Auf ein Abendessen nach Bolivien

„Junge, gut situierte Menschen kümmern sich um Schwächere. Das ist für mich eine sehr schöne Erfahrung", meint Frau Marga Mair. Sie kommt ursprünglich aus Österreich und arbeitet nun als Gutachterin für Bruder und Schwester in Not. Mit ihrer österreichisch-bolivianischen Familie lebt sie dort in Cochobamba.

Wie hat sich Ihr Leben in Cochabamba/Bolivien in Zeiten von Corona verändert?  

In Summe funktioniert das Leben nach wie vor gut. Meine schulpflichtigen Kinder haben Unterricht von zu Hause aus, Prüfungen finden ebenfalls statt, somit besteht keine Gefahr dass sie ein Schuljahr verlieren würden. Ich kann ebenfalls meiner Arbeit über Internet nachkommen, und somit für das Familieneinkommen sorgen. Wir sind uns aber dessen bewusst, dass die Coronakrise für viele Familien in Bolivien wesentlich schwieriger zu verkraften ist. Denn entgegen so mancher Behauptungen, dass Corona keinen Unterschied zwischen reich und arm macht, kann die Ausgangssperre oder auch eine eventuelle Erkrankung für arme Familien, die ihr Einkommen vorwiegend im informellen Sektor erzielen bzw. über keinerlei Krankenversicherung verfügen, relativ rasch existenzbedrohend werden. Auch im Fall der Rückkehr von Auslandsbolivianer*innen war es offensichtlich, dass das bei denjenigen, die per Flugzeug aus Miami zurückkamen, recht locker gehandhabt wurde. Aber den saisonalen bolivianischen Erntearbeiter*innen in Chile wurde die Rückkehr an der Grenze strikt verweigert, und sie mussten 2 Wochen lang ihre Quarantäne unter extrem unwirtlichen Bedingungen (extreme Höhe, tiefe Temperaturen, unzureichende hygienische Bedingungen) durchstehen, bevor sie endlich ins Land durften.

 

Wie helfen die Menschen einander? 

In erster Linie helfen sich die Menschen im Rahmen ihrer (erweiterten) Familienbeziehungen und Freundschaftsbeziehungen, indem sie darauf schauen, dass alle Mitglieder mit dem Notwendigsten versorgt sind, insbesondere Kinder und ältere Menschen, die ja überhaupt nicht hinaus dürfen. In vielen Fällen ist es auch so, dass man eventuelle Probleme unter Nachbar*innen zu lösen versucht, also zum Beispiel Lebensmittel oder Medikamente für den/die Nachbar*in mit einkauft, wenn man gerade Ausgang hat.

Was die Randbezirke im Süden von Cochabamba betrifft, wo sich die ärmeren Bevölkerungsgruppen konzentrieren, so funktioniert auch dort in vielen Fällen die Nachbarschaftshilfe. Ich finde es immer wieder beeindruckend mitzubekommen, wie sich die Leute, die selber gerade genug zum Überleben für sich und ihre Familien haben, trotzdem organisieren und aktiv werden, weil es natürlich immer auch besondere Härtefälle gibt: etwa die alleinstehende Mutter mit 7 Kindern, die derzeit ihre Empanadas nicht verkaufen darf. Oder der alte Mann, der krank ist, und niemanden hat, der ihm ein Essen zubereitet oder ihm die notwendigen Medikamente besorgt. Diese gegenseitige Hilfe funktioniert auch über lokale Gemeinschaften hinaus: so haben zum Beispiel in Sacaba Bauern und Bäuerinnen aus den hoch gelegenen Dörfern Kartoffeln gegen Mais und Gemüse aus tieferen Lagen getauscht. Und aus der Kokaregion Chapare wurden einige vollbeladene Lastwägen mit Früchten (Bananen, Orangen, etc.) unter der Bevölkerung in den ärmeren Vierteln Cochabambas verteilt.

