Stadtgespräche 2021 - SOLIDARISCH WIRTSCHAFTEN

Ansätze für solidarisches Wirtschaften sind breit gefächert. Aus der Wirtschaftstheorie und aus der unternehmerischen Praxis gibt es genügend Ideen und konkrete Handlungsanregungen für eine Wirtschaftsweise, die dem Wohl der Menschen und Gesellschaften dient – ganz im Gegenteil zu den übermächtigen Prinzipien von Konkurrenz, Ausbeutung und einer Gewinnlogik der Stärkeren.

Genau das Auftreten gegen diese Prinzipien gehört zu den Gemeinsamkeiten der Ansätze solidari­schen Wirtschaftens. Solidarisch bedeutet dabei, dass alle Beteiligten gleichwertig sind und als sol­che wertschätzend behandelt werden – sowohl die Menschen innerhalb eines Betriebs (Mitarbei­ter*innen und Kund*innen) als auch die Unternehmen untereinander. Nicht zuletzt geht es auch um den wertschätzenden Umgang mit der Natur und die Grundlagen, die sie für uns und unser Wirt­schaften zur Verfügung stellt. Die Gleichwertigkeit wird sowohl in der erfahrenen Wertschätzung angestrebt (in Form von Lohn oder anderen Vergütungen) als auch in demokratischen, alle einbezie­henden Entscheidungsprozessen. Gemeinsam entscheiden, gemeinsam Verantwortung übernehmen, gegenseitig Sicherheit geben. Aus diesem starken Ziel der Gleichwertigkeit folgt dann auch eine Aufweichung klar-hierarchischer, gesellschaftlicher Gegensätze z.B. zwischen Konsument*in und Produzent*in, Chef*in und Angestellten, Besitzer*in und Pächter*in etc.

Wie seid Ihr zum Engagement für ein anderes Wirtschaften gekommen? Gab es da für euch wegweisende Erlebnisse? 

Florian Ladstätter: Im Rahmen meiner Dissertation an der SOWI habe ich mich mit einem Unter­nehmen beschäftigt, das als Kollektiv organisiert ist. Alles läuft dezentral, trotzdem wird gemeinsam entschieden. Ich habe in der Zeit selbst einen Arbeitsplatz gebraucht und bin so im co-working-space der „Bäckerei-Kulturbackstube“ gelandet. Da bin ich mit vielen verschiedenen Ideen zum Wirtschaften in Kontakt gekommen – verbindend für alle waren die Themen Kultur und Gemein­schaft – ums Geld hat man sich immer erst danach gekümmert, manchmal stand das so sehr im Hintergrund, dass es fast schädlich war fürs Ganze. 

Cornelia Erler-Wolf:In der Zeit als mein Sohn zur Welt kam und danach hatte ich plötzlich Zeit, Dinge stärker zu hinterfragen und vielleicht hatte ich auch einen neuen Blickwinkel. Je mehr ich mich in Themen wie Klimakrise eingelesen habe desto mehr wurde klar, dass vieles zusammenhängt, und Umweltschutz allein die Probleme des bestehenden Systems nicht lösen kann.  Ich begab mich auf die Suche nach einem Ort, wo ich was beitra­gen kann. Die „Fridays for Future“ und auch „system change not climate change“ haben mir ge­fallen. Bei der Gemeinwohl-Ökonomie habe ich dann auch gemerkt, dass ich selbst andocken kann mit meinem Hintergrund alss Wirtschaftlerin. Das umfassende Gesamtpaket der Gemeinwohl-Ökonomie hat mich beeindruckt und dass es nicht nur Wirtschaftstheorie ist, sondern von unten – grassroots – gelebt werden kann.

Was bedeutet für Euch solidarische Wirtschaft? Wie geht ihr damit in euren Initiativen um? 

Florian Ladstätter: Ich finde bei Solidarität geht es um ein Gefühl der Verantwortung für etwas, das mehr/größer ist als ich selber. Aus diesem Gefühl der Verantwortung heraus machen dann Handlungen Sinn, die meinen Eigennutz hintanstellen. Wir führen das Haus (die Bäckerei Kulturbackstube) gemeinsam, das heißt, dass jeder von unserem Kernteam sich gleichermaßen betroffen fühlt und gleichermaßen verantwortlich ist. Das Haus und sein Be­trieb ist also eine Art Allmende – ein Gemeingut. Wir sind im Kernteam auch insofern alle gleich viel Wert, als dass alle Personen und alle Aufgaben gleich bezahlt werden – es gibt einen fixen Stundenlohn für alle. Nach außen zeigt sich die Solidarität mit den Nutzer*innen einerseits im 3-Preise-System bei Veranstaltungen (je nach individuellen finanziellen Möglichkeiten, kann man zwi­schen drei Eintrittspreisen wählen) und flexiblen Preisen im co-working-space. 

