Kirche ist Weggemeinschaft

Der Hirtenbrief von Bischof Hermann Glettler zur Fastenzeit 2019 im Wortlaut.

Jesus war unterwegs. Eine Kirche, die vom Pulsschlag des gegenwärtigen Herrn lebt, muss sich immer neu auf den Weg machen. Mit ihm und mit den Menschen. Geht! Es ist die erste Aufforderung aus meinem bischöflichen Leitwort: Geht, heilt und verkündet! Kirche ist in der Nachfolge des Herrn immer Weggemeinschaft. Sie ist von ihrem Wesen her synodal. Dieses Verständnis von Kirche hat das Zweite Vatikanische Konzil mit dem Begriff pilgerndes Volk Gottes wieder aufgegriffen. Die Metapher des Unterwegsseins bringt das dynamische Moment zur Geltung, die Befreiung aus jeder Form spiritueller und geistiger Erstarrung. In einer bewusst gelebten Weggemeinschaft sind wir als Kirche ein wirksames Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit (LG 1). Die lebendige Mitte dieser solidarischen Weggemeinschaft, die niemanden ausschließt, ist Jesus selbst. Vertiefen wir unseren Blick auf sein Leben und seine Mission.

Jesus – Gott unterwegs zu den Menschen 

Am Beginn seines öffentlichen Wirkens war Jesus in Galiläa unterwegs. Man kann ihn als Wanderprediger nach rabbinischem Vorbild bezeichnen. Aber es war mehr als das. Jesus war unterwegs zu allen Dörfern und Städten, um das Volk Gottes zu sammeln. Jesus hat sich dabei nicht gescheut, die ethnischen und sozialen Randzonen des jüdischen Siedlungsgebietes zu betreten – ohne Berührungsangst und ohne religiöse Vorbehalte. Jesus, der Grenzgänger, nimmt uns die Angst, Menschen aufzusuchen, Distanz abzubauen und Begegnungen zu wagen. Es ist notwendig, dass wir unsere sicheren Wände verlassen, auch wenn uns oft tausend Ausreden einfallen. In manchen Wohnanlagen ist es aufgrund einer wachsenden Anonymität tatsächlich nicht leicht, jemanden anzutreffen. Codes anstelle von Türschildern, Videokameras und andere Sicherheitsbarrieren – Sinnbilder für eine zunehmende Entfremdung? Umso wichtiger ist unser Auftrag: Geht! Bauen wir mit an einer Kultur der Begegnung, von der Papst Franziskus spricht. Vor allem ist es notwendig, dass wir jene Orte aufsuchen, wo sich das Leben der jungen Leute abspielt. Wir müssen ein ehrliches Interesse für ihre Sehnsüchte, Visionen und Ängste entwickeln – ohne sie für uns vereinnahmen zu wollen. Nur mit dieser garantierten Freiheit und auf dem Weg der Freundschaft kann ein neues Vertrauensverhältnis aufgebaut werden.

Berufung – Nachfolge ist kein Spaziergang 

Jesus ging am See von Galiläa entlang und sah die Fischer. Er rief sie und sie folgten ihm. Berufung geschah unterwegs. Jesus hat ein Ziel vorgegeben, das unzählige Männer und Frauen faszinierte. Sie hörten seine Botschaft von einem barmherzigen Gott und sahen, was er tat. Jesus war kein Plauderer, kein Theoretiker. Er hat das Leben mit ihnen geteilt. Sie haben verstanden, dass es Sinn macht, alles in die Waagschale zu werfen. Wir müssen unsere Herzen vom Geist Gottes neu entzünden lassen, um nicht frustriert und gelähmt stecken zu bleiben – träumend von der Vergangenheit oder anklagend, weil sich vieles in Kirche und Gesellschaft zu langsam oder zu rasch verändert. Mit Jesus unterwegs sein, ist herausfordernd. Anlässlich des Pessach-Festes ging er seinen Weg hinauf nach Jerusalem. Er musste dort sein Werk vollenden. Es war ein Weg, der seine engsten Jünger vor den Kopf gestoßen hat – mit Sicherheit war es kein besinnlicher Spaziergang. Vergessen wir nicht den mühsamen Kreuz-Weg, den so viele Menschen gehen müssen: Armutsgefährdete, Opfer von Gewalt, Kranke, Einsame, Drogensüchtige, Arbeitslose – und die vielen, die ihre Heimat verlassen mussten, lange Wege der Enttäuschung hinter sich haben und eine neue Existenz aufbauen müssen.

