Wenn der Fluss über die Ufer tritt … Über die Amazoniensynode

Ein Exklusivbericht der Synodenteilnehmerin Sr. Birgit Weiler über Prozess und Ergebnisse der Amazoniensynode.
Prof. Dr. Birgit Weiler gehört dem Orden der Missionsärztlichen Schwestern an. Als Spezialistin für indigene Theologien lehrt sie systematische Theologie an der Jesuiten-Universität Antonio Ruiz de Montoya in Lima/Peru und nahm als vom Papst ernannte Expertin an der Amazoniensynode teil.

Wasser für steriles Land 

Dieser ist uns im Amazonasgebiet sehr gebräuchlich, bleiben doch in der Regenzeit die Flüsse nicht in ihrem vorgegebenen Flussbett, sondern treten aufgrund der grossen Mengen an neuem Wasser, das ihnen zugeführt wird, weit über die Ufer. Dadurch befruchten sie das umliegende Land, das sonst steril bliebe. Es ist ein starkes Bild für das, was zumindest anfanghaft und mit gewisser Kraft in den Wochen der Synode für Amazonien geschehen ist und nun in der Umsetzung weiter vorangebracht werden will.

Ich habe in den Tagen oft an das Jesaja-Zitat gedacht: “Seht her, ich mache etwas Neues, schon kommt es zum Vorschein” (Jes 43,19). Das war im Synodenprozess mal sehr deutlich, mal inmitten im Ringen darum wahrzunehmen.

 

Lebenskraft spürbar 

Wie Austen Ivereigh hervorhob, war dies die erste “territoriale” Synode überhaupt. Und zum ersten Mal standen die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Amazonasraumes, insbesondere die 390 indigenen Völker mit etwa drei Millionen Mitgliedern, im Mittelpunkt der Beratungen  und Anliegen einer Synode.[1]

Die indigenen Vertreter und Vertrerinnen ihrer Völker traten seit dem ersten Arbeitstag der Synode deutlich hervor. Denn an diesem Tag wurde zu Beginn eine Prozession vom Petersdom in die Synodenaula gemacht, die von den Indigenen angeführt wurde. Im Petersdom waren ihre Instrumente und die Klänge ihrer Musik zu hören, sie waren dort zu sehen in der Farbentracht ihrer Kleider und mit ihren Tanzschritten. In alldem wurde etwas von der Lebenskraft und Lebensfreude Amazoniens sichtbar und spürbar.

Synodaler Geist bringt hierarchische Ordnung durcheinander,

Beim Auszug aus dem Petersdom geschah spontan etwas Bezeichnendes: angekündigt worden war, dass die Reihung beim Auszug gemäß der liturgischen strikt hierarchischen Ordnung im Petersdom zu erfolgen habe, mit den Synodenvätern je nach Rang an der Spitze. Aber verschiedene Bischöfe gaben deutliche Signale, dass wir doch alle Synodenväter und -mütter sind und daher miteinander und nicht nach Rängen geordnet den Weg gehen und in die Synodenaula einziehen sollten. Das geschah dann auch so.

Der darin zm Ausdruck kommende synodale Geist war weitgehend sehr präsent sowohl in den Plenarsitzungen als auch in der Arbeit in den so genannten “kleinen  Zirkeln”. Es wurde mit viel Freimut gesprochen, auch über die brisanten Themen. Mehre Bischöfe, die schon an vielen Synoden teilgenommen haben, sagten uns, dass dies wirklich neu und ein wichtiger Schritt nach vorn gewesen sei, was die Generierung einer Kultur in Kohärenz mit einer synodalen Kirche anginge.

Kritischer Moment zu Beginn der letzten Woche 

Der Freimut zeigte sich auch in einem kritischen Moment, als zu Beginn der letzten Synodenwoche der erste Entwurf des Abschlussdokumentes vorgelegt wurde, der inhaltlich nicht unseren Erwartungen  und Anforderungen im Hinblick auf das Ergebnis der intensiven gemeinsamen Beratungen entsprach. Der Einspruch gegen diesen Text und die begründete Kritik daran wurden deutlich vorgebracht. Zugleich wurde in den folgenden Tagen konstruktiv und konsequent an der inhaltlichen Umgestaltung des Textes gearbeitet.

