Zusammenfassung "Instrumentum Laboris" zur Amazonien-Synode

Das für die Synode erstelle Vorbereitungsdokument geht auf alle zentralen Themen ein. Wer keine Zeit hat, die 116 Seiten selbst zu lesen, findet hier eine Zusammenfassung.

Das Arbeitsdokument wurde auf der Grundlage eines breiten Beteiligungsprozesses (anhand der Rückmeldungen von rund 85.000 Teilnehmern und 45 Foren) vom Vorbereitungsteam der Synode erstellt. Das gesamte Dokument steht hier zum Download zur Verfügung: https://www.koo.at/dl/KsskJKJKkmMMnJqx4kJK/Amazonien_-_Instrumentum_Laboris_final_de_20190716.pdf

Es enthält drei Teile:

Teil I zeichnet ein Bild von Amazonien. Er beschreibt die Wichtigkeit der Amazonas-Region für die Welt („Arterie für den Kontinent und die Welt“, in ihm wird etwas vom „Leben in Fülle“ sichtbar, das Jesus verheißen hat) und wie stark sie bedroht ist (nach der Arktis die Region, die am stärksten bedroht). Jetzt ist die Zeit (kairos) für eine Umkehr.

Als spezielle Bedrohungen und Herausforderungen für die Kirche werden im Teil II (Titel: Ganzheitliche Ökologie: der Schrei der Erde und der Armen) behandelt: der Extraktivismus (Zerstörung durch Ausbeutung, Abholzung, Bergbau etc., falsches Entwicklungskonzept), Völker in freiwilliger Isolation (deren Lebensraum bedroht ist), die Migration (als natürliches und erzwungenes Phänomen und die sozialen Auswirkungen – wie kann die Kirche darauf reagieren), die Urbanisierung (Verelendung von Landflüchtigen, fehlendes Bewusstsein für Naturzerstörung, auch Stadt Teil der Natur, neue pastorale Formen nötig), Familie (gemeinschaftlich-familiäre Struktur als wesentliches Element indigener Lebensweise, das durch sozialen Druck verändert wird, sie muss geschützt werden, wesentlich dabei die Leitungsaufgabe der Frauen), Korruption (als ein Grundübel in der Region, wie Kirche sich dazu verhalten kann, Bewusstsein, Kultur der Ehrlichkeit, Blick auf Gemeinwohl fördern), Gesundheit (Bedrohung durch Verlust indigenen Wissens, Biopiraterie, Verschmutzung durch Industrie, Bergbau etc). Ganzheitliche Bildung (hin zu einer ökologischen Bürgerschaft) und eine ökologische Umkehr als große Aufgaben für die Kirche.

Im Teil III geht es darum, wie eine Kirche aussehen kann, die es mit diesen Herausforderungen aufnehmen kann. Dabei wird betont, dass die Lösungen, die für die Amazonas-Region vorgeschlagen werden, nicht 1:1 auf die Weltkirche übertragbar sind. Großer Respekt und Dankbarkeit vor den indigenen Kulturen, ihrer Weisheit und dem Schatz ihrer Traditionen in ökologischer und spiritueller Hinsicht kommt zum Ausdruck. Inkulturation (z.B. Weiterentwicklung einer indigenen katholischen Theologie) muss missionarisches Handeln prägen, aber auch interkulturelle Zusammenarbeit zum Schutz des gemeinsamen Hauses. Das soll sich auch auf die Liturgie auswirken (Einbeziehung indigener Ausdrucksformen, Traditionen, aber auch Probleme des täglichen Lebens) und auf die Ämter in der Kirche. In Hinblick auf die großen geographischen Distanzen, aber auch die kulturelle Diversität plädiert das Dokument dafür, Berufungen von Männern und Frauen aus indigenen Völkern sowie den Einsatz von Ordensgemeinschaften zu fördern, die Rolle der Frau aufzuwerten, kirchliche Aufgaben auch an Laien (besonders Frauen), verheiratete ältere Personen, in den indigenen Gemeinden respektierten Personen zu übergeben. Weitere Empfehlungen betreffen die Pastoral in der Stadt unter ökologischer Perspektive, den Einsatz moderner Kommunikationstechnologien, um die Anliegen der indigen Völker zu verbreiten und um sie zu erreichen, den Dialog mit den Freikirchen und die prophetischen Aufgaben der Kirche im Angesicht der Armen, die ihre Rechte gegenüber den Mächtigen nicht durchsetzen können.

