Weil Gott JA zum Menschen sagt

Zum Thema Versöhnung: Der Hirtenbrief von Bischof Hermann Glettler zur Fastenzeit 2020 im Wortlaut.

Liebe Schwestern und Brüder!

Was zählt am Ende eines Lebens? Mit Sicherheit nicht der Kontostand oder die stolzen Leistungen, sondern einzig und allein die Frage, ob jemand im Frieden ist – mit sich, mit anderen, mit dem Leben und mit Gott. Unversöhnlichkeit und das Nicht-Vergeben führen zu großem Leid für alle Beteiligten. Dasselbe gilt für alle Lebensphasen. Viel Freude, Lebenskraft und Kreativität gehen verloren, wenn die Altlasten von Schuld, Kränkung und Verbitterung nicht abgebaut werden. Nur durch Versöhnung gibt es neue Lebensqualität. Versöhnung ist auch ein herausfordernder Dauerauftrag für uns als Kirche – weltweit und vor Ort in den Pfarren und kirchlichen Gemeinschaften. Es geht um weit mehr als nur um ein frommes Thema, das mit ein paar Andachten oder Vorsätzen erledigt wäre. Wir müssen umkehren zu einer neuen, herzhaften Beziehung zu Gott und zu einem entschiedenen JA zum Leben – mit all seiner Schönheit und Brüchigkeit.

Am Anfang steht die Dankbarkeit 

Dankbarkeit schafft eine Atmosphäre, die alle Lebensbereiche positiv verändern kann. Wer nicht dankt, wird zunehmend fordernder und unzufriedener. Nichts genügt mehr. Undankbarkeit ist eine Hauptsünde unserer Wohlstandsgesellschaft. Sie schreit zum Himmel angesichts des bedrohlichen Zustands unserer Erde, die wir mit unserem unmäßigen Lebensstil weiterhin verletzen. Nur Dankbarkeit befreit aus der unheilvollen Logik der Gier. Nichts ist selbstverständlich. Ich habe mir angewöhnt, wichtige Gespräche und konfliktträchtige Begegnungen mit einem Dank zu beginnen. Auch eine Beichte beginne ich mit einem rückblickenden Dank. Es gibt so viel überraschend Gutes und Positives, das wir all zu leicht übersehen. Und – es ist eine Selbsttäuschung, dass wir nur Opfer der Umstände und Verhältnisse wären und womöglich die Anderen, der Ehepartner, die Nachbarn und Arbeitskollegen allein Schuld hätten an unserem Unglück. Undankbarkeit ist lieblos.

Mut zum realistischen Hinschauen 

Viele Formen der Lieblosigkeit schleichen sich ganz still und leise ein. Sie trüben unsere Beziehungen, machen uns gereizter, unverträglicher und nachtragend. Wie eine Fensterscheibe meist nicht durch einen großen Dreck verunreinigt wurde, sondern durch alltäglichen Feinstaub, so verschmutzt jede Form der Lieblosigkeit die Klarheit unseres Blicks. Durch die trübe Scheibe hindurch betrachten wir dann unsere eigenen Fehler als Probleme der Nachbarn. Die Projektion funktioniert. Was im Kleinen gilt, wird im Großen verheerend. Viel Bereitschaft zur Empörung liegt in der Luft. Es scheint ein Sport der Massen, mit dem Finger auf andere zu zeigen, Skandale genüsslich aufzublähen und mit pharisäischer Manier das Versagen anderer zu kommentieren. Mit dem Wort „Shitstorm“ ist treffend benannt, in welche Klimazone wir dabei gesellschaftlich geraten. „Kehrt um!“ ruft uns Jesus zu und lädt uns ein, seinem Weg der achtsamen Liebe zu folgen.

Verharmlosen ist gefährlich 

Es ist eine beschämende Altlast unserer Kirche, den Menschen oftmals nur ihre Sünden vorgehalten zu haben, noch dazu krampfhaft fixiert auf das sechste Gebot. Das Befreiende der Frohen Botschaft Jesu ist dabei oft auf der Strecke geblieben. Vielen ist damit auch der Zugang zum Bußsakrament verdorben worden. Vertrauen muss behutsam wieder aufgebaut werden. Das JA Gottes zum konkreten Menschen mit seinen Wunden und Belastungen kommt allen menschlichen Bemühungen zuvor. Jesus sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!“ Unter dieser Voraussetzung ist ein klares Benennen von Schuld und Sünde notwendig und heilsam. Es wäre eine Verharmlosung, nur von Fehlern und Schattenseiten zu sprechen. Sünde kommt vom Wort „sondern“, absondern, getrennt sein. Gemeint ist damit immer eine gestörte Beziehung – zu sich selbst, zum Nächsten, zur Schöpfung und zu Gott. Sünde ist ein vorsätzliches NEIN zum Leben. In diesem Sinn können auch Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber dem Schicksal anderer, Sünde sein. Wir bleiben einander schuldig, was wir geben könnten: Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Hilfe.

