Jedes Leben

Jedes Leben

ist in der Tat ein Geschenk,

egal wie kurz,

egal wie zerbrechlich.

Jedes Leben ist ein Geschenk,

welches für immer in unseren Herzen

und ganz gewiss

in der Liebe Gottes

weiterleben wird.

(Sandra Gould)

Predigt von Bischof Hermann Glettler beim Gedenkgottesdienst für Sternenkinder 2020

Predigt von Bischof Hermann Glettler beim „Gedenkgottesdienst für Sternenkinder“, 13. 12. 2020, Dom St. Jakob, Innsbruck; Lesung: Jes 61,1-11; Evangelium: Joh 1,6-28 

Einleitung: Ein Gefäß ist in Bruch gegangen. Die Scherben liegen am Boden. Mit diesem starken Bild haben wir den heutigen Gedenkgottesdienst für alle Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind, begonnen. Ich grüße von Herzen alle Mütter und Väter, die Geschwister der verstorbenen Kinder und alle, die mit Achtsamkeit und Verbundenheit heute hier mitfeiern. Scherben. Das Glück, einen neuen Menschen geschenkt zu bekommen, ist zerbrochen. Das so kleine Gefäß, das schon im Mutterleib viel an Zuneigung und Freude aufgenommen hat, konnte nicht bestehen. Mit Sicherheit hat es jedoch die bereits empfangene Liebe und die Tränen derer, die es geliebt haben, schon zu Gott mitgenommen. Dennoch: Scherben lassen sich nicht wegdiskutieren, nicht schönreden – oft auch nicht vermeiden. Unser Leben ist wunderschön und zerbrechlich zugleich.

  1. 1.       Adventliche Zusage von Trost und Heilung

Vielleicht ist es die schönste Stelle im Buch des Propheten Jesaja, die uns heute vorgelesen wurde. Es ist die Zusage einer neuen Nähe Gottes, die alle Scherben, Tränen, enttäuschten Hoffnungen und Momente von Ohnmacht aufgreift. Gott selbst wird kommen, um zu trösten, zu heilen und zu befreien – er tut dies in der Gestalt des Messias, des Gesalbten. Von Anfang an haben die Christen diese verheißene Gestalt des Erlösers in Jesus gesehen. In zwei Wochen werden wir seinen Geburtstag feiern und an das Wunder von Betlehem denken: Gott selbst mitten unter uns – angreifbar und berührbar, ein Kind mit leeren Händen, lachend und weinend, selbstbewusst und höchst verletzlich zugleich. Der Trost beginnt immer mit der Zusage von Nähe, diskret und verlässlich. Wer verwundet ist, braucht einen Raum, um sich öffnen zu können, einen Raum, wo die Trostlosigkeit benannt werden darf und sich ganz langsam eine Heilung des verwundeten Herzens vorbereiten kann.

Bei einer Ausstellung in Berlin bin ich auf „Kintsugi“ aufmerksam geworden. Es handelt sich um eine uralte japanische Tradition, kostbare, aber zerbrochene Vasen und Gefäße zu reparieren. Das Besondere: Kintsugi versucht nicht, die augenscheinlichen Makel der Bruchstellen zu verbergen, vielmehr stellt es diese durch die Verwendung von Gold- oder Silberpigmenten im Lack in den Vordergrund – und schafft so eine völlig neue Schönheit und Wertschätzung des ursprünglichen Objekts. Stellen wir uns also heute vor, dass Gott unsere Scherben in die Hände nimmt, und daraus ein neues Gefäß macht, nicht irgendeines anstelle des kaputt gegangenen, sondern dasselbe – mit den Bruchstellen, die nicht übertüncht sind, sondern zur neuen Schönheit beitragen. Die Antwort des Betenden auf die Zusage von Gottes Tröstung im heutigen Jesajatext ist ebenso berührend: „Du kleidest mich in Gewänder des Heils, wie eine Braut schmückst Du mich.“ Fast überschwänglich in der Freude über so viel tröstende Gottes-Nähe.