Kirche – Solidarisches Unterwegssein mit allen 

Der Weg Jesu führt in ein neues Leben, in eine neue Hoffnung und Zuversicht. Nach seiner Auferstehung war er wieder als Erster unterwegs. Er, der Auferstandene erschien unterwegs seinen Jüngern. Er überraschte sie mit seinen Fragen, er hörte ihnen aufmerksam zu und gab ihnen neues Vertrauen ins Leben. Auch unser letzter Weg auf dieser Erde wird nicht in die Auslöschung führen. Wir sind unterwegs in die Arme Gottes. Nach Hause. Die Weggemeinschaft mit dem lebendigen Herrn gibt uns in allem die nötige Zuversicht. Wer glaubt, geht nicht allein. Viele haben sich vom Weg der Kirche verabschiedet und stehen vielleicht noch kommentierend auf der Seite. Nicht wenige wurden jedoch auch von uns zurückgelassen oder durch Unverständnis und Lieblosigkeit hinausgedrängt. Ich möchte als Bischof inmitten einer Kirche unterwegs sein, die sich mit besonderer Aufmerksamkeit den Verletzten und Frustrierten zuwendet. Besonders am Herzen liegen mir all jene, deren Partnerschaft oder Ehe zerbrochen ist. Die meisten von ihnen haben eine neue Beziehung gewagt. Die Initiative Neu beginnen, die an einigen Orten Tirols in diesem Frühjahr startet, hat das Ziel, von den Betroffenen zu lernen und Schritte konkreter Versöhnung anzubieten. Nur das Annehmen der Wirklichkeit macht frei. Wir sind Wegbegleiter und nicht Richter. Wir haben von Jesus den Auftrag, einander zu stützen und bei schwierigen Wegstrecken in besonderer Weise nahe zu sein.

Tirol – Weggemeinschaften in der Nachbarschaft 

Die Familien in unserem Land, wie bunt auch immer, sind die ersten und wichtigsten Weggemeinschaften unserer Kirche. Ebenso sind es Freundeskreise und Vereine, kirchliche Aktivgruppen, Kollegen am Arbeitsplatz und Dorfgemeinschaften. In all diesen wichtigen Zellen unserer Gesellschaft wirkt Gottes Geist. Er stiftet immer Gemeinschaft und befähigt zu einem respektvollen und achtsamen Umgang miteinander. Ich empfinde große Dankbarkeit gegenüber allen, die über den Tellerrand ihrer eigenen Interessen und Befindlichkeiten hinausschauen. Sehr leidenschaftlich bewerbe ich die Gründung von konkreten Weggemeinschaften. Die Vision dahinter ist ein Netzwerk von überschaubaren Gruppen, die sich in den Häusern und Wohnungen treffen und, wenn möglich, wöchentlich eine gute Stunde miteinander verbringen. Diese Weggemeinschaften sollen aktive Lernorte des Glaubens sein. Im Mittelpunkt der Begegnung steht das Sonntagsevangelium. Das Gespräch darüber ist eine Chance, in einer normalen Sprache über persönliche Erfahrungen zu sprechen. Glaube und Leben gehören untrennbar zusammen! In einem zweiten Schritt geht es um die Frage, wo in der unmittelbaren Nachbarschaft ein Besuch, eine konkrete Hilfestellung oder ähnliches notwendig ist. Diese soziale Aufmerksamkeit ist das beste und schönste christliche Zeugnis! Not gibt es natürlich nicht nur im materiellen Sinn. In den Weggemeinschaften soll es auch möglich sein, mit- und füreinander zu beten. Die Weggemeinschaften werden pfarrlich und diözesan begleitet. Es sind Frischzellen des Glaubens, die die Sorge für konkrete Menschen, also Seelsorge, auf viele Herzen, Schultern und Hände verteilen.

Liebe Schwestern und Brüder! Gehen wir unseren Weg als pilgerndes Volk Gottes in diesem Land ganz bewusst – und gemeinsam. Schritt für Schritt, leidenschaftlich, aber nicht gehetzt. Lassen wir uns von keiner falschen Traurigkeit hindern, die Botschaft der Freude mit 

Grafik: Hans Salchner