Aus Fremden wurden Freunde

In einem Beitrag für „notae – Historische Notizen zur Diözese Innsbruck" stellt die Politikwissenschaftlerin und Caritas-Mitarbeiterin Gisella Schiestl eindrucksvoll den Einsatz der Kirche für Flüchtlinge seit 1945 dar. In einem Interview mit Gilbert Rosenkranz für den Tiroler Sonntag beantwortet sie uns interessante Fragen zu diesem Thema.

Tiroler Sonntag: Sie haben sich wissenschaftlich mit der Flüchtlingshilfe der Kirche in Tirol seit 1945 auseinandergesetzt. Man hat den Eindruck, trotz großer Armut war die Bereitschaft zum Helfen immer sehr groß. 

Gisella Schiestl: Ja, man muss sich vorstellen, nach dem Krieg waren 100.000 Fremde im Land – in einer Zeit der größten Not, in einer Zeit des größten Elends. Aber es gab viel Solidarität untereinander. Auch 1956, als tausende Ungarn-Flüchtlinge, darunter viele Schüler, nach Tirol kamen. Zeitzeugen berichteten mir immer wieder von sehr persönlichen und berührenden Begegnungen. Aus Fremden, denen man Hilfe bot, wurden nicht selten Freunde fürs Leben.

 

Zwischen 1945 und 1955 gab es tausende Flüchtlinge in Tirol. Wie hat die Kirche damals geholfen? 

Die Flüchtlingshilfe war eine Kernaufgabe der Kirche in der Nachkriegszeit: ein Suchdienst für Vermisste wurde eingerichtet, tägliche Mittagessen ausgegeben, Wohnräume geschaffen, Sammlungen, Verteilaktionen  und Ferienlager durchgeführt.

 

Die Kirche war in den Jahrzehnten nach dem Krieg stark in der Gesellschaftspolitik engagiert. Woher rührte dieses Bewusstsein? 

Ohne gemeinsame Anstrengungen von Besatzungsmächten, Politik, Kirche und Bevölkerung wäre die Herausforderung nach dem Krieg wohl nicht zu bewältigen gewesen. Besonders wichtig war auch die Unterstützung aus dem Ausland. Der damalige Caritasdirektor Josef Steinkelderer hatte sehr gute Auslandskontakte und verfügte über ein hohes diplomatisches Geschick. Auch Bischof Paulus Rusch war bekannt für seinen Einsatz für die Jugend, die Arbeiter, den sozialen Wohnbau, die Entwicklungszusammenarbeit. 

 

Wie erleben Sie als Mitarbeiterin der Caritas und in der Pfarre heute die Bereitschaft zum Teilen?  

Nächstenliebe kennt Gott sei Dank keine Grenzen. In Krisenzeiten und bei Katastrophen ist auch heute die Bereitschaft, Menschen in Not zu helfen, immer wieder sehr groß – sei dies mit Geldspenden, aber auch mit Zeitspenden. 

 

„Wohnbau ist Dombau“ war einer der prägenden Worte der damaligen Zeit. Was hat die Kirche damals konkret geleistet? 

Nach dem Krieg war die Wohnungsnot groß. Zum Heiligen Jahr 1950 rief Bischof Paulus Rusch zum Bau einer Heiligjahrsiedlung auf. Viele Freiwillige waren im Einsatz. Bei der ersten Caritas-Haussammlung im März 1950 wurde für das Wohnbau-Sonderprojekt gesammelt. Auch für den Bau der Siedlung Frieden in Völs Anfang der 1950er Jahre galt: „Wohnbau ist Dombau, denn Christus lebt im Notleidenden“.

Gisella Schiestl