  1. 2.       Die falschen Erwartungen und Versprechungen

Mich überrascht jedes Mal der Text des Evangeliums, der uns den Täufer Johannes als den letzten und wichtigsten Zeugen vor dem Erscheinen des Messias vorstellt, als Zeugen für das Licht – ohne sich selbst damit zu verwechseln: „Er war nicht selbst das Licht.“ Die höchsten Repräsentanten der Juden befragten Johannes, mehrmals, fast bedrängend. Er aber leugnet dreimal: Nein, ich bin es nicht. Ich bin weder der Christus, also der Gesalbte, auch nicht Elija oder der endzeitliche Prophet, der das Kommen des Messias ankündigt. Damit erweist sich Johannes als der verlässliche Zeuge auf das Licht, das von einem anderen Ursprung kommt, aus einer anderen Quelle. Er maßt sich nicht an, das letztgültige Heil für die Menschen zu sein. Er ruft zur Umkehr auf – ohne falsche Versprechungen. Er weiß natürlich um die aufgeschaukelten Erwartungen des Volkes, er kennt ihre verzweifelten Tränen und Demütigungen aufgrund der Fremdherrschaft im Land.

Oft meinen wir, dass wir über die Erfahrung eines Verlustes oder das Zerbrechen einer Hoffnung leicht drüber kommen. Es sollte rasch gehen, damit alles wieder in Ordnung ist. Aber Nein, alles braucht seine Zeit. Auch das Aushalten der Trostlosigkeit, der Hilflosigkeit und Ohnmacht. Alle Vertröstungen wirken nur kurzfristig und lassen uns mit einem leeren Herzen zurück. Wichtiger ist es, mit jemanden die Scherben anzuschauen, mit jemandem zu sein, der es aushält, keine schnelle Lösung des Problems zu haben – sondern einfach nur da ist. Falsche Versprechungen gibt es genug, scheinbar rasche „Lösungen“. Natürlich sehnen wir uns alle nach einem tollen, Scherben-freien und glücklichen Leben? Aber ist das wirklich Alles? Gehören nicht auch die Mühe, der Schmerz und das Bruchstückhafte zu unserem Leben? Ja! Wirklicher Trost ist mehr als eine Problemlösung.

  1. 3.       Durch die undichten Stellen kommt Gottes Licht

Wie kann man nun Tröstung, Heilung und Neubeginn erfahren – ohne billigen Vertröstungen auf den Leim zu gehen? „Ring the bells that still can ring. Forget your perfect offering. There is a crack in everything, that´s how the light gets in.” Dieser Vers aus dem berühmten Lied “Anthem” von Leonhard Cohen gehört für mich zu den kostbarsten Hinweisen einer trostvollen Spiritualität, die sich auch einer schmerzlichen Wirklichkeit stellt: „In allem gibt es eine Bruchstelle, auf diese Weise kommt das Licht herein.“ Genau jene Momente, die uns peinlich sind, Erfahrungen, die wir am liebsten vergessen würden und schmerzhafte Ereignisse können diese Bruchstellen sein. Wenn wir sie bewusst annehmen und nicht verdrängen, können sie Einfallstore für Gottes Licht sein. Die Sehnsucht nach diesem göttlichen Licht tragen wir jedenfalls alle in uns. Weihnachten ist die Antwort auf diese Sehnsucht.

Das trostvolle Weihnachts-Licht ist keine anonyme Energie, sondern der menschgewordene Gott selbst – Jesus, der Christus. Er hat unsere Schwäche, auch unsere Verletzlichkeit selbst angenommen. Nichts, was uns zustoßen kann, ist ihm fremd – kein Leid und keine Tränen, keine Scherben. Wenn wir in einigen Tagen ganz bewusst seinen Geburtstag feiern, dann kann sich in unserem Leben Neues ereignen. Sein Licht ist heilsam und befreiend. Lassen wir es an den vielen Bruchstellen in unser Innerstes. Es wird uns nicht nur streifen, sondern ganz erfüllen und innerlich bewohnen. Jesus selbst wird uns bewohnen, weil er gekommen ist, „den Armen eine entlastende Botschaft zu bringen und zu heilen, die gebrochenen Herzens sind.“ Die vielen Bruchstellen beginnen durch seine Gegenwart zu leuchten, mindestens so schön wie auf den kostbar reparierten Vasen der Kintsugi-Tradition. 

