Ernährungssouveränität und Tiroler Landtagswahlen

Was hat das eine mit dem andern zu tun? Wir sagen: viel! Hunger ist politisch.

Seit einigen Jahren befassen wir uns im Welthaus intensiv mit dem Thema Ernährungssouveränität und globalen Zusammenhängen in unserem Ernährungssystem. Wir können nicht länger hinnehmen, dass über 820 Millionen Menschen an Hunger leiden, während ca. 40 Prozent aller Lebensmittel weltweit im Müll landen.

Die industrielle Landwirtschaft ist weder nachhaltig noch resilient: der daraus resultierende Verlust von Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt befeuert die Klimakrise und bedroht die Existenz vieler Bäuer:innen rund um den Globus. Es ist also höchste Zeit für ein Umdenken. Die Systeme der Nahrungsmittelproduktion sind menschgemacht und müssen von Menschenhand verändert werden!

Ernährungssouveränität setzt genau hier an. Der Begriff beschreibt das Recht von Menschen auf gesunde Nahrung und über deren Produktion und Verteilung selbst bestimmen zu können. Dieser Ansatz stellt Mensch und Umwelt – statt Profit und Konzerninteressen – in den Mittelpunkt und setzt auf eine demokratische Gestaltung der Ernährungssysteme.

Neben einem wachsenden Bewusstsein in der Bevölkerung für globale Zusammenhänge in der Nahrungsmittelproduktion braucht es aber dringend politische Antworten. Ein Wandel hin zu einem resilienten, sozial und ökologisch nachhaltigen Ernährungssystem bedarf entsprechender politischer und struktureller Rahmenbedingungen. 

Daher interessieren uns die Meinungen der für den Tiroler Landtag kandidierenden Parteien zu dieser Thematik sehr. Mit folgenden zwei Fragen haben wir uns an alle Parteien gewendet:

Welche konkreten Schritte möchten Sie, als politische Verantwortungsträger:innen im Tiroler Landtag, gehen, um ein sozial und ökologisch nachhaltiges Ernährungssystem in Tirol aufzubauen?  

Wie erdenken Sie ebendies zu erreichen, ohne dabei Lebensgrundlagen im globalen Süden zu zerstören, Mensch und Natur auszubeuten, den Klimawandel zu beschleunigen und die drastisch sinkende Biodiversität hinzunehmen?  

Im Folgenden finden Sie die ungekürzten Stellungnahmen der Parteien, die auf unsere Anfrage geantwortet haben. In chronologischer Reihenfolge:

Liste Fritz

NEOS

ÖVP

KPÖ

Grüne

Keine Antwort haben wir erhalten von:
SPÖ
FPÖ
MFG 

1 Liste Fritz 

Welche konkreten Schritte möchten Sie, als politische Verantwortungsträger: innen im Tiroler Landtag, gehen, um ein sozial und ökologisch nachhaltiges Ernährungssystem in Tirol aufzubauen? 

Wenn es um die Nachhaltigkeit unseres Ernährungssystems geht, spielen vor allem die Faktoren Regionalität und Saisonalität eine entscheidende Rolle, besonders in der Kombination. Regionalität alleine sagt noch wenig über die Nachhaltigkeit aus, wie das Beispiel von riesigen, geplanten Folientunneln in der Stadt Hall gezeigt hat, womit auch in der kalten Jahreszeit der Anbau von Paprika und Tomaten möglich gemacht werden sollte. Wir müssen wieder mehr darauf achten, was unsere Natur uns zu welcher Jahreszeit anbietet und unsere jeweiligen Speisepläne daran anpassen. Zusätzlich zu verstärkten Achtsamkeit in Richtung Saisonalität braucht es auch ein stärkeres Bewusstsein für Herkunft, Anbau- und Produktionsbedingungen von Lebensmitteln. Jeden Tag Fleisch zu essen bzw. essen zu können ist ein Luxus, den wir uns mit Blick auf das Klima nicht mehr leisten sollten. Wir als Liste Fritz haben zum Beispiel im Tiroler Landtag beantragt, dass Landesbetriebe verstärkt heimische Lebensmittel in ihren Küchen benützen sollen, um eine konkrete Initiative zu nennen.

