Anderssprachige Gemeinden beleben "müde Volkskirche"

Bischof Hermann Glettler bei Gottesdienst zu "Sonntag der Völker": Anderssprachige Gemeinden sind "erfrischende Erinnerung, dass wir gemeinsam Teil einer Weltkirche sind"

Den belebenden Charakter anderssprachiger Gemeinden für die katholische Kirche weltweit, aber speziell auch in Österreich hat Bischof Hermann Glettler betont. Die anderssprachigen Gemeinden stünden nicht am Rande, "sondern im Herzen unserer Kirche" - und seien "in den urbanen Gebieten sogar die Herzschrittmacher einer müde gewordenen Volkskirche", sagte der Innsbrucker Bischof unter Verweis auf die jüngst veröffentlichten Kirchenstatistiken bei einem Gottesdienst zum "Sonntag der Völker" im Innsbrucker Dom.

 

Anderssprachige Christinnen und Christen seien "ein Segen, eine erfrischende Erinnerung, dass wir gemeinsam Teil einer Weltkirche sind", führte der Bischof aus - und er rief die mitfeiernden Gemeinden auf: "Bitte belebt uns weiterhin mit der Frische eures Glaubens, mit der erfreulichen Selbstverständlichkeit eurer kirchlichen Verbundenheit - und mit dem tatkräftigen Zeugnis der menschlichen Aufmerksamkeit in der Nachbarschaft!"

 

Zugleich erinnerte Glettler daran, dass der Sonntag der Völker die Aufmerksamkeit auch auf all jene lenke, "die aufgrund von Not, Krieg und Hunger zu Fluchtreisenden wurden". Der christliche Glaube fordere, sich diesen Menschen wohlwollend und mit Zivilcourage zuzuwenden und sich um sie zu kümmern: "Wir leben aus dem Glauben an einen Gott und Vater aller Menschen, von dessen Namensliste kein Mensch gestrichen wird - egal wie vertraut oder exotisch der Name seiner Kinder auch klingen mag. Seine Zuwendung wirkt befreiend und heilend angesichts der vielen Egoismen und narzisstischen Selbstdarstellungen unserer Zeit".

 

Eine Meldung von www.kathpress.at 

Anderssprachige Gemeinden beleben "müde Volkskirche"
Fotos: Stanic

Predigt im Wortlaut

Gottes Sorge für die Kleinsten, unser Auftrag

Predigt von Bischof Hermann Glettler beim Gottesdienst mit den muttersprachlichen Gemeinden zum  „Sonntag der Völker“ am 27. Sept. 2026, Dom St. Jakob, Innsbruck 

 

Einleitung: Ich bin unendlich dankbar für die Vielfalt und die Einmütigkeit im Glauben, die wir heute erleben. Das ist nicht selbstverständlich. Euer Dasein in unserer Diözese, in unserem Land ist ein Segen, eine erfrischende Erinnerung, dass wir gemeinsam Teil einer Weltkirche sind – eine Weltkirche inmitten einer wunderschönen, vielfältigen, aber auch verwundeten Welt. Euer Zeugnis des Glaubens in unserer pluralen Gesellschaft ist sehr kostbar! Heute ermutigen uns die Texte der Heiligen Schrift zum Hören und zum entschlossenen Handeln. Die Quelle für unser Leben und Tun ist Gottes Bewegung, der immer zuerst die Schwachen und Entrechteten aufsucht.

 

1. Die heilbringende Bewegung Gottes aufnehmen 

Im Hymnus des neutestamentlichen Briefes an die Gemeinde in Phillippi hören wir von der „Karriere nach unten“, die Christus, der Gesalbte Gottes, angetreten ist. „Er hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich“ – welch eine überraschende, heilbringende Zuwendung: Gott hat seine Allmacht, seinen „Reichtum“ abgelegt, um „wie ein Hausknecht“ dem Menschen zu dienen. Gott wurde arm, um uns seine göttliche Würde von Neuem zu schenken. Ja, jedem Menschen! Seine Sorge und – unsere Aufmerksamkeit an diesem „Sonntag der Völker“ – gilt vor allem jenen, die aufgrund von Not, Krieg oder Hunger zu Fluchtreisenden wurden. Unter diesen unfreiwilligen Migranten blicken wir heute besonders auf die Kinder.

 

Gottes Bewegung ist heilsam gegenläufig zu allen Formen der Verherrlichung von Gewalt. Es ist die Frohbotschaft unseres Glaubens, die uns über ethnische und kulturelle Grenzen hinweg einigt – und es sind nicht die nationalen „Narrativen der Stärke“ eingebildeter Autokraten. Wir leben aus dem Glauben an einen Gott und Vater aller Menschen, von dessen Namensliste kein Mensch gestrichen wird - egal wie vertraut oder exotisch der Name seiner Kinder auch klingen mag. Seine Zuwendung wirkt befreiend und heilend angesichts der vielen Egoismen und narzisstischen Selbstdarstellungen unserer Zeit: Er hat sich in Jesus, unserem Herrn und Bruder klein gemacht, um den Kleinen und Verwundbarsten unserer Zeit zu begegnen.