Predigt von Bischof Hermann Glettler beim Gedenkgottesdienst für Sternenkinder 2019

 

8. Dezember 2019 im Innsbrucker Dom. Lesung: Eph 1,3-6.11-12, Evangelium: Lk 1,26-38 

Ich erinnere mich an die faszinierenden Momente der Stille mit einem Blick in den nächtlichen Sternenhimmel am elterlichen Hof, weit entfernt vom Lichtsmog der Stadt. Aus dem Dunkel des Firmaments traten leuchtende Punkte hervor – ganz geheimnisvoll heben sie das Grundgefühl von Distanz auf, sind unendlich weit entfernt und doch zum Greifen nah. Der strahlende Nachthimmel vermittelt Geborgenheit und Ausgesetzt-sein zugleich. Vielleicht sind das Bilder, die uns helfen, die Schönheit und die Verwundbarkeit des Lebens besser zu verstehen. Am heutigen Festtag steht ein anderer Stern im Mittelpunkt, faszinierend über Jahrtausende hinweg: Maria, die junge Frau aus Nazareth wurde vom ersten Augenblick ihres Daseins an von Gott vor jedem Makel des Bösen bewahrt. Nichts sollte ihr Ja beeinträchtigen. Sie hat es in Freiheit gegeben, sodass Gott Mensch werden konnte. In vielen Hymnen und Lieder wird die Gottesmutter Maria als leuchtender Morgen-Stern besungen.

Das Aufleuchten überrascht
Viele von ihnen haben die Erfahrung vom verheißungsvollen Aufleuchten des Lebens gemacht. Ob Wunschkind und geplant oder auch nicht, in jedem Fall eine große Überraschung. Im Bauch der Mutter wuchs ein Mensch heran, dessen Dasein unendlich viel Licht verbreitet hat. Wie viele Gedanken und Überlegungen – betreffend die Geburt und die Zukunft des kleinen Wesens, das vorläufig nur auf dem Röntgenbild erkennbar ist und bereits so viel Freude entfacht! Ja, es passt das Bild: Ein Stern, dessen Strahlen schon im dunklen Mutterschoß begonnen hat. Woher kam dieses Leuchten? Die Antwort darauf übersteigt unser menschliches Begreifen. Was uns bleibt ist das Staunen über das Wunder Leben. Wir ahnen und wissen, dass Menschsein weit mehr ist als nur das Funktionieren eines biochemischen Apparates. Wir haben eine Herkunft und eine Zukunft beim Urquell des Lebens, den wir Gott nennen. Im hymnischen Text aus dem Epheserbrief hören wir, dass Gott uns alle im Voraus erwählt hat. Er hat uns geliebt schon längst bevor wir fähig waren, auch nur irgendetwas zu tun. Aus Liebe und auf Liebe hin wurden wir Menschen geschaffen. Darin begründet sich das Leuchten – gerade auch jener Sterne, die ihnen geschenkt wurden. 