Dann sind da natürlich auch noch die vielen Solidaritätsgruppen, die sich zum Teil spontan zusammengefunden haben oder auch schon länger aktiv sind, und versuchen die eine oder andere Notfallsituation aufzufangen. Oftmals sind es auch kirchliche Organisationen oder Gruppen die in solchen Fällen wichtige und rasche Hilfe leisten.

Eine wichtige Rolle spielten vor allem zu Beginn der Ausgangssperre, wo es während ca. 7-10 Tagen zu spürbaren Engpässen bei der Versorgung von Grundnahrungsmitteln kam, auch Beziehungen zwischen Konsument*innen und Produzent*innen. Nachdem ich schon seit einiger Zeit biologisch angebautes Gemüse von einer City-Farm in Tiquipaya beziehe, hatten wir bislang immer Zugang zu frischem Gemüse, nachdem dieser Produzent wie viele andere ein Hauszustellungsservice für seine Stammkund*innen eingerichtet hat. Das Bewusstsein in Bezug auf die Vorteile einer persönlichen und direkten Beziehung zu Nahrungsmittelproduzent*innen bzw. die Wertschätzung deren Arbeit ist enorm gestiegen, was hoffentlich auch in Zeiten nach Corona positive Auswirkungen haben wird, im Hinblick auf Direktvermarktung und Nahversorgung mit gesunden Lebensmitteln aus nachhaltigem Anbau.

 

Habt ihr in Bolivien schon einmal eine ähnliche Krise erlebt?  

Corona bedeutet in Bolivien vor allem eingeschränkte Mobilität, Probleme bei der Versorgung mit lebensnotwendigen Dingen, eine gewisse Angst und Unsicherheit allgemein und auch eine starke Präsenz von Polizei und Militär auf den Straßen (zwecks Kontrolle der Ausgangssperre).

Da ist es unvermeidlich, dass Erinnerungen an die Ereignisse vom Oktober und November 2019 aufkommen (Anm. Aufstände nach Präsidentschaftswahl im Oktober 2019), oder auch – im Fall von Cochabamba – an den ´Wasserkrieg´ im Jahr 2000. Natürlich waren die Umstände anders, aber die Auswirkungen auf das Leben der Menschen waren ähnlich. Und deshalb scheint es auch sinnvoll, sich zu fragen, was damals geholfen hat, die Krise zu überwinden oder zumindest zu entschärfen.

Heute wie damals ist die Debatte ja leider gekennzeichnet von gegenseitigen Schuldzuweisungen: Waren es damals die ´dummen Indios´, die ´radikalen Kokabauern´ oder die ´rebellischen Einwohner*innen von El Alto´, denen die Verantwortung für sämtliche Ausschreitungen in die Schuhe geschoben wurde, so fehlte und fehlt es auch in Bezug auf die Coronakrise nicht an mutmaßlichen Schuldigen: Da war die Rede von den ´verantwortungslosen Auslandsbolivianer*innen´, die den Virus aus Italien eingeschleppt haben. Oder die Coronapatient*innen die alle Menschen rund ums Krankenhaus anstecken bzw. sogar das Gesundheitspersonal, das die Krankheit aus den Spitälern in ihre Wohngegenden verschleppen würde. Und in Zeiten der Ausgangssperre wurden dann auch die ´gewissenlosen´ Kokabauern und –bäuerinnen bzw. die Einwohner*innen aus El Alto oder der Zona Sud von Cochabamba wieder mal ins Visier genommen, die einfach nicht gewillt seien die Quarantäne einzuhalten. Diese zum Teil recht absurden Vorwürfe gingen vielfach mit aggressiven Worten und Taten Hand in Hand, ohne einen einzigen Gedanken auf die besonderen Lebensumstände der jeweiligen Sündenböcke zu verschwenden. Da wurde Coronapatient*innen die Aufnahme ins Krankenhaus verweigert, oder Krankenschwester die Rückkehr in ihre Wohnung und zu ihren Kindern. Oder Menschen, die aus einer existentiellen Notsituation heraus die Bestimmungen der Ausgangssperre nicht einhielten, pauschal als ignorante Aufständische abgestempelt und zum Teil auf vorübergehend festgenommen.

