Besuch bei Freunden - Elisabeth Förg berichtet aus Mali

Lang und beschwerlich ist der Weg nach Kayes, die Partnerdiözese der Caritas Innsbruck im Westen Malis. Die Fahrt auf der Hauptverkehrsroute zwischen Dakar und Bamako gleicht einem Spießroutenlauf zwischen erodierenden Straßenbanketten, überladenen LKWs und Schlaglöchern ohne Ende.

Die vorbeiziehende Landschaft des Sahel ist im Juli, zu Beginn der Regenzeit, von umwerfender Schönheit. Soweit das Auge reich ist die ansonsten rote staubtrockene Erde von einen zarten grünen Flaum überzogen. Am Vortag hat es kräftig geregnet, und überall dort, wo sich ein spontaner Wasserlauf oder eine größere Pfütze gebildet haben, spielen Kinder, waschen Frauen und Mädchen die Wäsche und hängen sie auf den Sträuchern, Bäumen und Zäunen auf. Ich weiß nicht, ob diese Wassermengen zu den 15 l Wasser gerechnet werden, die laut malischem Wasserversorgungsplan jedem/r Bürgerin pro Tag zustehen sollten. 15 Liter für Trinken, Kochen Körperpflege, Waschen, Putzen… ein Österreicher verbraucht im Durchschnitt das Zehnfache pro Tag.

Seydou, der Chauffeur, öffnet das Fenster und wirft seine leere Coladose hinaus. „Wirf Du sie auch hinaus“, sagt er. „Nein, ich nehme sie mit und werfe sie in Kayes in den Abfalleimer.“ Er lacht: „Nun wirf schon, die Kinder, die sie finden werden, freuen sich über das glänzende rote Spielzeug. Die haben sonst eh nichts.“ Wir brausen an drei Hirtenbuben vorbei, die am Straßenrand sitzen und auf eine große Schaf-Ziegen-Herde aufpassen, sie springen auf und winken uns nach. „Recht hat er“, denke ich und öffne das Fenster.

Am nächsten Tag, bevor die Projektbesprechungen beginnen, besuche ich mit unseren beiden Partnerorganisationen vor Ort, Caritas und BHRM, den Bischof von Kayes. Aus dem Höflichkeitsbesuch wird eine zweistündige spannende Debatte über die politische Situation, die Geschichte, die Konflikte und Perspektiven für junge Menschen. Er zitiert Seydou Badian Kouyaté, den Autor der Nationalhymne von Mali, der kurz vor seinem Tod 2018 das Verhältnis der politischen Elite des Landes zur armen Bevölkerung folgendermaßen charakterisierte: „Wer nichts hat, der ist nichts.“ 

Foto: Elisabeth Förg, Trinkwasservorrat