Das Verlöschen verwundet
Plötzlich ist der ganz besondere Stern verlöscht – auch wenn sein Leuchten tief eingeprägt bleibt. Das Bild lässt die Enttäuschung ahnen, den Schmerz, das Unverständnis, die Hilflosigkeit. Da tröstet es auch wenig, wenn uralte Weisheiten behaupten, dass die kürzer lebenden Sterne umso heller leuchten – übrigens auch im Film „Blade Runner“ von 1982, wenn der Erfinder des Androiden diesem erklärt, dass er doppelt so hell, aber nur halb so lang scheint. Zurück geblieben ist Leere und eine Menge von Fragen und Zweifeln an das Leben und an Gott. Das Verlöschen hat Wunden geschlagen: Ist das gerecht? Gibt es da irgendeinen Sinn? Die anfängliche Fassungslosigkeit verwandelte sich in Wut und dann in eine stille Resignation. Wie geht das weiter? Nochmals dem Leben trauen? Ist dem Leben und Gott überhaupt zu trauen – sind wir nicht vielmehr einem blinden Schicksal ausgeliefert, das Sterne aufleuchten lässt und sie einfach wieder wegwischt. Alles nur ein Spiel, undurchschaubar und unfair? Es fällt mir nicht leicht, in diese schmerzliche Erfahrung hinein eine kleine Tür der Zuversicht aufzumachen. Manche Sterne haben ihr Leuchten nicht eingebüßt, obwohl sie schon längst nicht mehr existieren. Sie sind möglicherweise schon vor 15 oder 20 Millionen Jahren verlöscht, aber ihr Licht ist immer noch zu uns unterwegs. Ich möchte dieses Bild verwenden und drehen: Die Kinder, die ihnen geschenkt wurden, sind für uns nicht mehr sichtbar, aber sie leben bei Gott. Dieses Bild täuscht nicht. Es gibt und bleibt in Gott eine Verbundenheit, die alles Begreifen übersteigt. 

Sterne haben Namen
Ein für mich überzeugender Trost kommt aus einem uralten Gebet des Volkes Israel, dem Psalm 147. Dort heißt es: „Der HERR bestimmt die Zahl der Sterne und ruft sie alle mit Namen.“ Vielleicht fällt ihnen dazu spontan das vertraute Kinderlied ein: „Weißt du wie viel Sternlein stehen?“ Getragen von kindlicher Melodie wird ein großer Zuspruch formuliert: „Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht, eines fehlet - von der ganzen großen Zahl." Das Psalmwort und das Lied laden uns ein, ins Urvertrauen zurück zu kehren, dass nichts und niemand bei Gott verloren geht. Und darüber hinaus, dass Gott jeden Menschen persönlich kennt – im Bild gesprochen: „Er ruft die Sterne alle mit Namen.“ Namenskenntnis bedeutet in der jüdischen Tradition, persönlich gemeint sein, als Person erkannt und in allem wertgeschätzt zu sein. Bei Gott sind wir nicht Nummern und nicht verloren im unendlichen, anonymen Universum. Es ist dies ein Wunder göttlicher Allmacht, Intelligenz und Zuwendung. Ein Wunder angesichts der vielen Milliarden der jetzt lebenden und leuchtenden Sterne, sowie der schon verloschenen. 

 

Langsam wächst Vertrauen 

Gott weiß um die Verwundung unserer Herzen und lässt uns mit diesem Schmerz nicht allein. Ich darf nochmals aus Psalm 147 zitieren: „Er heilt, die gebrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden.“ Vielleicht braucht diese Heilung noch Zeit, es geht nicht auf Knopfdruck und lässt sich auch nicht herbeireden – aber mit der Zeit erneuert sich die Gewissheit, dass das Leben Sinn macht, weil es getragen ist von einer Beziehung, die trägt und den Verlust eines geliebten Sternenkindes nicht zu verdrängen braucht. Alles darf sein. Trauer und auch eine langsam wiederkehrende Lebensfreude. Ich möchte Sie alle, die sie heute mit ihren Lebenspartnern und Familien gekommen sind, der Gottesmutter Maria anvertrauen. Sie ist die zärtliche und starke Mutter – in der Erziehung und Begleitung ihres Sohnes hat sie dies unter Beweis gestellt. Er wurde ihr gewaltsam entrissen, als er auf Golgota hingerichtet wurde. Aber sie hat auch erlebt, wie er als lebendiger Herr von Neuem den Menschen entgegengekommen ist. Maria ist die Mutter der Zuversicht. Ihre Fürsorge und Fürbitte ist sehr kostbar. Mit ihrer zärtlichen Wegbegleitung muss niemand für immer in der Traurigkeit stecken bleiben. Sie hat Ja gesagt zu einer ungewissen Zukunft. Sie erbittet uns allen die Gnade, Ja zum Leben zu sagen, wie auch immer es sich
zeigt – wunderschön und zerbrechlich zugleich.