Schlussempfehlungen: 

a. Stimme erheben gegen Raubbau an der Natur, der mit Zerstörung und Verletzung der Rechte der Gemeinschaften verletzen

b. Sich mit den sozialen Basisbewegungen zu verbünden, um prophetisch eine Agenda für Agrargerechtigkeit zu verkünden, die eine tiefgreifende Agrarreform zuwege bringen soll, im Sinne der Agrarökologie.

c. Die Völker Amazoniens zu unterstützen. Die Minderheiten und die Verwundbarsten zu verteidigen.

d. Den Schrei der ‚Mutter Erde‘ zu hören, die durch das Wirtschaftsmodell einer räuberischen und ökozidalen Entwicklung angegriffen und schwer verwundet wurde. Dieses Modell, das im Dienst mächtiger externer Interessen von außen erdacht und diktiert wurde, plündert und tötet, räumt aus dem Weg und zerstört, verstößt und verwirft.

e. Die Würde und Gleichstellung von Frauen im öffentlichen, privaten und kirchlichen Bereich durch rechtliche Absicherung der Mitsprache voranzubringen

f. Ein neues ökologisches Bewusstsein zu verbreiten, Allianzen zur Bekämpfung der Abholzung der Regenwälder und zur Wiederaufforstung zu schmieden.

g. Furchtlos die vorrangige Option für die Armen zu praktizieren durch den Einsatz an der Seite der indigenen Völker, der traditionellen Gemeinschaften, der Migranten und der jungen Menschen, und dadurch der amazonischen Kirche ein eigenes Gesicht zu geben.

h. Netzwerke schaffen, die regional, global und international wirken, damit die Völker selbst ihre Klagen über die Verletzung ihrer Menschenrechte vortragen können.

 

EIN PAAR ZITATE 

11. In Amazonien wird [das Leben] sichtbar am Reichtum der Artenvielfalt und der Kulturen. Das heißt, als ganzheitliches Leben in Fülle, als Leben, das ein Lied anstimmt, ein Lied auf das Leben wie das Lied der Flüsse. Es ist ein Leben, das tanzt, ein Leben, das Göttlichkeit erfahrbar macht und unsere Beziehung zur Göttlichkeit spiegelt.

43. Der Moment ist da, auf die Stimme Amazoniens zu hören und als prophetisch-samaritanische
Kirche darauf zu antworten. 

47. Ganzheitliche Ökologie basiert auf der Anerkennung der Relationalität [eines Geflechtes wechselseitiger Beziehungen, d.Ü.] als grundlegender Kategorie für den Menschen. Das bedeutet, dass wir uns als Menschen auf der Grundlage unserer Beziehungen zu uns selbst, zu anderen, zur Gesellschaft im Allgemeinen, zur Natur / Umwelt und zu Gott entwickeln.

79.  Insbesondere sollte man: …  Die Rolle von Frauen ernster nehmen, indem man ihre grundlegende Bedeutung für die Entwicklung und Weitergabe von Kulturen, für die Spiritualität, für Gemeinschaften und Familien anerkennt. Frauen müssen Leitungsaufgaben innerhalb der Kirche wahrnehmen können.

