Farbe bekennen

 

Farbe bekennen 

 Seit fast drei Wochen hängen vor den Pfarrkirchen des Seelsorgeraums Region Reutte schwarze Fahnen. Immer wieder wurde ich darauf angesprochen. Jemand sagte zu mir: „Das ist wieder einmal typisch Kirche. Die eigenen Leute, denen es gerade jetzt in der Corona-Krise dreckig geht, sind euch komplett egal, aber für die Flüchtlinge hängt ihr schwarze Fahnen auf!“ 

Meine Antwort: „Als Kirche darf uns niemand egal sein. Für die ,eigenen Leute‘, die in Not geraten sind, gibt es – zusätzlich zu staatlichen Hilfen – selbstverständlich auch Unterstützung seitens der Kirche. Ich kann zum Beispiel im Blick auf die Pfarre Wängle sagen, dass wir in letzter Zeit wieder einige Anfragen an die Pfarrcaritas bekommen haben. Wir versuchen in jedem Fall die Situation nachzuvollziehen und dann rasch, unbürokratisch und diskret zu helfen. An dieser Stelle möchte ich allen danken, die durch ihre Spenden hier eine unkomplizierte und rasche Überbrückungshilfe in Notsituationen möglich machen! Ähnliches gilt auch für die Vinzenzgemeinschaft in unserem Seelsorgeraum und einige weitere Initiativen. Außerdem hatte ich in den letzten Wochen viele seelsorgliche Gespräche, in denen ich versucht habe, zuzuhören und Menschen in ihrem Fragen zu begleiten. Die Kirche ist da – auch und gerade für die Menschen hier bei uns! Die Frage ist nur, ob die kirchlichen Angebote wahrgenommen werden. 

Was aber – christlich betrachtet – unmöglich geht, ist wegzuschauen, wenn das Elend zum Himmel schreit. Und gerade das ist aktuell auf europäischem Boden, konkret auf der Insel Lesbos, der Fall. Verschiedenste Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzendas Rote KreuzCaritas und Diakonie, um nur einige zu nennen, berichten von katastrophalen Zuständen. Die katholischen Bischöfe Österreichs haben unmissverständlich klargemacht, dass es unsere christliche Pflicht ist, zu helfen – und zwar auch durch die Aufnahme von besonders schutzbedürftigen Menschen wie etwa unbegleiteten Kindern und Jugendlichen. Wir können nicht die Welt retten, aber zumindest einzelnen Menschen Zukunft ermöglichen. Die Regierung Kurz ist derzeit – aus politischem Kalkül – strikt gegen die Aufnahme von auch nur einem Kind. Im Evangelium lesen wir die Worte Jesu: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht… Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“(Mt 25,35-40) Wenn diese Worte aus dem Mund des HERRN für uns Christinnen und Christen keinerlei Bedeutung mehr haben, dann können wir im wahrsten Sinn des Wortes zusperren. Derselbe Christus, den wir in der Hl. Kommunion empfangen, schaut uns aus den Gesichtern der Armen an! Gottes- und Nächstenliebe lassen sich im Christentum nicht trennen! Die österreichische Politik verunmöglicht derzeit, dass wir als Christinnen und Christen helfen können, wie es Jesus im Evangelium von uns verlangt. Deshalb hängen die schwarzen Fahnen – als Ausdruck der Trauer und auch als Denkanstoß.

 

 Diakon Patrick Gleffe, Pfarrkurator in der Pfarre Wängle

 

 

Es brennt. 

 

Die Flüchtlingskatastrophe ist nicht vorbei.

Liebe Freunde, wir dürfen uns doch nicht einbilden, dass wir unsere Hartherzigkeit ohne Schaden an der eigenen Seele überstehen können. Allein auf Lesbos sind 5.000 unbegleitete Kinder und Jugendliche gestrandet. Sie bitten um Asyl und bekommen ein steinhartes Nein. Wir können doch wenigstens die Kinder aufnehmen und ernsthaft an der Fluchtursachenbekämpfung mitwirken.