Wie erdenken Sie ebendies zu erreichen, ohne dabei Lebensgrundlagen im globalen Süden zu zerstören, Mensch und Natur auszubeuten, den Klimawandel zu beschleunigen und die drastisch sinkende Biodiversität hinzunehmen? 

Das zuvor erwähnte Stärken der Regionalität und Saisonalität ist genau der Schlüssel dazu, die Lebensgrundlagen im globalen Süden nicht zu zerstören indem wir mit massiven Import- und Exportbewegungen auch lokale Märkte kaputtmachen. Wenn wir im globalen Norden stärker auf Regionalität und Saisonalität setzen, müssen wir das für die Landwirtschaft im globalen Süden natürlich auch möglich machen. Die Bauern dort müssen wieder von ihren Produkten und dem Handel damit leben können. Solange wir mit billigen Exportwaren dort in die Märkte pfuschen, wird das nicht gelingen. Es muss möglich sein, den Import- und Export von Lebensmitteln auf das Notwendige zu reduzieren. Nicht jedes Produkt muss an jedem Tag im Jahr verfügbar sein. Der Anbau gefährdeter Sorten muss zusätzlich gefördert werden, damit der Trend zur Monokultur wieder etwas eingeschränkt werden kann.

 

2 NEOS

Welche konkreten Schritte möchten Sie, als politische Verantwortungsträger: innen im Tiroler Landtag, gehen, um ein sozial und ökologisch nachhaltiges Ernährungssystem in Tirol aufzubauen?  

Eine Herkunftsbezeichnung für Lebensmittel in Gastronomie und Tourismus – Das stärkt die Betriebe und sorgt bei den Kunden für Vertrauen. „Die Mineralwasserindustrie ist mir ein besonderer Dorn im Auge. Als Touristiker kann ich nicht nachvollziehen, das meine KollegInnen tonnenweise sperrige Wasserflaschen hunderte Kilometer durch Österreich nach Tirol importieren, wo wir doch das beste Quell- und Leitungswasser und Aufbereitung für Wellwasser haben"

Wie erdenken Sie ebendies zu erreichen, ohne dabei Lebensgrundlagen im globalen Süden zu zerstören, Mensch und Natur auszubeuten, den Klimawandel zu beschleunigen und die drastisch sinkende Biodiversität hinzunehmen?  

Diese Frage stellt sich nicht.

 

3 ÖVP

Welche konkreten Schritte möchten Sie, als politische Verantwortungsträger: innen im Tiroler Landtag, gehen, um ein sozial und ökologisch nachhaltiges Ernährungssystem in Tirol aufzubauen? 

Hier ist einerseits die Erhaltung regionaler Kreisläufe bei den Produktionsketten entscheidend, sowie die Einhaltung hoher Qualitätsstandards in der Lebensmittelproduktion. Andererseits wirkt sich die Ernährung auch unmittelbar auf die Gesundheit der Tiroler Bevölkerung aus. Hier braucht es entsprechende Awareness, um präventiv der Entstehung von ernährungsassoziierten Erkrankungen wie beispielsweise Herz-Kreislaufleiden oder Diabetes mellitus vorzubeugen. Hier sollen etwa konkrete, ernährungsbezogene Maßnahmen aus dem Bereich der Gesundheitsförderung weiter umgesetzt werden, wie z.B. Ernährungsberatung in der Schwangerschaft, Optimierung von Gemeinschaftsverpflegungen und das Projekt REVAN (Richtig Essen von Anfang an). Zudem braucht es weitere Strategien und Maßnahmen, um ein nachhaltigeres und mehr pflanzenbetontes Ernährungssystem.

Wie erdenken Sie ebendies zu erreichen, ohne dabei Lebensgrundlagen im globalen Süden zu zerstören, Mensch und Natur auszubeuten, den Klimawandel zu beschleunigen und die drastisch sinkende Biodiversität hinzunehmen? 

