Kommentar: Brandstiftung als "Kindesmord"

Franz Weber über die verheerenden Brände im Amazonasgebiet.

Dunkle Rauchwolken liegen über weiten Teilen dem Amazonasgebietes: Die Schöpfung Gottes kann dort – in der Sprache der Ureinwohner ausgedrückt  – nicht mehr als „Haus der Sonne“ erlebt werden. Die Lunge unseres gesamten Planeten gerät damit zunehmend in einen Zustand akuter Atemnot. Die Welt schaut mit Entsetzen und Sorge auf eine ambientale Katastrophe. Die Brandstifter und ihre Interessen sind zur Genüge bekannt. Der Präsident Brasiliens selbst hat durch seine Politik des Fortschritts um jeden Preis der mächtigen Lobby der Ausbeuter den Freiraum für diese Verbrechen eröffnet. Aus verletztem nationalen Stolz auf die Hilfe anderer Staaten zur Eindämmung der Brandherde zu verzichten, muss wohl als Gipfel der Verantwortungs- losigkeit gesehen werden und zeigt mit erschreckender Klarheit, welch Geistes Kind Politiker dieser Art sind.  Werden sich die Verantwortlichen der Weltpolitik dazu aufraffen, solch mörderischem Tun Einhalt zu gebieten?  Wären in einem solchen Fall, wo es um Leben und Überleben von Menschen geht, nicht die schärfsten Sanktionen notwendig?  

Doch es  geht ja nicht nur um Urwaldbäume und die Folgen für den globalen Klimawandel. Dieser gewissenlosen Zerstörung fallen kurz und langfristig Menschen zum Opfer: Die wehrlosen indigenen Völker und die Familien der Armen der Region. Sie und ihre Kinder werden jeglicher Zukunftsperspektiven beraubt. Es ist ein  „Ärgernis“ im Sinne Jesu. „Wer einem von diesen Kleinen … Ärgernis gibt“, in unsere gegenwärtige Situation übersetzt, wer die Lebensbedingungen künftiger Generationen verantwortungslos zerstört, begeht einen „Kindesmord“– und das nicht nur in Brasilien. „Für ihn wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt würde … Hütet euch davor, einen dieser Kleinen zu verachten… Ihre Engel … sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.“ (Mt 18, 6.10).

Es ist ein gewaltiges Zeichen der Hoffnung, dass Kinder und Jugendliche es sich nicht mehr gefallen lassen, dass man sie ihrer Zukunft beraubt. Auch die Politik hierzulande kann sich nicht mehr auf Vertröstungen beschränken. Wo sind die „Engel“ und (menschlichen) Gewalten, die das Ärgernis beim Namen nennen und sich schützend vor eine zutiefst bedrohte Welt stellen und sich für die „Jugend“ einsetzen, die wir so gerne als die „Zukunft“ der Welt bezeichnen. Es ist uns nicht gestattet, dass wir denen, die mit unserer Welt und ihren Ressourcen gewissenlos umgehen, Mühlsteine um den Hals hängen. Aber es wird schon viel gewonnen sein, wenn ihnen – weltweit – bei demokratischen Wahlen – eine zunehmende Zahl verantwortungsbewusster Menschen nicht mehr gedankenlos ihre Stimme geben werden.

P. Dr. Franz Weber

Zur Person: Univ.Prof. em. P. Dr. Franz Weber MCCJ trat 1965 in den Orden der Comboni-Missionare ein und studierte in Bamberg, Rom und Graz katholische Theologie. Von 1983 bis 1991 war er in der Begleitung von Basisgemeinden im Nordosten Brasiliens und an der Peripherie von São Paulo eingesetzt, zudem studierte er in São Paulo lateinamerikanische Pastoralgeschichte. Nach der Rückkehr nach Deutschland/Österreich habilitierte er sich 1996 bei Ottmar Fuchs in Bamberg über "Gewagte Inkulturation. Basisgemeinden in Brasilien" und war von 1997 bis 2011 Professor für Pastoraltheologie in Innsbruck. 

Seit Wochen wüten heftige Feuer im Amazonasgebiet, der "grünen Lunge der Erde".