Jesuitenkirche Hall

In der Jesuitenkirche in Hall werden die thematischen Fäden aller Ausstellungsorte gebündelt und versinnbildlichen Kernpunkte des katholischen Glaubens.

Jesuitenkirche Hall in Tirol 

Werke von Thomas Bayrle (D), Berlinde De Bruyckere (B), Christo (geb. in Bulgarien, gestorben in New York), Zenita Komad (geb. in Österreich, lebt in Wien und Tel Aviv), Elke Krystufek (A), Kris Martin (B), Olaf Nikolai (D), Adrian Paci (geb. in Albanien, lebt in Mailand), Franz Erhard Walther (D), Thomas Locher (D) 

 

Die Jesuitenkirche in Hall bündelt die thematischen Fäden aller Ausstellungsorte. Obgleich die künstlerischen Konzepte sehr unterschiedlich sind und Kunstwerke als autonom betrachtet werden müssen, so werden dennoch im Zusammenspiel mit Architektur und Ausstattung der Jesuitenkirche Kernpunkte des katholischen Glaubens versinnbildlicht.

 

Im Mittelpunkt des Weges durch die Ausstellung – und auch des Lebens von Petrus Canisius steht das Kreuz. Im Eingangsbereich der Jesuitenkirche hängt der Corpus Christi am Kreuz – unter ihm sind die Rosen in das Eisengitter geflochten. Sie sind Zeichen, dass das Geheimnis des Glaubens sowie das Unausschöpfliche der Kunst sub rosa, also im Vertrauen gesprochen, dargestellt und vermittelt werden will. 

 

Im Altarbereich liegt eine textile Bodenarbeit in der Form eines griechischen Kreuzes aus dem Werksatz von Franz Erhard Walther. Sie deutet das Bild der sorgsam gefalteten Tücher im leeren Grab an, welche die Apostel am Ostermorgen vorgefunden haben. Von Johannes heißt es in den Evangelien, „er sah und glaubte“. Daneben liegt eine zweite Ausgabe des textilen Objektes, das jeweils vier Gäste der Ausstellung aufgreifen und sich in sie hinein stellen können, um dadurch Teil des Werkes zu werden. Mit diesem partizipativen „Werkstück“ lässt sich an die „geistlichen Übungen“, an die Exerzitien des hl. Ignatius denken, die nicht ohne eine persönliche Involvierung möglich sind.

 

Mit dem herausfordernden Blick eines Freundes und Mentors empfängt der 1925 heiliggesprochene Petrus Canisius die Betrachter im Chorraum der Kirche. Sein Porträt von SUSI POP ist im Altarraum den Skulpturen seiner Mitbrüder aus der „Gesellschaft Jesu“ zugesellt, die bereits in früheren Zeiten offiziell „zur Ehre der Altäre“ erhoben wurden. Dem Thema der Heiligkeit – mit dem Gemälde des Hochaltars zum Patrozinium  Allerheiligen dargestellt – antwortet die stille Installation All Saints von Kris Martin auf dem linken Seitenaltar. Zahlreiche Glashauben umhüllen und sammeln, reflektieren und verschenken das einfallende Licht. Im alltäglich Gefundenen und Zerbrechlichen wird das Außergewöhnliche des heiligen Geheimnisses zumindest erahnbar.

 

Der Blick der großformatigen Farbfotographien Home to go von Adrian Paci stellt praktisch und elementar, menschlich und alltäglich die existenzielle Frage nach der Behausung, der erzwungenen Flucht und des ungeschützten Lebens unterwegs. Canisius hat sich vor Ort für die Schwächsten eingesetzt und musste seine Gründungen mit einer minimalsten finanziellen Abdeckung über die Runden bringen. Pacis Fotoarbeiten und Performances stellen mit aller Dringlichkeit die sozialen Fragen unserer Zeit – Verlust sozialer Beheimatung, neben der physischen Obdachlosigkeit gibt es auch eine seelische. Zugleich weiten die Fotoarbeiten die Wahrnehmung in das allgemein Menschliche: Sorge um „das Haus“ (auch der ökologische Diskurs rund um das gemeinsame Haus einer nahezu erschöpften Natur ist hier zu erwähnen), belastende Familiengeschichten und Biographien, die es mitzuschleppen gilt. Auch das Tragen und Mittragen vom „Haus der Kirche“ ist hier mitzudenken – Gnade und Last.
  

Das Schützende und Machtbewusste des Zentrums der katholischen Kirche in Rom reflektiert die vielschichtige Collage von Christo Ponte Sant‘ Angelo, Wrapped Project for Rome. Der Blick auf die Brücke über dem Tiber hinüber zur Kuppel des Petersdoms umfasst die mystische Erfahrung des Petrus Canisius (von ihm selbst geschildert) ebenso wie die praktischen, gemeinschaftlichen, den Orden der Jesuiten betreffenden Aspekte während seiner vielfachen Aufenthalte in der Ewigen Stadt.