An dieser Stelle darf ich auf die Nachhaltigkeits- und Klimastrategie des Landes verweisen (nachzulesen unter https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/landesentwicklung/raumordnung/Nachhaltigkeit/Nachhaltigkeits-_und_Klimakoordination/Publikationen/Nachhaltigkeits-und-Klimastrategie_2021.pdf)

 

4 KPÖ

Welche konkreten Schritte möchten Sie, als politische Verantwortungsträger: innen im Tiroler Landtag, gehen, um ein sozial und ökologisch nachhaltiges Ernährungssystem in Tirol aufzubauen?  

In Tirol muss sichergestellt werden, dass die bestehenden Anbauflächen erhalten werden und nicht der zunehmenden Bodenversiegelung zum Opfer fallen. Vielfach werden in Tirol Gewerbegebiete auf die grüne Wiese gepflastert, während bereits bestehende Produktionsstätten leer stehen. Gleichzeitig wird mit Immobilien spekuliert und Betongold geschaffen, das für den Großteil der Menschen nicht leistbar ist. Unser Ansatz ist daher, bereits verbaute Flächen bestmöglich zu nutzen, um die Raumbedürfnisse der Bevölkerung abzudecken. Gemeinden haben die Kompetenz über die Widmungspolitik. Für diese sind jedoch Betriebsansiedlungen aufgrund der Einnahmen aus der Kommunalsteuer sehr profitabel. Das begünstigt einen Wildwuchs an Gewerbegebieten im Grünen. Dieser Tendenz muss die Tiroler Raumordnung noch mehr entgegenwirken als bisher und die Gemeinden stärker in die Pflicht nehmen. Gleichzeitig müssen Gemeinden noch stärker dazu angehalten werden, von den Instrumentarien, die ihnen das Tiroler Raumordnungsgesetz in die Hand gibt, aktiv Gebrauch zu machen, der Immobilienspekulation entgegenzuwirken und bestehende Grün- und Anbauflächen zu erhalten. Der Förderung von regionaler Lebensmittelproduktion muss zudem Priorität eingeräumt werden. Gleichzeitig darf nicht auf die soziale Dimension vergessen werden. So werfen wir auch den Blick auf die Arbeitsbedingungen in der Feldarbeit, die oftmals von Erntehelfer:innen aus Osteuropa erledigt wird. Deren Situation wesentlich zu verbessern, ist uns ein zentrales Anliegen.

Wie erdenken Sie ebendies zu erreichen, ohne dabei Lebensgrundlagen im globalen Süden zu zerstören, Mensch und Natur auszubeuten, den Klimawandel zu beschleunigen und die drastisch sinkende Biodiversität hinzunehmen?  

Im internationalen Sozialpakt, den auch Österreich ratifiziert hat, ist das Menschenrecht auf eine angemessene, ausreichende und gesunde Nahrung verankert. Somit steht auch außer Frage, dass wir einen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers weltweit zu leisten haben. Die Armut im globalen Süden ist die Kehrseite des Reichtums und der Verschwendung bei uns. Dieser gilt es entgegenzuwirken, indem wir selbst bestehenden Anbauflächen bestmöglich für die regionale Lebensmittelproduktion nutzen und uns dafür einsetzen, dass die Menschen im globalen Süden einerseits fair entlohnt werden und gleichzeitig auch dort die regionale Lebensmittelproduktion sichergestellt wird. Die Profitemacherei mit Lebensmitteln und mit Saatgut muss ein Ende haben. Zudem müssen die Mittel für nachhaltige Entwicklungshilfe aufgestockt werden. Im globalen Norden müssen wir unseren Beitrag auch in Hinblick auf unser Konsumverhalten leisten. Dafür besteht jedoch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die auch die soziale Situation der Menschen hierzulande miteinbezieht. Wir können jedenfalls einer Geringverdienerin, die Mühe hat, mit ihren Einkommen überhaupt über die Runden zu kommen, nicht vorwerfen, dass sie zum Discounter geht, um die Lebensmittel für die Familie einzukaufen. Selbstverständlich unterstützen wir sämtliche Initiativen zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung und zur Erhaltung der Biodiversität.