Zentrum und Peripherie: Von der Herausforderung, wahrhaft zu einer Weltkiche zu werden. 

Die Spannung zwischen Peripherie und Zentrum wurde an verschiedenen Stellen deutlich. Obwohl Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben “Die Freude des Evangeliums” und anderswo darauf gedrängt hatte, einen  inneren und äußeren Ortswechsel zu vollziehen und zu lernen, die Welt aus der Perspektive eines anderen Ortes, eben nicht des Zentrums, sondern der (Macht)Peripherie wahrzunehmen sowie die Peripherie, die Welt der Armen, gesellschaftlich an den Rand Gedrängten und Ausgeschlossenen  als Erschließungsort des Evangeliums anzuerkennen[2], war auffallend, wie schwer dies im Dialog mit verschiedenen Vertretern der Kurie zu verwirklichen war.

Hier überwog häufig die Perspektive, primär in kirchenrechtlicher Perspektive die Realität zu betrachten und zu beurteilen und eben nicht vorrangig in pastoraler Perspektive der Peripherie, ausgehend von den pastoralen Nöten und Erfordernissen, die viele Bischöfe und Laien, vor allem indigene Repräsentanten ihrer Gemeinden eindrücklich vorbrachten.

Dass dies auch anders geschehen kann, zeigte der Redebeitrag von Kardinal Oswald Gracias, dem Erzbischof von Bombay und Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Asiens, der promovierter Kirchenrechtler ist. Er wies Wege auf, wie vom Kirchenrecht her die Einfuhrung der Viri Probati in den Ortskirchen Amazoniens ermöglicht werden könnte. Denn ihm sind die zugundeliegenden pastoralen Nöte von seinem Kontext her wohl bekannt.

 

Priesterweihe für verheiratete Familienväter 

Es war auch bewegend, die Beiträge der indigenen Repräsentanten  zu diesem Thema zu hören. Nachhaltig beeindruckt hat uns der Redebeitrag eines indigenen Katecheten der Quichua, der sehr eindringlich vorbrachte, dass den Gemeinden, die er pastoral begleitet, die Eucharistiefeier sehr viel bedeutet und sie die meiste Zeit darauf verzichten müssen. Denn aufgrund des akuten Priestermangels können sie diese nur zwei- oder dreimal im Jahr feiern.  Er bat im Namen dieser Gemeinden eindringlich um die Einführung der verheirateten Familienväter mit Priesterweihe. In den verschiedenen Beiträgen wurde dieses Argument stark gemacht, da es der tiefe Wunsch vieler christlicher katholischer Gemeinden im Amazonasgebiet ist; das haben die Konsultationen deutlich gezeigt.

Wie kontrovers dieses Thema auf der Synode diskutiert wurde, zeigt das Abstimmungsergebnis in Bezug auf das Schlussdokument. Über jeden seiner 120 Textabschnitte oder Artikel im zweiten Textentwurf musste getrennt abgestimmt werden. Nur die Artikel, die die Zweidrittelmehrheit erhielten, das hieß mindestens 120 Stimmen, schafften es ins Schlussdokument.  Der Artikel über die verheirateten Priester erhielt zwar die meisten Gegenstimmen (41 Nein-Stimmen bei 128 Ja-Stimmen), errang aber die nötige Stimmenzahl. Es müssen noch genaue Kriterien für die Auswahl der entsprechenden Familienväter erstellt werden.

Klerikalisierung vermeiden 

In den Redebeiträgen wurde oft darauf hingewiesen, dass eine Klerikalisierung der verheirateten Familienväter unbedingt vermieden und sicher gestellt werden muss, dass sie die Fähigkeit zur Arbeit in einem pastoralen Team von Frauen und Männern sowie zur Gestaltung guter Kommunikationsprozesse und Schaffung von Konsens besitzen; letzteres ist von großer Bedeutung in den indigenen Gemeinden, da es ein wesentlicher Aspekt ihrer Kultur ist. Im Hinblick auf die Viri Probati und ihre Ausbildung muss noch vieles im Detail bedacht werden. Wichtig ist, dass der Weg hierzu frei wird.

