Zum Gedenken an Ernesto Cardinal

Vorgestern starb in Managua hochbetagt der nicaraguanische Dichter und Mystiker der Befreiungstheologie Ernesto Cardenal. Wir erinnern an ihn mit Ausschnitten aus seinen „Gesängen des Universums“:

Gesang des Universums

Am Anfang

vor der Raum-Zeit

war das Wort

Das liebevolle Wort.

Mysterium und Ausdruck des Mysteriums zugleich.

Geheimnis, das sich schenkt. Ein Ja.

 

Als alles Nacht war, als

alle Wesen noch dunkel waren, bevor sie Wesen waren,

existiere eine Stimme, ein klares Wort,

ein Gesang in der Nacht.

 

Er sang bei der Erschaffung der Welt,

Er erschuf die Welt singend.

Am Anfang war das Lied.

Er erschuf das Universum singend

und daher singt alles.

Sie tanzen wegen des Worts, das die Welt erschuf.

 

Hörst du die Sterne? Sie haben uns etwas zu sagen.

Der Chor der Dinge.

Das Universum tanzt.

Hörst du die Sterne? Es ist die Liebe, die singt.

 

Weil das Wort die Welt erschaffen hat,

können wir mit der Welt sprechen.

Wir sind Wort

in einer Welt, die aus dem Wort geboren ist…

wer nicht Dialog ist, ist nicht.

 

Das Eisen in deinem Blut, vor Millionen Jahren,

vor Millionen Jahren war es in einem riesigen Stern.

Das Eisen in deinem Blut

wird zum Herz der Erde zurückkehren.

 

Aber hinter all dem wartet die Überraschung,

die es mit dem Leichnam Jesu gab.

Dieses Ereignis in der Geschichte:

Ein leeres Grab.

Der Tod hat keinen Sinn mehr. Das Leben hat Sinn.

 

Und was sehen wir, wenn wir den dunklen Nachthimmel betrachten?

In der Nacht sehen wir einfach die Ausdehnung des Universums.

Galaxien und Galaxien und dahinter Quasare.

Und noch weiter im Raum sähen wir keine Galaxien und Quasare mehr,

eine dunkle Wand, vor dem Augenblick, in dem das Universum

durchsichtig wurde. Und davor?

Was sähen wir ganz am Anfang?

Als es nichts gab.

Am Anfang…

 

Die Liebe: die die Sterne angezündet hat.

Das Universum ist Liebe.

Nur die Liebe ist revolutionär.

Der Hass ist immer reaktionär.

Lieben heißt ewig sein.

S. Auer: Yolombo/Kolumbien