In diesem Sinn stehen auch jetzt wieder rechthaberische Monologe (von vielen Seiten) an der Tagesordnung, ebenso wie Anschuldigungen und rücksichtsloser Egoismus, wie etwa im Fall der Hamsterkäufe, die damals wie heute für Panik sorgten. Ende letzten Jahres konnte ein Lösungsansatz erst dann gefunden werden, als an Stelle dieser destruktiven Verhaltensweisen zumindest von mehreren Beteiligten auf respektvollen Dialog, Empathie und Solidarität gesetzt wurde. Auch heute ist es wieder dringend gefragt, dass Politiker*innen, sonstige Beteiligte und die Zivilgesellschaft im allgemeinen, diese konstruktiven Herangehensweise fördern bzw. einfordern.

 

Einerseits bin ich mit solchen alternativen und ermutigenden Lösungsansätzen über meine Arbeit verbunden, und andererseits erlebe ich einen solchen Ansatz auch in meinem unmittelbaren persönlichen Umfeld, als Teil einer kleinen Solidaritätsgruppe, die sich erstmals im November 2019 als solche zusammengefunden hat (also auch in einer Krisensituation in Bolivien). Damals ging es darum, einen Beitrag dazu zu leisten, die vielen Kokabauern und –bäuerinnen, denen damals der Zutritt zur Stadt Cochabamba verweigert wurde, nach dem Massaker von Sacaba mit dem Notwendigsten zu versorgen. Eine Freundesgruppe rund um meine beiden älteren Töchter organisierte damals morgens und abends eine einfache Essensausspeisung für jeweils ca. 100 Leute, trieb auch einige Decken zum Schlafen auf bzw. leistete über die Veranstaltung einer Kermesse (Anm. Kirmes) einen Beitrag, um die Kosten der medizinischen Behandlung für einen der Schussverletzten des Massakers zu begleichen, abgesehen von der aktiven Teilnahme an mehreren friedlichen Protestkundgebungen, um die Forderung der Kokabauern und –bäuerinnen auf Anhörung ihrer Anliegen zu unterstützen.

Mit der Coronakrise, die für viele arme Familien extreme Notsituationen geschaffen hat, ist die Gruppe wieder voll aktiv. Eines unserer Mitglieder hat die Genehmigung, Nahrungsmittel auszuliefern, womit es uns möglich ist besonders betroffene Familien zu unterstützen. Zwar sind es nicht viele, nachdem wir ja auch nur beschränkte Mittel zur Verfügung haben, aber der eine oder andere Härtefall kann doch gelindert werden. Ich unterstütze die Gruppe bei Fragen zur Organisation, Durchführung und Mittelverwaltung. Es ist für mich eine sehr schöne Erfahrung, dass diese junge Menschen, die sich mehrheitlich in einer relativ abgesicherten Situation befinden, gerade in diesen Krisenzeiten ihr soziales Engagement entdecken und ihre Kontakte, Fähigkeiten, Zeit und Energie dafür verwenden, Menschen zu helfen, die sich nicht in einer so glücklichen Lage befinden. Im jetzigen Moment geht es natürlich vor allem darum, Notfallhilfe zu leisten, aber damit einher geht auch der Austausch und das Nachdenken über die Ursachen. Es werden unweigerlich die strukturellen Ungerechtigkeiten, die dahinter stecken, angesprochen, und die Frage gestellt, wie solche Situationen vermieden werden bzw. ungerechte Strukturen verändert oder überwunden werden könnten. Und so schaut es im Moment ganz so aus, als ob die spontane Solidaritätsaktion vom November 2019 jetzt mit der Coronakrise wächst und reift, und in Zukunft auch weiterbestehen bzw. sich sogar offiziell als Organisation etablieren könnte.

 

Wie verbinden Sie sich mit Ihren Lieben? 

Meine älteste Tochter verbringt die Quarantäne am Land, nachdem sie sich dort nach wie vor um die Joghurtproduktion und –vermarktung kümmert. Mit ihr läuft der Kontakt vor allem per Telefon, WhatsApp und ähnlichen Mitteln. Und wir nützen den Zustelldienst für das Joghurt, um uns sonst auch gegenseitig mit dem einen oder andern zu versorgen oder zu überraschen: so schickt sie uns Tomaten oder Zitronen aus ihrem Garten, und wir schicken ihr selbstgebackenes Brot.

