Jedes Leben

Jedes Leben

ist in der Tat ein Geschenk,

egal wie kurz,

egal wie zerbrechlich.

Jedes Leben ist ein Geschenk,

welches für immer in unseren Herzen

und ganz gewiss

in der Liebe Gottes

weiterleben wird.

(Sandra Gould)

Predigt von Bischof Hermann Glettler beim Gedenkgottesdienst für Sternenkinder

 

8. Dezember 2019 im Innsbrucker Dom. Lesung: Eph 1,3-6.11-12, Evangelium: Lk 1,26-38 

Ich erinnere mich an die faszinierenden Momente der Stille mit einem Blick in den nächtlichen Sternenhimmel am elterlichen Hof, weit entfernt vom Lichtsmog der Stadt. Aus dem Dunkel des Firmaments traten leuchtende Punkte hervor – ganz geheimnisvoll heben sie das Grundgefühl von Distanz auf, sind unendlich weit entfernt und doch zum Greifen nah. Der strahlende Nachthimmel vermittelt Geborgenheit und Ausgesetzt-sein zugleich. Vielleicht sind das Bilder, die uns helfen, die Schönheit und die Verwundbarkeit des Lebens besser zu verstehen. Am heutigen Festtag steht ein anderer Stern im Mittelpunkt, faszinierend über Jahrtausende hinweg: Maria, die junge Frau aus Nazareth wurde vom ersten Augenblick ihres Daseins an von Gott vor jedem Makel des Bösen bewahrt. Nichts sollte ihr Ja beeinträchtigen. Sie hat es in Freiheit gegeben, sodass Gott Mensch werden konnte. In vielen Hymnen und Lieder wird die Gottesmutter Maria als leuchtender Morgen-Stern besungen.

Das Aufleuchten überrascht
Viele von ihnen haben die Erfahrung vom verheißungsvollen Aufleuchten des Lebens gemacht. Ob Wunschkind und geplant oder auch nicht, in jedem Fall eine große Überraschung. Im Bauch der Mutter wuchs ein Mensch heran, dessen Dasein unendlich viel Licht verbreitet hat. Wie viele Gedanken und Überlegungen – betreffend die Geburt und die Zukunft des kleinen Wesens, das vorläufig nur auf dem Röntgenbild erkennbar ist und bereits so viel Freude entfacht! Ja, es passt das Bild: Ein Stern, dessen Strahlen schon im dunklen Mutterschoß begonnen hat. Woher kam dieses Leuchten? Die Antwort darauf übersteigt unser menschliches Begreifen. Was uns bleibt ist das Staunen über das Wunder Leben. Wir ahnen und wissen, dass Menschsein weit mehr ist als nur das Funktionieren eines biochemischen Apparates. Wir haben eine Herkunft und eine Zukunft beim Urquell des Lebens, den wir Gott nennen. Im hymnischen Text aus dem Epheserbrief hören wir, dass Gott uns alle im Voraus erwählt hat. Er hat uns geliebt schon längst bevor wir fähig waren, auch nur irgendetwas zu tun. Aus Liebe und auf Liebe hin wurden wir Menschen geschaffen. Darin begründet sich das Leuchten – gerade auch jener Sterne, die ihnen geschenkt wurden. 