„Jetzt ist die Stunde”: Mehr Leitungsverantwortung und  Leitungsämter  für Frauen in der Kirche 

Der Satz „Jetzt ist die Stunde“, der aus einem Zitat von Papst Paul VI. im Zusammenhang mit der wesentlichen Rolle der Frauen stammt, wurde zu einem Leitwort während der Synode. In vielen Beiträgen in der Synodenaula als auch in den kleinen Arbeitszirkeln wurde die Notwendigkeit stark zum Ausdruck gebracht, miteinander effektiv an der Überwindung von Machismo und Klerikalismus in der Kirche im Allgemeinen und der Kirche Amazoniens im Besonderen zu arbeiten, Frauen mehr Leitungsverantwortung und Leitungsämter, die kein Weiheamt voraussetzen, – und das sind viele –, zu übertragen.

Das wurde nicht nur von uns Frauen, sondern ebenso von vielen Bischöfen gefordert. In meiner Arbeitsgruppe sagte zum Beispiel ein Bischof, der bereits eine Frau zur Generalvikarin in seiner Diözese ernannt hat, dass  “synodale Kirche sein” bedeutet, nicht nur miteinander Wege zu gehen, sondern auch miteinander zu beraten und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Wir Frauen wurden von vielen Bischöfen darin unterstützt, dass es unbedingt an der Zeit ist, formal anzuerkennen, was in der Kirche Amazoniens bereits Realität ist, nämlich, dass die katholische Kirche an vielen Orten nur dank der Frauen präsent ist.

 

Dienstamt für Frauen als Gemeindeleiterinnen 

Diese leiten viele Gemeinden, koordinieren die Pastoralarbeit, regen verschiedene Initiativen an wie Bibelkreise, in denen das Wort Gottes auf das Leben hin ausgelegt wird, eine ganzheitlich ausgerichtete Gesundheitspastoral sowie eine ganzheitliche Ökologie und die ihr zugrunde liegende Schöpfungsspiritualität sowie deren Umsetzung in konkretes Handeln aus ökologischer Verantwortung. Daher wurde mit Nachdruck darum gebeten, ein Dienstamt für Frauen als Leiterinnen von Gemeinden einzuführen, da die glaubhafte Bezeugung des Evangeliums und die pastorale Begleitung der Gemeinden dies erfordern.

Es wurde von vielen Frauen, aber auch von mehreren Bischöfen deutlich der Wunsch vorgetragen,  die Diakonninenweihe in der katholischen Kirche einzuführen. Das war in den Konsultationen von vielen Menschen im Amazonasgebiet erbeten worden. Darauf ist mit Nachdruck hinzuweisen angesichts von Kritiken aus sehr konservativen Kreisen, dass angeblich deutsche Priester und Bischöfe diese Gedanken in das Arbeitsdokument für die Synode eingetragen hätten. Dem ist nachweislich nicht so.

Nötiges Zugeständnis

Im Schlussdokument fällt auf, dass der Textabschnitt zum Frauendiakonat sehr vorsichtig formuliert ist. Dies war ein nötiges Zugeständnis, um sicher zu stellen, dass dieser Abschnitt überhaupt im Schlussdokument erscheint. Es ist der Artikel, der nach dem Abschnitt über die verheirateten Priester die meisten Gegenstimmen zu verzeichnen hatte, aber dennoch etwas mehr als die erforderliche Zweidrittelmehrheit erhielt.

Wir Frauen haben getrennt davon ein Gesuch an den Papst gestellt, die Frage des Frauendiakonats weiterzuführen. In seiner Ansprache nach der Abstimmung erkannte er an, dass die stärkere Rolle der Frau in der Kirche generell und in Amazonien im Besonderen ein starkes Thema der Synode war. Er versprach, die Kommission zum Frauendiakonat mit neuen  Mitgliedern zu besetzen, um in der Frage weiterzukommen und die Rolle der Frau in der Kirche noch mehr zu stärken.

