Pfarrkirche St. Nikolaus und Schneiderkirche in Hall

Videokunst und Skultpuren sind in den beiden Kirchen in Hall zu sehen.

Pfarrkirche St. Nikolaus und Schneiderkirche Hall in Tirol 

Werke von Berlinde de Bruyckere (BEL), Mark Wallinger (GB), SUSI POP (D) u.a. 

 

Während Berlinde De Bruyckere mit ihrer Skulptur Honte in der Jesuitenkirche mehr die individuellen geistigen Ebenen in den Vordergrund stellt, spricht ihre Skulptur V. Eeman in der Waldaufkapelle die kollektive, gesellschaftspolitische Ebene an. Die Wolldecke über der menschlichen Gestalt, von der nur die Beine und Füße zu sehen sind, kann einerseits Kindheitserinnerungen oder einen schützenden Schild, andererseits auch Bilder von Obdachlosen oder Flüchtenden hervorrufen. Die Bedeckung erscheint wie eine zweite Haut in einer Dualität von Schutz und Vertrautheit, von Gefangensein und Erstickung.

Damit reflektiert V.Eeman präzise die Situation der ermordeten geistig und körperlich behinderten Menschen, die während des II. Weltkriegs im Psychiatrischen Landeskrankenhaus in Hall ermordet wurden oder von dort aus in den sicheren Tod durch Vergasung geschickt wurden. Die Ermordeten waren Schutzbefohlene der Ärzte, die über Ihre Schützlinge und Patienten die Tötung verfügten. Damit ist die Waldaufkapelle während der fünf Monate der Ausstellung über einen Gedenkort hinaus ausdrücklich ein Mahnmal, das die Würde der Ermordeten bewusst wiederherstellen will; darüber hinaus in der Konsequenz ein Ort, an dem sich Menschen wachsam gegen Vorgänge zu erheben beginnen, welche die Demokratie, Würde und das Leben des Menschen bedrohen. Auch die lange, beschämende Geschichte des Missbrauchs in der Kirche muss hier erwähnt werden. Nur durch ein ehrliches Eingeständnis und konsequentes Aufarbeiten kann es einen heilsamen Neubeginn geben. Die Reliquien der Waldaufkapelle sind in diesen Diskurs mit eingebunden, da sich mit ihnen die Verhältnisse von Körper, Geist und Seele zum zeitgenössischen künstlerischen Bild, ob sakral oder profan, zeitgemäß erörtern lassen.

 

Im Eingangsbereich der Kirche läuft das Video von Clare Langan, The Floating World. Es zeigt in Schwarzweiß erhabene Landschaften, aus denen die Menschen und andere Lebewesen verschwunden sind. Das Video aktualisiert die Fähigkeit zu einem eschatologischen Blick.

 

Das Künstlerduo SUSI POP greift mit einem imposanten Werk das Thema Flucht und Migration auf. In einer Eins-zu-Eins Übertragung des 1816 entstandenen „Floss der Medusa“, gemalt vom französischen Romantiker Théodore Géricault (1791–1824) werden die Betrachter mit einer der größten Herausforderungen unserer Zeit konfrontiert. Das höchst dramatische Szenario des Schiffbruchs und Untergangs von Flüchtenden auf hoher See ist das an Aktualität nicht zu überbietende apokalyptische Schreckensbild unserer Zeit. Verdrängt und doch so nahe. Der durchgängige Magenta-Farbton der 28 Siebdrucktafeln taucht die Menge hilfloser Körper in ein schier unüberschaubares Chaos. Gibt es Rettung? Oder fällt das Elend der Gedemütigten unserer Zeit der „globalisierten Gleichgültigkeit“ (Papst Franziskus) zum Opfer? Wer sich auf das Geschehen einlässt, wird zumindest in eine persönliche Entscheidungs-situation gerufen. Welche Perspektive und Aussicht auf Rettung gibt es angesichts der vielen Bedrohungsszenarien unserer Zeit? Mit welcher Grundoption und nach welchem Geist leben? Möglicherweise bieten die beiden Kunstwerke über den Seitentüren der Kirche eine Antwort.

 

Der Weg führt weiter in die jahrzehntelang nicht beachtete Schneiderkirche. Die Filmstills von Andrej Tarkovskij tragen das Thema der Ausstellung in den öffentlichen Raum; hier beispielsweise an der Hauswand der ehemaligen Kirche, die nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Die Bildtafeln des russischen Regisseurs legen im Verlauf der Ausstellung immer wieder Brücken, die ein vieldeutiges Sehen ermöglichen.

 

Eva Grubingers Installation in einem Sakristeikasten voller frischer Zitronen versinnbildlicht mit dem strahlenden Gelb und dem frischen Duft die mögliche Klarheit des Denkens. In einem weiteren Kasten funktionieren die natürlichen Zitronen mit ihrer Säure als Batterien für künstliche Zitronen, die als kleine Lampen dienen.

 

Der Monitor auf der Stirnseite der Schneiderkirche zeigt ein Video von William Lamson. Farbe und Konzentration verdichtet sich in den Luftballons, die auf dem Meeresspiegel auftauchen und nach einer Weile davonfliegen. Im dritten, großformatig projizierten Video tritt erstmals ein Mensch auf, der singt. Es ist der Künstler Mark Wallinger auf einer Seifenkiste, der auf einem Ballon in der Hand sein Porträt als 10-Jähriger zeigt. Mit Helium erhellter Stimme singt er ein viktorianisches Kinderlied. In diesem Setting scheint Hymn sich über die kindliche Vision der zum Himmel aufsteigenden Seelen lustig zu machen. Doch die Arbeiten der Talking in Tongues-Trilogie, dessen ersten Teil das im Dom gezeigte Video Angel bildet, thematisieren Wallinger den religiösen Glauben als Sehnsucht nach "Glauben, Unschuld und ewigem Leben". Das Video regt zu einem neuem Nachdenken darüber an, was es heißt, wieder zu glauben.

Skulptur V. Eeman von Berlinde de Bruyckere in der Waldaufkapelle der Pfarrkirche St. Nikolaus in Hall. Foto: Diözese Innsbruck/Berger