Das Verlöschen verwundet
Plötzlich ist der ganz besondere Stern verlöscht – auch wenn sein Leuchten tief eingeprägt bleibt. Das Bild lässt die Enttäuschung ahnen, den Schmerz, das Unverständnis, die Hilflosigkeit. Da tröstet es auch wenig, wenn uralte Weisheiten behaupten, dass die kürzer lebenden Sterne umso heller leuchten – übrigens auch im Film „Blade Runner“ von 1982, wenn der Erfinder des Androiden diesem erklärt, dass er doppelt so hell, aber nur halb so lang scheint. Zurück geblieben ist Leere und eine Menge von Fragen und Zweifeln an das Leben und an Gott. Das Verlöschen hat Wunden geschlagen: Ist das gerecht? Gibt es da irgendeinen Sinn? Die anfängliche Fassungslosigkeit verwandelte sich in Wut und dann in eine stille Resignation. Wie geht das weiter? Nochmals dem Leben trauen? Ist dem Leben und Gott überhaupt zu trauen – sind wir nicht vielmehr einem blinden Schicksal ausgeliefert, das Sterne aufleuchten lässt und sie einfach wieder wegwischt. Alles nur ein Spiel, undurchschaubar und unfair? Es fällt mir nicht leicht, in diese schmerzliche Erfahrung hinein eine kleine Tür der Zuversicht aufzumachen. Manche Sterne haben ihr Leuchten nicht eingebüßt, obwohl sie schon längst nicht mehr existieren. Sie sind möglicherweise schon vor 15 oder 20 Millionen Jahren verlöscht, aber ihr Licht ist immer noch zu uns unterwegs. Ich möchte dieses Bild verwenden und drehen: Die Kinder, die ihnen geschenkt wurden, sind für uns nicht mehr sichtbar, aber sie leben bei Gott. Dieses Bild täuscht nicht. Es gibt und bleibt in Gott eine Verbundenheit, die alles Begreifen übersteigt. 

Sterne haben Namen
Ein für mich überzeugender Trost kommt aus einem uralten Gebet des Volkes Israel, dem Psalm 147. Dort heißt es: „Der HERR bestimmt die Zahl der Sterne und ruft sie alle mit Namen.“ Vielleicht fällt ihnen dazu spontan das vertraute Kinderlied ein: „Weißt du wie viel Sternlein stehen?“ Getragen von kindlicher Melodie wird ein großer Zuspruch formuliert: „Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht, eines fehlet - von der ganzen großen Zahl." Das Psalmwort und das Lied laden uns ein, ins Urvertrauen zurück zu kehren, dass nichts und niemand bei Gott verloren geht. Und darüber hinaus, dass Gott jeden Menschen persönlich kennt – im Bild gesprochen: „Er ruft die Sterne alle mit Namen.“ Namenskenntnis bedeutet in der jüdischen Tradition, persönlich gemeint sein, als Person erkannt und in allem wertgeschätzt zu sein. Bei Gott sind wir nicht Nummern und nicht verloren im unendlichen, anonymen Universum. Es ist dies ein Wunder göttlicher Allmacht, Intelligenz und Zuwendung. Ein Wunder angesichts der vielen Milliarden der jetzt lebenden und leuchtenden Sterne, sowie der schon verloschenen. 

 

Langsam wächst Vertrauen 

Gott weiß um die Verwundung unserer Herzen und lässt uns mit diesem Schmerz nicht allein. Ich darf nochmals aus Psalm 147 zitieren: „Er heilt, die gebrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden.“ Vielleicht braucht diese Heilung noch Zeit, es geht nicht auf Knopfdruck und lässt sich auch nicht herbeireden – aber mit der Zeit erneuert sich die Gewissheit, dass das Leben Sinn macht, weil es getragen ist von einer Beziehung, die trägt und den Verlust eines geliebten Sternenkindes nicht zu verdrängen braucht. Alles darf sein. Trauer und auch eine langsam wiederkehrende Lebensfreude. Ich möchte Sie alle, die sie heute mit ihren Lebenspartnern und Familien gekommen sind, der Gottesmutter Maria anvertrauen. Sie ist die zärtliche und starke Mutter – in der Erziehung und Begleitung ihres Sohnes hat sie dies unter Beweis gestellt. Er wurde ihr gewaltsam entrissen, als er auf Golgota hingerichtet wurde. Aber sie hat auch erlebt, wie er als lebendiger Herr von Neuem den Menschen entgegengekommen ist. Maria ist die Mutter der Zuversicht. Ihre Fürsorge und Fürbitte ist sehr kostbar. Mit ihrer zärtlichen Wegbegleitung muss niemand für immer in der Traurigkeit stecken bleiben. Sie hat Ja gesagt zu einer ungewissen Zukunft. Sie erbittet uns allen die Gnade, Ja zum Leben zu sagen, wie auch immer es sich
zeigt – wunderschön und zerbrechlich zugleich.