Dom zu St. Jakob, Innsbruck

Im Dom St. Jakob in Innsbruck verdichten Werke von Mark Wallinger und Herbert Hamak die Nachfrage nach Person und Bedeutung des Jesus von Nazareth. Es geht um die Spannung zwischen der Figur des erniedrigten Christus und der geoffenbarten ewigen Weisheit.

Dom zu St. Jakob, Innsbruck 

Werke von  Mark Wallinger (GB), Herbert Hamak (D) und Wolfram Köberl (A) 

 

Im Dom St. Jakob in Innsbruck verdichten Werke von Mark Wallinger und Herbert Hamak die Nachfrage nach Person und Bedeutung des Jesus von Nazareth. Es geht um die Spannung zwischen der Figur des erniedrigten Christus und der geoffenbarten ewigen Weisheit.

 

Eine lebensgroße männliche Figur mit dem Titel ECCE HOMO steht mit gebunden Händen und einem Kranz aus vergoldetem Stacheldraht an den Stufen zum Altarraum. Mark Wallinger (GB) bringt mit dieser Skulptur, die dem idealtypischen Maß der Renaissance entspricht, Säkulares und Sakrales gleichbedeutend ins Spiel. Sehen wir einen gewöhnlichen Menschen oder einen verborgenen Gott? Einen Schauspieler exponierten Leidens oder „One of us“ (Joan Osborne) – jemand aus der anonymen Masse, der gebeten wurde, sich abbilden zu lassen? Petrus Canisius zeigt auf ihn und fordert uns auf genau hin zu schauen: Seht da, der Mensch! Pilatus hat mit dem knappen „Ecce homo!“ den geschundenen, entwürdigten Christus der johlenden Menge vorgeführt. Trauriges Resultat abgründiger Bosheit – ein faszinierendes und zugleich erschreckendes Mahnbild für alles, was der Mensch dem Menschen anzutun fähig ist.

 

Die Büste des Diözesanpatrons wurde 1993 von Wolfram Körbel geschaffen und bewusst an der Schwelle zum Altarbereich, dem Ort des heiligen Geschehens, positioniert. Canisius, der vor 500 Jahren in Nimwegen geborene erste deutsche Jesuit, war schon als junger Mensch von Christus fasziniert, maßgeblich geprägt von der Herz-zu-Herz-Spiritualität der Kartäuser in Köln. Nach seinem Eintritt in den damals noch jungen Orden der „Gesellschaft Jesu“ beschäftigte er sich noch intensiver mit der Betrachtung des Lebens Jesu. Auf der Basis von Bildung und Gotteslehre wollte er die katholische Kirche im 16. Jahrhundert erneuern. Er gründete dazu Schulen und Kollegien, auch in Innsbruck und Hall, und schrieb drei Katechismen. Kirchenerneuerung wird es in seinem Sinn nur in der Betrachtung der Leiden Christi verbunden mit einer aktiven Weltzuwendung geben.

 

Im Abgang zur Krypta hängt eine künstlerische Adaption des Kreuzes von Herbert Hamak (D). Dessen Oberfläche bearbeitete der Künstler über Tage und Stunden hinweg Schicht für Schicht, um mittels des Malprozesses die Kontemplation zwischen dem körperlichen und geistigen Akt oszillieren zu lassen, vergleichbar einem sich wiederholenden Gebet. Das aufgehängte Gemälde erinnert an das gemalte Kreuz von Cimabue, an das tiefe Blau im Gewand der Muttergottes.

 

In der Kapelle der Krypta läuft das 1997 entstandene Video „Angel“ von Mark Wallinger. Es zeigt ihn mit verdunkelter Brille und Blindenstock auf der Rolltreppe der Londoner U-Bahn – irrlichternd hinunterschreitend auf der gegenläufigen Bewegung der Treppe. Dabei zitiert er ununterbrochen aus dem Prolog des Johannesevangeliums: „Am Anfang war das Wort“. Der Künstler rezitiert die theologisch aufgeladenen Verse aus der 1611 in England veröffentlichten King James Bibel, die den Gläubigen Englands das Wort Gottes in der Volkssprache nahebringen wollte – ein Anliegen der Reform in allen christlichen Konfessionen.

 

Um die Aktualität von Lehre und Wirken des Petrus Canisius in der Ausstellung durchgängig anzuzeigen, findet sich auf der hochbarocken Kanzel im Dom sowie auf den Kanzeln in allen beteiligten Kirchen ein Mandelbaum, auf Hebräisch auch „der Wachende“. Seine Blüten sind die ersten im Frühling, überraschende und überzeugende Boten, dass das Leben wieder erstarkt. Von den Früchten des Mandelbaumes leitet sich übrigens der Begriff „Mandorla“ ab. Er bezeichnet eine ovale Form des geistigen Lichts, das sich nicht nur auf den orthodoxen Bildern wie ein Schutzmantel um Christus und die Heiligen legt. 

ECCE HOMO von Mark Wallinger im Innsbrucker Dom. Foto: Diözese Innsbruck/Berger