Chiara Martinelli von der CIDSE im Interview - Jeder Wandel muss bei uns beginnen!

Die gebürtige Italienerin Chiara Martinelli koordiniert in der CIDSE, dem Weltdachverband katholischer Entwicklungsorganisationen in Brüssel, die Fachbereiche Klima, Gerechtigkeit, Landwirtschaft, Energiewirtschaft und Nachhaltiger Lebensstil. Anlässlich der 20-Jahr-Feier des Welthauses in Innsbruck luden wir sie zum Interview.

Caritas: Was ist das Aufgabengebiet der CIDSE? 

Martinelli: Wir betreiben Lobbying bei europäischen und internationalen Institutionen, damit Mensch und Planet an erster Stelle stehen. Wir nehmen die Zeichen der Zeit und die Notlage, in der wir uns befinden, wahr und schlagen Alternativen vor. Die katholische Lehre in Form der Öko-Enzyklika „Laudato si“ fließt dabei in unsere Arbeit ein.

Sie sprechen oft vom 1,5 Grad-Celsius-Ziel. Ist es überhaupt erreichbar? 

Ich bin keine Wissenschaftlerin, aber wir haben eine moralische Pflicht dieses Ziel zu erreichen. Wenn wir Küstengebiete, Inseln und die Landwirtschaft vor Überflutungen retten wollen, gibt es keine Alternative.

Welche Gewohnheiten müssten wir als erstes ändern, um das Ziel zu erreichen?

Beim Essen müsste die Entscheidung auf regional und saisonal fallen, da in der Landwirtschaft sehr viele Treibhausgas-Emissionen anfallen. Wir müssten weniger fliegen, auch wenn wir es nicht hören wollen. Unsere innere Einstellung müsste sich ändern – weck von Konsum, hin zu einem guten Leben für alle. Bei jeder Handlung sollten wir uns überlegen, welche Auswirkungen sie für uns selbst, unsere Brüder und Schwestern sowie unseren Planeten hat. Außerdem sollten wir keine Angst haben, uns politisch zu engagieren – auf die Straßen zu gehen und mutiger zu werden – aber bitte ohne Gewalt.

Sind Spenden alleine für die Menschen in Afrika und den globalen Süden genug? 

Die beste Spende ist ein anderer Lebensstil. Wir sollten daran denken, dass Spenden alleine nicht genug sind. Unser Lebensstil muss auf allen Ebenen geändert werden. Natürlich sind Spenden für konkrete Notlagen wichtig, aber langfristig müssen wir den Maßstab für uns Anheben, damit nicht neue Abhängigkeiten entstehen. Die Welt ist stark verknüpft, jeder Wandel muss daher bei uns selbst beginnen. Dabei ist es wichtig zu erkennen, dass wir in einer immer gleich groß bleibenden Welt nicht endlos wachsen können.

 Laufen bestimmte Klimatrends wie zum Beispiel die Elektromobilität nicht in eine gegenteilige Richtung?

Das Problem „Klimawandel“ kennen mittlerweile fast alle, es gibt aber zwei Trends, wie damit umgegangen wird: Es gibt jene, die glauben, alles kann technologisch gelöst werden. Es wird dabei das kapitalistische System nur grün geschmückt. Ein Beispiel hierfür ist die Elektromobilität, bei der Batterien mit Mineralien hergestellt werden. Große Firmen betreiben hierfür „Land Grabbing“, um an die seltenen Rohstoffe zu gelangen. Es werden zwar Emissionen reduziert, aber Klimagerechtigkeit kann nur Hand in Hand mit Menschenrechten gehen. Der zweite Ansatz ist ein Systemwandel, bei dem zwar auch Innovation und Technologie gebraucht werden, aber Mensch und Planet im Mittelpunkt stehen.

Warum wird so viel gesprochen und so wenig getan? 

Wir sehen das Problem so groß, dass wir resignieren und lassen uns durch das Bild David gegen Goliath demotivieren. Wir warten auf Antworten der Politik, die Politiker warten wiederum darauf, bis wir Fragen stellen. Im Gegensatz dazu ist unser Feind der Kapitalismus gut organisiert – auch wir müssen uns stärker vernetzen und zeigen, dass ein anderes System möglich ist und wir nicht nur die Probleme sehen.

Das Gespräch führte Thomas Suitner.