84. Das Modell einer Entwicklung, die sich nur auf die wirtschaftliche Ausbeutung der reichen Schätze des Waldes, des Bodens und des Kohlenwasserstoffs in Panamazonien beschränkt, schadet der Gesundheit des amazonischen Bioms, seiner Gemeinschaften, aber auch des gesamten Planeten! Der Schaden beeinträchtigt nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die Kultur und die Spiritualität der Menschen, schädigt die „ganzheitliche Gesundheit“.

Erziehung in einer ganzheitlichen Ökologie 

96. Amazonien fordert von uns, die Bildungsaufgabe neu zu verstehen als einen ganzheitlichen Dienst an der gesamten Menschheit, und zwar im Hinblick auf ein „ökologisches Bürgertum“ (LS 211).

97. Diese Erziehung vereint das Engagement für die Sorge um die Erde mit dem Engagement an der Seite der Armen.

99. Eine entscheidende Wurzel für die Sünde des Menschen besteht darin, sich selbst aus der Natur herauszunehmen, sich nicht als Teil von ihr zu verstehen, sie grenzenlos auszubeuten und so das ursprüngliche Bündnis mit der Schöpfung und mit Gott zu brechen (vgl.Gen 3, 5).

102. Der Umkehrprozess, zu dem die Kirche aufgerufen ist, geht einher mit einem Verlernen, einem Lernen und einem Wiedererlernen. Ein solcher Weg bedarf des kritischen und selbstkritischen Blicks, um identifizieren zu können, was wir zu verlernen haben, nämlich was dem Gemeinsamen Haus und den Völkern schadet. Wir müssen einen inneren Weg beschreiten, um die Einstellungen und Mentalitäten zu erkennen, die uns daran hindern, mit uns selbst, mit anderen und mit der Natur verbunden zu leben. … Sie (die indigenen Völker) lehren uns, uns selbst als Teil des Bioms und als Mitverantwortliche für dessen Schutz in Gegenwart und Zukunft zu erkennen. Deshalb müssen wir wieder erlernen, Beziehungen zu allen Dimensionen des Lebens zu knüpfen, sowie eine persönliche und gemeinschaftliche Askese zu üben, um „in einer zufriedenen Genügsamkeit zu reifen“ (LS 225).

 
109. Das amazonische Gesicht ist das einer Kirche mit einer unzweideutigen Option für (und mit) den Armen sowie für die Sorge um die Schöpfung. An der Seite der Armen und aus der Entschiedenheit, Gottes Güter zu bewahren, eröffnen sich für die Ortskirche neue Wege, die auch für die Weltkirche offen sind. 

110. Die Kirche mit dem Antlitz Amazoniens in dessen vielgestaltiger Nuancierung will eine Kirche „im Aufbruch“ sein (vgl. EG 20-23). Sie lässt die koloniale, monokulturelle, klerikalistische und autoritäre Tradition hinter sich und versteht es frei von Angst, die unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen der Völker zu deuten und zu akzeptieren. Dieses Antlitz warnt uns vor der Gefahr, „ein für alle gültiges Wort zu sagen oder allerorts passende Lösungen vorzuschlagen“

(vgl. OA 4, EG 184).

112. Jede Ortskirche müsste partizipative Kirche sein, die im sozialen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Leben der dort lebenden Menschen präsent ist; sie müsste einladende Kirche sein, welche die kulturelle, soziale und ökologische Vielfalt begrüßt und ohne Diskriminierung von Personen oder Gruppen ihren Dienst tut; sie müsste kreative Kirche sein, die zusammen mit den Menschen neue Lösungen für dringende Probleme findet; und sie müsste harmonische Kirche sein, die dem Frieden, der Barmherzigkeit und der Gemeinschaft nützt.

118. Die konsultierten Gemeinden erwarten, dass die Kirche sich für den Schutz des Gemeinsamen Hauses und aller, die es bewohnen ,einsetzt, dass sie „[...] die Territorien verteidigt, den indigenen Völkern hilft, alles zu verurteilen, was die Gebiete bedroht und den Tod bringt“ 54 .

