„Die Staats- und Regierungschefs sollten die Arbeit der Caritas kopieren“

Abbé Bertrand Sawadogo ist Pfarrer in der Diözese Ouahigouya im trockenen Norden von Burkina Faso. Derzeit ist er zu Besuch in Innsbruck, um sich mit der Caritas und anderen Partnern über Projekte und Unterstützungsmöglichkeiten auszutauschen. Im Interview spricht er über Herausforderungen, Projekte und Unterschiede zwischen seiner Heimat und Tirol.

Caritas: Welcher Unterschied im Vergleich zu Ihrer Heimat fällt Ihnen als erstes auf, wenn Sie nach Tirol kommen?
Bertrand:Wasser. Ich habe den Eindruck, dass es hier immer regnet – was für ein Glück. Es gibt einen Reichtum, den das Wasser mit sich bringt – Reichtum durch Wasser und am Wasser. Wasser ist Leben und in Burkina Faso spüren wir es als Erlebnis. Wenn es bei uns regnet, ist gutes Wetter.  

Die Regenzeit in Westafrika hat begonnen – lässt sich sagen, wie sie heuer ausfallen wird?
Dieses Jahr hat die Regenzeit etwas spät eingesetzt – erst Anfang Juli. Es scheint, als ob es heuer jedoch starke Niederschläge gibt. Ich rufe fast täglich zuhause an, um mich zu erkundigen, ob es regnet. Letztes Jahr hatten wir eine sehr schlechte Ernte, heuer sind wir zuversichtlich. Es kann dennoch sein, dass bis zur Ernte im Oktober die Trockenheit wieder alles zunichte macht. 

Sie sind im Norden von Burkina Faso in der Sahelzone tätig. Haben die Menschen dort Zugang zu sauberem Trinkwasser?
Der Zugang zu Wasser gestaltet sich extrem schwierig – es gibt einfach zu wenig davon. Die Frauen in der Region gehen bis zu sieben Kilometer, um sauberes Wasser aus dem Brunnen zu holen. Hunderte Menschen warten bis zu drei Stunden vor dem Brunnen, um ihre Gefäße mit Trinkwasser zu füllen. Besonders in der extrem trockenen Zeit von März bis Mai trinken die Menschen auch verschmutztes Wasser. 

Welche Projekte werden vorangetrieben, um die Not zu lindern?
Das Leben mit Wasserknappheit ist bei uns leider zur Normalität geworden. Der Staat unterstützt zwar Brunnenbauprojekte, jedoch sind die Mittel begrenzt und somit sind wir auf die Unterstützung durch Hilfsorganisationen angewiesen.  Derzeit wird mit Hilfe der Caritas eine Getreidemühle errichtet, damit nicht per Hand gemahlen werden muss und die Frauen bei ihrer täglichen Arbeit entlastet werden. Eine weitere Idee ist, eine Solarpumpe zu errichten, damit wir das Grundwasser befördern können.   

Wie ist die politische und wirtschaftliche Lage in Burkina Faso derzeit?
Burkina Faso ist mittlerweile ein stabiles demokratisches Land. Trotz der Armut hofft man auf Aufschwung. Das Wirtschaftswachstum beträgt rund acht Prozent, die Menschen sind zuversichtlich. Die Angst vor Terrorismus bremst jedoch die Erwartungen etwas, da der Konflikt in Mali auch auf das angrenzende Burkina Faso überschwappt. 

Hat sich die Situation der Frauen im Land verbessert?
Kinder von 0-5 Jahren und schwangere Frauen haben mittlerweile gratis Zugang zur Gesundheitsversorgung – es gibt aber noch einiges zu tun: Zugang zu Bildung, Zwangsehen und Beschneidungen der Mädchen sind nach wie vor große Herausforderungen. 

Was wünschen Sie sich von Europa für den afrikanischen Kontinent?
Ich wünsche mir ernsthafte Hilfe für Afrika, weil beide Kontinente dadurch profitieren. Das sieht man bei der Migration – besseres Leben in Afrika bedeutet weniger Flüchtlinge in Europa. Die europäischen Staats- und Regierungschefs sollten die Arbeit der Caritas kopieren. Durch mehr Kooperation profitieren wir alle. Mikro-Kredite würden beispielsweise den Menschen vor Ort ermöglichen, ihre Selbstständigkeit voranzutreiben, damit sie auch selbst Geld verdienen können.