Mit Freund*innen ist es ähnlich – hauptsächlich sind wir über WhatsApp und ähnliches verbunden. Was meine Eltern bzw. Geschwister in Österreich betrifft, so ist der Kontakt per WhatsApp aufgrund der Entfernung ohnehin die ´normale´ Form, in Verbindung zu bleiben.

 

Wie leben Sie Ihren Glauben in dieser Zeit? 

Die Art und Weise, wie ich meinen Glauben in dieser Zeit lebe, hat sich praktisch nicht verändert. Ich besuche – auch in Zeiten ohne Ausgangssperre - recht selten den Gottesdienst, meditiere aber regelmäßig, was für mich eine Art Einkehr und Verbindung zu einer höheren Macht darstellt. Aspekte wie Solidarität, Menschenwürde, Demut und Empathie, die sowohl im Christentum aber auch in der andinen Kosmovision einen zentralen Stellenwert einnehmen, sind mir sehr wichtig. Ich versuche diese, so gut es geht, in meinem alltäglichen Leben und Handeln einzubringen, sowohl in der Familie als auch in meinem sozialen Umfeld. Die konkreten Situationen und Herausforderungen sind jetzt vielleicht ein bisschen anders als noch vor 2-3 Monaten, aber es ist nach wie vor möglich und angebracht nach diesen Prinzipien zu handeln.

 

In Tirol kochen wir derzeit öfters zu Hause als sonst. Welches bolivianische Gericht könnten wir neu in unseren Speiseplan übernehmen?

Wir sind ja eine interkulturelle Familie, deshalb kommt bei uns doch recht oft österreichische Küche auf den Tisch. Aber ein bolivianisches Gericht, welches bei uns oft auf dem Speiseplan steht (und für welches die Zutaten auch in Österreich problemlos zu bekommen sind), ist Phiri de Quinua. Zur Unterstützung der heimischen Landwirtschaft ist es mir ein großes Anliegen, dass wir alle zur Zubereitung möglichst biofaire und regionale Zutaten verwenden könnten. 

  

Phiri de Quinua 

Zutaten 

•   1 Tasse Quinoa

•   2 ½  Tassen Wasser

•   1 EL Salz

•   2 Tomaten

•   1 mittlere Zwiebel

•   4 Karotten

•   5 mehlige Kartoffel

•   Eine Handvoll Erbsen

•   2 EL Butter

•   1 Prise Pfeffer

Zubereitung 

  • Kartoffel schälen und in ungefähr 1-2cm kleine Würfeln schneiden. Das Gemüse sehr fein schneiden.
  • Quinoa in der Pfanne bei mittlerer Hitze rösten (ohne Öl) bis sie eine hellbraune Farbe annimmt und die ersten Körner platzen. Zur Seite stellen.
  • Zwiebeln mit Butter in einer Pfanne bei mittlerer Hitze goldbraun anrösten. Karotten hinzufügen, 5 Minuten später die Tomaten. Mit Salz und Pfeffer würzen. 5 Minuten später Hitze zurücknehmen, mit Deckel 10 Minuten köcheln lassen.
  • Inzwischen Erbsen in einem Topf mit dem Wasser zum Kochen bringen. Wenn das Wasser mit den Erbsen siedet, gebratenes Gemüse hinzufügen, 10 Minuten später die Quinoa. Bei schwacher Hitze zugedeckt 15 Minuten kochen lassen. Kartoffelwürfel hinzufügen, alles noch 20-30 Minuten zugedeckt kochen lassen.
  • "Geheimtipp": Phiri de Quinoa schmeckt besonders gut, wenn man das Gericht noch mit etwas Frischkäse bestreut. Ein frischer gemischter Salat als Beilage macht das Ganze noch saftiger und gesünder. 
Frau Marga Mair - Foto: BSIN