San Damiano. Vom Kreuz her sprach ihn Jesus an: „Baue meine Kirche wieder auf!“ Das war die Berufung – und Franziskus hat sie gewählt!

 

Diese wenigen Hinweise auf die Biografie des großen Heiligen laden uns ein, dass auch wir den Gekreuzigten wählen – in den Armen! Gewiss braucht es dazu einen neuen Blick und vielleicht eine innere Überwindung, um jemandem Raum und Achtung zu schenken, dem man bisher nur ablehnend oder mit Ekel begegnet ist. Den Gekreuzigten zu wählen, bedeutet das Leben in seiner Schönheit und Verwundbarkeit neu zu wählen – und anstelle von Maßlosigkeit einen einfachen, schlichten Lebensstil! Zufriedenheit, die Bereitschaft zur Versöhnung und eine wohltuende Dankbarkeit wären die Früchte dieser Lebenswahl – und eine heilsame Entlastung für die ganze Schöpfung. Lernen wir vom Hl. Franziskus! Es geht um die Zukunft unserer Welt.

 

3. Franziskus hat die Gemeinschaft gewählt – die Schule des Friedens 

Heuer wurde die Oper „Saint Francois d´Assise“ von Olivier Messiaen bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Ein beeindruckendes Werk, in dem der französische Komponist seine Achtung vor Gottes Schöpfung mit der musikalischen Integration von 41 Vogelstimmen zum Ausdruck bringt. Leider ist der Bestand dieser himmlischen Sänger extrem gefährdet. Für den Verlust dieser Biodiversität gibt es viele Gründe. Der Regisseur Romano Castellucci greift am Ende seiner „Vogelpredigt“ das Thema auf, wenn 41 Vögel-Kadaver auf die Bühne fallen. Der Vogelgesang steht allgemein für den Lobpreis Gottes, meint das Staunen über die Schönheit der Natur, aber auch die Gemeinschaft, die eine Schule des Friedens ist: Franziskus, der Lehrer!

 

Relativ rasch schlossen sich dem Laienprediger von Assisi erste Gefährten an. Humorvoll ausgedrückt, bunte Vögel aus allen sozialen Schichten – Adelige, Bürger, Arbeiter und Bauern. 1217 zählte die Bewegung bereits weit über tausend Gefährten. Am Palmsonntag 1211 begann übrigens mit der damals erst siebzehnjährigen Chiara auch eine weibliche Nachfolgerschaft zu wachsen. Mit der Gemeinschaft wuchs natürlich auch die Zahl der Konflikte – mit ihnen umzugehen und an ihnen zu reifen, ist der bleibende Auftrag. Versöhnung für unsere verwundete Gesellschaft wird es nur geben, wenn wir unseren Stolz ablegen und entdecken, dass wir einander „geschwisterlich“ brauchen – wie bunt, divers, leise oder laut „wir Vögel“ auch sind.

 

„Worin besteht die wahre Freude?“ Diese Frage stellte Franziskus Bruder Leo, der ihn oftmals begleitete. Nicht im Erfolg, im Wachstum der Gemeinschaft oder in der Bekehrung der Feinde, war die Antwort des Heiligen. „Sie stellt sich dann ein, wenn du abends zu einem Haus der Brüder kommst und nicht aufgenommen wirst.“ In diesem Moment fallen alle menschlichen Tröstungen weg, es bleibt dann nur noch Gott selbst. Damit beschrieb Franziskus, was er zigfach erlebt hat – Unverständnis. Auch von Teilen der Kirche wurde er als Narr verworfen. Nackt auf der Erde liegend verstarb er am 3. Oktober 1226. Und dennoch: Dieser Narr liefert seit 800 Jahren unerwartet viele Früchte ab – für uns! Davon beschenkt, können wir das Leben wählen.

 

Abschluss: Der Hl. Franziskus ermutigt uns heute mit den Worten des Paulus (vgl. Phil 4,9): „Was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut!“