 

5 Grüne

Welche konkreten Schritte möchten Sie, als politische Verantwortungsträger: innen im Tiroler Landtag, gehen, um ein sozial und ökologisch nachhaltiges Ernährungssystem in Tirol aufzubauen? 

"Think global, act local", das Motto des Klimabündnis muss in Gemeinden, Betrieben, Pfarren mit Leben erfüllt werden. In den Bildungseinrichtungen werden unsere Kinder mit ihrer globalen Verantwortung bekannt gemacht, dies müssen wir verstärkt ausbauen. 

Die Politik muss geeignete Rahmenbedingungen schaffen, damit die Menschen gut und gerne ein ökologisch und sozial nachhaltiges Leben führen und sich leisten können. Das Tun hier muss ökologisch und sozial gerecht ausgerichtet sein.  

m.E. Braucht es auch unbedingt eine verpflichtende Herkunftsbezeichnung in allen Bereichen, auch in der Hotellerie und Gastronomie. Alle Menschen haben das Recht zu wissen, woher ihre Lebensmittel kommen. Auch würde die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln den erhöhten Preis dieser senken.  

 

Auch in den öffentlichen Küchen und Verpflegungen sind wir von den Tiroler Grünen für eine Verpflichtung von regionalen und, so weit wie möglich, Biolebensmitteln. Die Voraussetzungen hierfür, müssen wir in der Politik bereitstellen.  

Generell müssen wir auch über Kostenwahrheit bei den Lebensmitteln reden. Es kann nicht sein, dass Lebensmittel aus dem Ausland billiger sind, trotz 1000 km Transport, als unsere regionalen Lebensmittel. Wir alle wissen, dass dies auf Kosten der Umwelt und auf Kosten der Produzent*innen und Arbeiter*innen in den Herkunftsländern der Lebensmittel möglich ist. Den Ertrag dieser Kostenwahrheit könnte zweckgebunden werden, damit regionale und Biolebensmittel günstiger an die Kund*innen angeboten werden können. Denn gesunde Lebensmittel dürfen kein Luxusgut sein.  

Wie erdenken Sie ebendies zu erreichen, ohne dabei Lebensgrundlagen im globalen Süden zu zerstören, Mensch und Natur auszubeuten, den Klimawandel zu beschleunigen und die drastisch sinkende Biodiversität hinzunehmen? 

Wir haben hier eine große Verantwortung in unserem Tun und Handeln.  

Ich bin überzeugt, dass sich gerade das Angebot der heimischen Landwirtschaft bei einer verpflichtenden Herkunftsbezeichnung in Österreich in allen Bereichen verändern wird. Denn die Nachfrage wird dann steigen. Viele Betriebe, die jetzt auf Milcherzeugung setzen, und hier extrem dem Druck der Molkereien und der internationalen Großbetriebe ausgesetzt sind, hätten dadurch eine Möglichkeit, dann wieder von ihren Erzeugnissen leben zu können. Wir alle wissen, dass wir in Tirol viel zu viel Milch produzieren. Die überschüssige Milch wird zu Milchpulver verarbeitet und in den globalen Süden geschickt. Dies setzt die dortige Landwirtschaft weiter unter Druck. Und zwingt sie zum Aufhören. Dies schädigt wieder die Biodiversität in diesen Ländern.  

Hier gibt es viele Stellschrauben zu drehen, dies wäre eine, die wir hier in Tirol ermöglichen können. 

Ich möchte aber hier noch auf die neuen Richtlinien der Entwicklungszusammenarbeit, welche unter Federführung von Frau LHStv. Ingrid Felipe ausgearbeitet wurden, verweisen. Das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung, wie wir in Tirol unsere globale Verantwortung übernehmen und auch eine Lenkung erzeugen können. 

https://www.tirol.gv.at/tirol-europa/abteilung-suedtirol-europaregion-und-aussenbeziehungen/internationales/welt-ins-gleichgewicht-globallokal/internationale-zusammenarbeit/grundsaetze-und-prinzipien-der-entwicklungszusammenarbeit-des-landes-tirol/ 

Pixabay