Cornelia Erler-Wolf:Im Verein Gemeinwohl-Ökonomie Tirol haben wir ein Koordinationsteam, das sich die Aufgaben aufteilt, es muss natürlich ein faires Geben und Nehmen sein für alle, damit das klappt. Einmal pro Monat treffen wir uns und besprechen, was gerade ansteht – das ist alles sehr transparent.
Neben meiner Funktion im Verein bin ich auch Mitgliedsbetrieb mit „Sport Wolf“. Da hat der Pro­zess der Gemeinwohl-Bilanzierung schon dazu geführt, manche Dinge anders anzuschauen. Da geht es dann darum, unsere Zulieferer und Produkte noch stärker zu hinterfragen – auch wenn das im Sportwa­ren-Geschäft ganz schwierig ist. Aber auch darum, im Verein mit anderen Geschäftsleuten Veran­staltungen plastikfrei umzusetzen und nicht mehr die üblichen – den Müll vermehrenden – Geschen­ke zu wählen, sondern z.B. lokal produzierte Getränke oder Lebensmittel. 

 In der Bäckerei funktioniert alles basisdemokratisch, das heißt in der Theorie sind alle ähn­lich verantwortlich für unterschiedliche Bereiche und es gibt wenig Hierarchie. Was sind da die Stolpersteine und wie geht Ihr damit um? 

Florian Ladstätter: Während der Corona-Zeit haben sich Probleme gezeigt, die unsere Art der Zu­sammenarbeit auch mit sich bringt. Viele schwierige Entscheidungen mussten getroffen werden, das war wie ganz von vorne anfangen, weil alle Routinen weggefallen sind. Alle diese Entscheidungen mit dem ganzen Team zu treffen war unheimlich zeitaufwändig und hat zu vielen internen Konflikten geführt. Das hat sich dann mit der Zeit negativ auf das Wir-Gefühl und die Motivation im Team ausgewirkt. Aufgrund dieser Erfahrung versuchen wir gerade unsere Organisationsform umzustellen, so dass Teilbereiche im Haus autonomer voneinander sind, damit die Teams kleiner werden und nicht im­mer alle bei allen Entscheidungen dabei sein müssen. 

 Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie richtet sich stark an klassisch organisierte Betriebe und Organisationen – also an Unternehmer*innen. Wie sieht die Gemeinwohl-Ökonomie für Privat­personen oder Mitarbeiter*innen aus? Was kann man da auf dieser Seite beitragen?

Cornelia Erler-Wolf: Es ist unsere Welt und jeder kann was dafür tun! Es gibt so viele Initiativen und tägliche kleine Dinge das anzugehen – jeder kann nur für sich das finden, was zu ihm/ihr passt. Ich finde, wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der man alles hinnehmen darf – es ist nicht mehr die Zeit, still zu sein, sondern loszulegen. Ganz konkret für die Gemeinwohl-Ökonomie kann sich im Verein jede*r einbringen, der*dem die Verbreitung des Konzepts am Herzen liegt – wir ha­ben genug zu tun – nicht nur für Unternehmer*innen. Die Gemeinwohl-Ökonomie kann auch jede*r mit seinem Leben weiter voranbringen. Auf der homepage der Gemeinwohl-Ökonomie gibt es da auch einen Test, der die persönlichen Einstellungen und Handlungsweisen hinsichtlich der Gemein­wohlorientierung bewertet (https://stiftung-gemeinwohloekonomie.nrw/gemeinwohl-test/).

In wenigen Stichworten finden Sie hier die Initiativen, die im Rahmen der ganzen Veranstal­tungsreihe ihre Erfahrungen geteilt haben:  

  

Die Bäckerei – Kulturbackstu­be 

Gemeinwohl-Ökonomie (Ti­rol) 

Speis von Morgen 

Feld.schafft 

Thema/Ziel der Initiative 

Offenes Haus für kulturellen und sozialen Austausch

Förderung der Gemein­wohl-Ökonomie

Gute Produkte für alle durch gemeinschaftlichen Supermarkt

Nutzung ungenutzter Res­sourcen für alle – Schwer­punkt: Reduktion von Lebens­mittelabfällen

Organisations-form 

Verein mit Kernteams, basisde­mokratisch und hierar­chiefrei

Verein mit Koordinations­team, trans­parent und hierarchiefrei

Genossenschaft, alle Mit­glieder sind Teilhaben­de am Betrieb

Genossenschaft, alle Mitglie­der sind Teilhabende am Betrieb

Kontakt/Infor­mationen 

http://www.diebaeckerei.at/ 

https://web.ecogood.org/de/tirol/ 

https://www.speisvonmorgen.at/

https://feldschafft.at/ 

Wie kann ich mich engagie­ren? 

durch Zeitspenden, Geldspenden oder Sachspenden

durch Mitgliedschaft im Verein, durch Mitarbeit, durch weitererzählen und Unterstützungserklärung

Genossenschaftsanteile zeichnen (besonders jetzt in der Startphase) sowie Zeit und Fähigkeiten ein­bringen

Geld spenden oder leihen, Mitgestalten durch Mitglieds­chaft und Engagement für gemeinsame Projekte

  

Bildnachweis: A. Berktold