120. Der Schöpfer Geist, der den Erdkreis erfüllt (vgl. Weish 1,7), hat die Spiritualität dieser Völker über Jahrhunderte hinweg lebendig erhalten, noch bevor das Evangelium zu ihnen kam, und hat sie dazu gebracht, ihn mit Hilfe ihrer eigenen Kulturen und Traditionen zu ehren. Die in ihnen erkennbaren „Saatkörner des Wortes“ 56 hat die Verkündigung des Evangeliums also zu respektieren. Sie wird auch anerkennen, dass in vielen von ihnen der Samen bereits gewachsen ist und Früchte getragen hat. Dafür ist ein respektvolles aufmerksames Hinhorchen erforderlich, das keine Glaubensformulierungen diktiert, die aus anderen kulturellen Bezügen stammen und daher dem konkreten Lebenskontext der Völker nicht entsprechen.

126c) Die Gemeinden können nur selten die Eucharistie feiern, weil es an Priestern fehlt. „Die Kirche lebt von der Eucharistie“, und die Eucharistie baut die Kirche auf. Aus diesem Grunde wird darum gebeten, die Kriterien für die Auswahl und Vorbereitung der zur Zelebration autorisierten Amtsträger zu ändern, statt die Gemeinden ohne Eucharistie zu lassen.

129c) Rolle der Frauen:

1. Im kirchlichen Bereich wird die Mitwirkung von Frauen in den Gemeinden nicht immer geschätzt. Deshalb wird verlangt, die Frauen mit ihren Charismen und Talenten zu respektieren. Sie wollen wenigstens den Raum zurückgewinnen, den Jesus den Frauen gegeben hat, „wo wir alle – Frauen und Männer – Platz haben“. 61

2. Es wird ebenfalls vorgeschlagen, dass Frauen Führungspositionen übernehmen sowie immer breitere und relevantere Verantwortlichkeiten im Bereich der Bildung übernehmen, in Theologie, Katechese, Liturgie sowie Bildungszentren für Glaube und Politik.

3. Die Stimme der Frauen soll gehört werden, indem sie bei Entscheidungen konsultiert und beteiligt werden. Auf diese Weise werden sie mit ihrer Sensibilität zur kirchlichen Synodalität beitragen.

4. Die Kirche soll immer mehr die Art und Weise von Frauen zu handeln und Geschehnisse zu verstehen, übernehmen.

 

144. In der Stimme der Armen spricht der Heilige Geist; deshalb muss die Kirche ihnen zuhören, sie sind ein theologischer Ort. Wenn man auf die Klage hört, muss man still werden, um die Stimme des Geistes Gottes hören zu können. 

146. Die Kirche versteht sich als weltweite Solidargemeinschaft und reagiert deshalb in eigener Verantwortung auf die globale Situation von Ungerechtigkeit, Armut, Ungleichheit, Gewalt und Ausgrenzung in Amazonien. Dabei muss sie grundsätzlich von unfairen Machtverhältnissen ausgehen.

 

Schlussbemerkung 

147. Auf diesem langen Weg durch das Instrumentum Laboris hat man im Licht des Glaubens auf die Stimme Amazoniens gehört (Teil I), hat man sich darum bemüht, auf den Klageschrei des Volkes und der Erde im Amazonasgebiet zu reagieren, und zwar mit einer ganzheitlichen Ökologie (Teil II) und mit neuen Wegen für eine prophetische Kirche in Amazonien (Teil III). … Wir hoffen, dass diese Synode zur konkreten Erfahrung der Synodalität einer Kirche im Aufbruch werde, so dass das Leben in Fülle, das Jesus in die Welt zu bringen gekommen ist (vgl. Joh 10,10), alle erreicht, insbesondere die Armen.

Erstellt von Julia Stabentheiner, Diözese Innsbruck. 

Bildnachweis: REPAM.