WIR Christinnen und Christen, die die christlichen Werte der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit ernstnehmen und diese auch leben wollen.                                            

                                                                                                                                                                                                                      aus: Brennstoff, Hrsg. H. Staudinger

 

                                              Die Hoffnung 

 

Hat zwei schöne Töchter.

 

Sie heißen Wut und Mut.

 

Wut darüber, dass die Dinge so sind,

 

wie wir sie sehen.

 

Mut, um sie so umzugestalten, wie sie sein sollten.

 

Augustinus 

 

 

Historisch betrachtet war die Flüchtlingspolitik das Laboratorium der Barbarei. 

 

Erst zielt die Aufhebung der Menschenrechte nur auf Migranten –

 

und irgendwann auf die gesamte Bevölkerung.

 

Hannah Arend 

 

 

 

 Brennendes Elend vor den Toren Europas – und wir? 

 

In einer Stellungnahme zum niedergebrannten Flüchtlings-lager auf der Insel Lesbos drücken Österreichs Bischöfe ihre Sorge und Betroffenheit aus und bitten die Bundesregierung eindringlich darum, ein Kontingent an Flüchtlingen aufzunehmen. Lesen Sie hier den Wortlaut des Schreibens. 

 

Mit größter Sorge und Betroffenheit erfüllen uns die dramatischen Szenen, die sich derzeit im niedergebrannten Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos abspielen. Die schon zuvor katastrophale Situation tausender Fluchtreisender hat sich dort zu einem wahren Albtraum verschärft. Verzweifelt umherirrende Frauen, Männer und Kinder – schutzlos, obdachlos und ohne Zukunft. Es sind Bilder des Elends, die zum Himmel schreien. Sie rufen uns in eine Verantwortung, von der wir uns nicht dispensieren können.

 

Jedes politische Kalkül über die Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen in Europa ist angesichts der aktuellen Notlage völlig verfehlt. Jetzt zählt rasches und entschlossenes Handeln. Wir können und dürfen nicht wegschauen! Wir sind dankbar für die durch die Bundesregierung angekündigte großzügige Soforthilfe vor Ort, befürchten jedoch, dass sie angesichts der prekären Lage nicht ausreichen wird. Wir brauchen noch andere Strategien der Menschlichkeit.

 

Schon im pfingstlichen Hirtenwort haben wir der Bundesregierung die Aufnahme eines fairen Kontingents von Flüchtlingen nachdrücklich empfohlen. Durch die Brandkatastrophe in dieser Woche erreicht unsere Bitte eine höhere Stufe der Dringlichkeit. Was hindert uns, dem Beispiel anderer Länder zu folgen? Europa hat die Kraft zur Solidarität – sie ist jetzt gefragt! Zahlreiche Einzelpersonen in Österreich, Städte und Gemeinden haben sich längst schon bereit erklärt, Familien und Kinder aus den heillos überfüllten griechischen Lagern aufzunehmen.

 

Es gibt keine Alternative zur schnellen und systematischen Evakuierung der Asylsuchenden aus den griechischen Lagern. Selbstverständlich sind auch wir als katholische Kirche in Österreich wieder dazu bereit, ein angemessenes Kontingent von verzweifelten Menschen in unseren kirchlichen Einrichtungen und Räumen zu beherbergen. Wir folgen damit auch dem Beispiel von Papst Franziskus und erinnern dankbar an die humanitären Aufnahmeprogramme aus den syrischen Elendslagern vor wenigen Jahren. Daran gilt es anzuschließen.

 

Wir Bischöfe danken allen Einzelpersonen, Hilfsorganisationen und Einrichtungen, die schon bisher mit höchstem Einsatz gegen das Flüchtlingselend an den südöstlichen Außengrenzen Europas gekämpft haben. Lassen wir die vielen Engagierten im Dienst an den Notleidenden nicht allein! Jetzt braucht es weitere Schritte einer großzügigen Nächstenliebe, die Leben rettet. Ebenso danken wir allen Menschen in Österreich schon im Vorhinein für die großzügige finanzielle Unterstützung der Caritas, die zusammen mit dem Roten Kreuz und anderen Organisationen in Griechenland im Einsatz ist.

 

 

 

Die österreichischen Bischöfe, 9. September 2020