 

Die beiden Bienenhäuser von Olaf Nicolai bringen symbolhaft Bienenvölker ins Spiel zurück. Sind sie auf dem Weg auszusterben? Canisius wanderte weite Wege durch Europa (angeblich 100.000 Kilometer) oder ritt zu Pferd zu seinen zahlreichen Einsatzorten mit offenen Augen für Menschen, Tiere, Pflanzen. Die Bienen sind seit der Antike der Vitalität sowie dem Element Feuer zugeordnet. Seit den ersten Jahrhunderten wird die Biene in den Schriften der Kirchenväter als Emblem für Christus gedeutet. So wie der Honig und der Stachel zusammen vorhanden sind, so gehören Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zusammen. Das Wachs der Bienen verbreitet Helligkeit und Wärme. Petrus Canisius hat die Spendung der sieben Sakramente durch die Priester verteidigt, darunter das Sakrament der Beichte und Versöhnung – wer gesündigt hat, soll mit Liebe empfangen werden, aber die Sünde selbst ist zu meiden.

 

Die Scham, die Reue sowie der Vorsatz zur Besserung sind für eine seelische und geistige Hygiene, eine Ökologie des Menschen grundlegend. Die Skulptur Honte, Scham, von Berlinde De Bruyckere verbildlicht diese existenzielle Erschütterung. Ein Pferdefohlen legt seinen (deformierten?) Kopf zwischen die Vorderläufe. Offensichtlich auch eine Anspielung auf das Lamm, das in den Arbeiten De Bruyckere mehrmals dargestellt wird – und sich auf das Opfer Christi, auf seinen Kreuzestod bezieht. Die Haltung des Tieres ist über die genannte spirituelle Referenz hinaus auch ein wichtiger Hinweis für den höchst problematischen Umgang mit dem vulnerablen und beeinträchtigten Leben in unserer Zeit. Wer oder was muss sich denn verbergen, sich rechtfertigen? Sich „schämen“ – vor den Augen einer durchökonomisierten Gesellschaft, in der das Menschsein in seiner Diversität scheinbar nur dann zählt, wenn es sich durch Erfolg, Attraktivität und Nützlichkeit ausweisen kann.

 

Aus farbigem Wachs hat Zenita Komad Hände gegossen und sie mit einem Docht versehen. Sie gebärden den Satz „Liebe deinen Nächsten, Sehr“. Das Gebot bleibt drängend, doch eher offen gestellt, denn eine Gebärdensprache erfordert immer die Korrespondenz des Zeichens mit der Mimik im Gesicht des Gebärdenden, damit das Wort vom Gegenüber überhaupt verstanden werden kann. Ob der Gedanke der Votivgabe mitgedacht ist, bleibt offen. Wichtig ist der Aspekt der Gemeinschaft – Kommunion und Kommunikation.

 

In der Franz-Xaver-Kapelle links vom Eingang befinden sich unerwartete Gäste. Sind sie Zuschauer oder zeitgenössisch Involvierte in das geistige Ringen, das sich im gesamten Kirchenraum entfaltet? Die Malerin Elke Krystufek hat sie aneinander gereiht wie Zuschauer im Stadion, Studierende im Hörsaal, wie unbeholfene Gäste, die aus der Zeit gefallen sind. Auf einem Banner, das einem Fließband ähnelt, präsentieren sich eine Renaissance-Dame vom 5-Mark-Schein, daneben der Schmerzensmann, eine afrikanische Heilerin, die Apostel Markus und Paulus nach Dürer samt einem indischen Prinzen. Das Verbindende der unverbindlichen Aufzählung sind Songtexte der Musikgruppe R.E.M., die zu einer vertieften Betrachtung auffordern.

 

Thomas Bayrle versucht dazu ein Bild zu finden, indem er die Pietá und das Antlitz der Mutter Gottes im Digitaldruck auf Leinwand zu einer Handymadonna zusammensetzt.  

 

Beim Hinausgehen tritt das Kreuz als Lebensbaum, mit Buchsbaumbuschen umwunden, in überraschender Weise ins Blickfeld. Es ist der Beginn und der Zielort für die gezeigten künstlerischen Arbeiten im Kirchenschiff: Neues blühendes Leben!

 

Thomas Locher verwendet Szenen des Judaskusses und der Fußwaschung aus den berühmten Fresken Giottos in Padua, in die er reliefartig eine Buchstabenfolge zur Kapitalzirkulation integriert: W-G-W (Ware-Geld-Ware) und G-W-G (Geld-Ware-Geld). Die beiden Tafeln sind über den Seitentüren einander gegenüber gestellt, weil sie eine wesentliche Alternative anzeigen: Zielt letztlich alles auf die Anhäufung und damit auf die Erhebung des Geldes zum göttlich erklärten Fetisch ab? Oder gibt es ein Vorwärts zu einem bewussten Umgang mit dem Verhältnis von Geld zur Ware und zum Mensch? Der Künstler regt unter dem Fresko der Bergpredigt eine Kapitalismus-Debatte an, die nicht aufgeschoben werden darf.

Mit dem textilen Objekt in der Haller Jesuitenkirche können sich Besucher selbst zum Teil des Kunstwerkes machen. Foto: Diözese Innsbruck/Berger