 

2. Echte Bekehrung anstelle von unverbindlichem Blabla 

Das heutige Evangelium kritisiert die gefährliche Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Auftrag: Da gibt es zwei Brüder, die unterschiedlich reagieren. Der eine ist vorerst trotzig und weigert sich, der Bitte des Vaters zu entsprechen. Später aber „reute es ihn“ und er ging doch in den Weinberg. Der zweite sagt sofort Ja, kommt aber dem Auftrag nicht nach. Die Bitte des Vaters ist an seinem teflonbeschichteten Geist und Herzen abgeprallt. Seine Zusage war nur äußerlich, ohne jegliche Relevanz für sein Leben. Ein Schausteller von Frömmigkeit, beziehungslos und unverbindlich. Welch ein Unterschied! Deshalb die Frage: Auf welcher Seite sind wir? Auf der Seite derer, die oberflächliche, sogar fromme Worte verwenden – aber dem Guten nicht dienen? 

 

Nochmals der Hl. Paulus im O-Ton der heutigen Lesung: „Seid einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig, eines Sinnes!“ Paulus weiß, von welchen Gefahren er spricht. So schnell kann eine kirchliche Gemeinschaft gefährdet sein, weil sich Streitsucht und Wichtigtuerei einschleichen und das gefährliche Spiel von Tratsch und Lüge. Und so rasch kann eine Gesellschaft hart werden gegenüber jenen, die eigentlich mehr Fürsorge bräuchten. Deshalb verbietet sich jede pauschalierende Hetze gegen sozial Schwache und Migranten, als ob sie alle nur importierte Kriminell seien. Dementgegen müssen wir Verantwortung füreinander übernehmen: Nicht ausgrenzen, sondern einander Hilfe sein – da s ist Gottes Auftrag!

 

3. Ein couragierten Zeugnis für ein lebendiges Miteinander  

Wir sind heute zusammen, um unseren Glauben zu stärken und jene Menschlichkeit zu bezeugen, zu der wir berufen sind. Ihr, liebe Gläubige der muttersprachlichen Gemeinden, seid nicht am Rande, sondern im Herzen unserer Kirche - den aktuellen Zahlen der Kirchenstatistik folgend, seid ihr in den urbanen Gebieten sogar die Herzschrittmacher einer müde gewordenen Volkskirche. Bitte belebt uns weiterhin mit der Frische eures Glaubens, mit der erfreulichen Selbstverständlichkeit eurer kirchlichen Verbundenheit – und mit dem tatkräftigen Zeugnis der menschlichen Aufmerksamkeit in der Nachbarschaft! Wenn dort jemand Unterstützung braucht, ist dies verlässlich eine Bitte Jesu, der wir nicht ausweichen sollten!

 

Ebenso wichtig scheint mir die Zivilcourage in unserer Gesellschaft zu sein. Ihr wisst aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, in einem Land anfänglich fremd zu sein, um die eigene Identität zu ringen und zugleich Anschluss zu finden – und wie lange es dauert, bis man sich als aktiver Teil einer Gesellschaft wertgeschätzt zu fühlt. Ihr wisst aus eigener, manchmal schmerzhafter Erfahrung, dass wir den negativen Dynamiken in unserer Gesellschaft entgegentreten müssen, allen Versuchen des Ausschlusses von Andersdenkenden und Andersglaubenden. Als katholische Christinnen und Christen, seid weiterhin eine lebendige Stimme von Einmütigkeit und Vielfalt in unserem Land! Ihr wirkt vermittelnd und versöhnend, wenn ihr eure Berufung lebt.

 

Abschluss: Liebe Schwestern und Brüder! Wir erleben heute ein Fest multikultureller und multinationaler Vielfalt – inmitten einer Kirche, die ihren Auftrag in einer ebenso pluralen Gesellschaft wieder entdecken muss. Der aktuelle Besuch von Papst Leo XIV. in Frankreich ist diesbezüglich eine zusätzlich Stärkung. So z.B. feierte er im französischen Nationalstadion in Paris mit 80.000 begeisterten Jugendlichen eine Gebetsvigil, in der er eindringlich darauf hinwies, dass uns das Evangelium „nicht zu Konflikten, sondern zur Vergebung einlade: Während es das Drama der Geschichte erhellt, schult es uns in geschwisterlicher Fürsorge. Die Begegnung mit Christus öffnet den Weg zum Dialog und bereitet auf seinen Frieden vor.“