Gottes Auftrag vor Augen 

Der wichtigste Motor auf dem Weg der Versöhnung ist die Freude. Denken wir an Zachäus. Nachdem ihn Jesus angesprochen hat, beginnt er zu laufen. Mit Freude nimmt er den unerwarteten Gast bei sich auf. Seine Freude wächst aus der Erfahrung, angenommen und geliebt zu sein – trotz aller Schuld. Wer Ähnliches erlebt hat, lässt krampfhaft errichtete Fassaden fallen. Auch der Drang zur Selbst-Lossprechung fällt dann weg. Ehrlichkeit macht uns menschlicher. Vielleicht starren wir bei unserer Gewissenserforschung oft zu sehr auf Vergangenes. Wir sollten den Blick Jesu wahrnehmen und nach vorne schauen. Folgende Fragen könnten dabei helfen: Wie möchte ich als Mensch und Christ leben? Was gibt meinem Leben Sinn, was ist mein Auftrag? Umkehr ist doch immer auf Zukunft ausgerichtet. Mit diesem Perspektivenwechsel fällt einem vielleicht auf, dass man sich in einem kleinkarierten Denken verfangen hat oder im narzisstischen Kreisen um die eigene Befindlichkeit. Versöhnung befreit.

Barmherzigkeit schenkt neue Freiheit 

Der Verlorene Sohn, der aus selbst verschuldetem Elend heimkehrt, wird vom Vater mit größter Herzlichkeit empfangen (Lk 15). Er umarmt ihn, obwohl er noch nach Schweinetrog stinkt. Deutlicher kann das JA Gottes zum Menschen, der versagt hat, nicht ausgedrückt werden. Wirkliche Versöhnung hat die Qualität dieser tiefen und von Herzen kommenden Umarmung. Sünde und Unversöhnlichkeit entstellen den Menschen, die Liebe bewirkt das Gegenteil. Niemals ist ein Mensch schöner, als wenn er Vergebung annimmt oder vergibt. In der Beichte geht es deshalb vor allem darum, sein Herz vor Gott auszuschütten. Das Bekenntnis der Schuld kommt an zweiter Stelle. Gott weiß, was uns nottut. Seine zärtliche Liebe macht einen Neubeginn möglich. „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8,11) Jesus sagt dies der Ehebrecherin zu und rettet damit ihr Leben, ja er macht alles von Grund auf neu.

Versöhnung schafft neue Lebensqualität 

Ein versöhnter Mensch lebt gelassener und fröhlicher, weil er seine eigenen Grenzen und Schwächen kennt und von Gottes Barmherzigkeit selbst überrascht wurde. Aus dem verdammten Teufelskreis des Beschuldigens und Verurteilens ist er durch den Mut zur Wahrheit entkommen. Vergebung ist kein billiges „Schwamm-Drüber“. Vergebung schenkt jedoch einen inneren Frieden, der uns zur „Abrüstung“ drängt und die Waffenkammer der uralten Vorwürfe ausräumen lässt. Bei verhärteten Fronten kann das dauern. Auch Kränkungen brauchen Zeit, um ausheilen zu können. Versöhnte Menschen finden zu einem neuen Lebensstil – achtsamer und maßvoller gehen sie mit den begrenzten Ressourcen um. Sie schützen das Leben, weil es das größte Geschenk Gottes ist. Sie tragen zu einem neuen sozialen Klima bei, weil sie die giftigen Emissionen verletzender Worte radikal reduzieren. Sie begegnen ihrer Umgebung mit neuer Aufmerksamkeit. Versöhnte Menschen leben nicht nur für sich selbst – sie sind vielmehr Hörer, Verkünder und „Täter“ der Frohen Botschaft.

Für den heilsamen und befreienden Dienst der Versöhnung erbitte ich allen den Segen unseres barmherzigen Gottes! 

+Hermann Glettler
Diözesanbischof von Innsbruck 

  

Grafik: Hans Salchner

Weiterführende Texte

Eine umfangreiche Zusammenstellung von weiterführenden Texten und Impulsen rund um das Thema "Versöhnung" finden Sie auf der Homepage der Diözese Innsbruck. 

Unterlagen für die pastorale Arbeit in den Pfarren, für die Kinder- und Jugendarbeit sowie für die Schule können kostenlos heruntergeladen werden.

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