Zeichen der Hoffnung 

Ein kleines Zeichen in diese Richtung ist, dass er zwei Frauen und einen Laien in die Kommission zur Redaktion des päpstlichen Schreibens im Anschluss an die Synode berufen wird. Das war bislang nicht üblich. Er hat in mehreren Aussagen zu verstehen gegeben, dass er sich wünscht, dass den Frauen noch viel mehr Raum in der Kirche gegeben wird und ihr Beitrag weit über die Funktionen hinausgeht, die sie ausüben.

Kirche, Bündnispartnerin der Völker Amazoniens im Einsatz für den Erhalt des Amazonasraumes angesichts seiner großen Gefährdung 

Ein weiteres zentrales Thema der Synode, das auch im Schlussdokument eingehend behandelt wird, ist die enorme Gefährdung des Amazonasraumes. Er ist davon bedroht aufgrund der zahlreichen schädigenden Eingriffe in das an Biodiversität so reiche, aber zugleich so verwundbare Ökosystem zu kollabieren.

 

Suche nach Bündnispartnern 

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber machte in seinem Beitrag deutlich, dass nur noch etwa zehn Jahre bleiben, um dem Erreichen des drohenden Kipppunktes entgegenzuwirken. Dieser würde katastrophale Folgen nicht nur für Lateinamerika, sondern letztlich für den gesamten Planeten haben.

In bewegenden Worten riefen mehrere indigene Vertreterinnen die Kirche dazu auf, Bündnispartnerin ihrer Völker im Einsatz zum Erhalt Amazoniens zu sein. Die Kirche hat sich im Schlussdokument darauf verpflichtet und anerkannt, dass sie viel von den indigenen Völkern im Hinblick auf eine ganzheitliche Ökologie und eine ökologisch verantwortliche Beziehung zum Lebensraum lernen kann. Gemeinsam mit diesen Völkern als Protagonisten will sie sich für neue, solidarische und wahrhaft nachhaltige Modelle des Wirtschaftens einsetzen. Auf der Synode wuchs die klare Erkenntnis, dass es dazu internationaler Allianzen nicht nur innerkirchlich, sondern auch auf zivilgesellschaftlicher und zwischenstaatlicher Ebene unbedingt bedarf. Dieser Aspekt hätte meines Erachtens noch vertieft werden können.

 

Identität der Kirche Amazoniens 

Im Prozess der Synode hat sich die Identität der Kirche Amazoniens, die sich vom Territorium und den verschiedenen Kulturen prägen lässt, danach trachtet, sich in diesen Kulturen zu beheimaten („inkulturieren“) und im Kontext Amazoniens das Evangelium in Wort und Tat glaubhaft zu verkünden, weiter ausgeprägt. Die Kirche in Amazonien ist sich ihrer Partikularität noch stärker bewusst geworden sowie der Notwendigkeit, viel intensiver und in vernetzter Weise zusammenzuarbeiten. Zugleich hat sich das Bewusstsein ihrer Würde als Partikularkirche gestärkt, die sich eine Weltkirche wünscht, in der die Einheit in der Anerkennung und Wertschätzung der Vielfalt gründet.

 

[1] Ivereigh, Austen, When the Amazon Meets the Tiber. What to Expect from the First ‘Territorial’ Synod, in: https://www.commonwealmagazine.org/when-amazon-meets-tiber, Abruf vom 27.10.2019.

[2] Vgl. Gmainer-Pranzl, Franz, Missionstheologie und Entwicklungstheorie. Skizze eines interdisziplinären Projekts, in: Delgado, Mariano/Sievernich, Michael/Vellguth, Klaus (Hg.), Transformationen der Missionswissenschaft. Festschrift zum 100. Jahrgang der ZMR (Sonderband der Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft), St. Ottilien 2016, 128–137,135.

 

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