Ein syrisches Kochbuch

Gemeinsames Kochen und Essen bedeutet Zusammengehörigkeit, ist Austausch und Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen. Jeder Kulturkreis hat seine eigenen Gerichte: Speisen, die von Kindheitserinnerungen erzählen, von Festtagen und von Erlebnissen in der Familie und im Kreis der Verwandten und Freunde.

Syrische Flüchtlinge aus dem Flüchtlingshaus Mülln haben ein Rezeptbuch mit ihren Lieblingsgerichten zusammengestellt. Sie erzählen darin aber auch ihre persönliche Geschichten. Es sind Geschichten, die zeigen, welche Strapazen sie auf sich genommen haben, um Krieg, Hunger und Terror zu entkommen. 

Beim Kochen über die Schulter geschaut und ihren Erzählungen zugehört hat Brigitte Trinka, eine ehemalige ORF-Journalistin und Schauspielerin.

Flüchltinge im Widum Reutte

In vielen Gemeinden des Bezirkes Reutte, sogar im kleinen Weiler Gramais, in einem Seitental des Lechtals gelegen, konnten Flüchtlingsfamilien und auch Einzelpersonen eine neue Unterkunft finden. Unterstützt und begleitet werden und wurden sie von Nicke Rea und Barbara Heinrich, die das Flüchtlingsheim Kreckelmoos in Breitenwang betreuen.

Im Widum von Wängle teilen sich eine 4-köpfige Familie aus Mazedonien und eine ebenso 4-köpfige Familie aus Syrien eine schöne, geräumige Wohnung. In einer der vergangenen Ausgabe der Frauenzeitschrift WOMAN  ist eine sehr interessante Reportage über die syrische Familie nachzulesen. Israa war mit ihren beiden Kindern in Traiskichen, ihr Mann Mahmud saß währenddessen noch in der Türkei fest, als eine Journalistin von WOMAN  auf die Frau aufmerksam wurde. Ihr Schicksal ließ sie nicht mehr los, und so verfolgte sie ihre Spur von Wien bis  nach Wängle. Das Interview mit Israa und Mahmud zeigt, welche Strapazen und gefährliche Wege Menschen auf sich zu nehmen bereit sind, wenn ihr Leben in der Heimat bedroht ist. Und es war hochgradig bedroht, denn die Alternativen zur Flucht waren, entweder dem IS beizutreten oder jeden Moment damit rechnen zu müssen, dass die Familie erschossen oder geköpft wird. 

Begegnungsfest im Flüchtlingsheim 

Am 17. September fand ein " Begegnungsfest" im Kreckelmoos statt, bei dem Dekan Franz Neuner, der auch Mitglied des Unterstützungsvereins für Asylwerber und -berechtigte ist, die Kleiderkammer einweihte.   Auch viele ehrenamtliche Helfer engagieren sich für die Flüchtlinge und werden ihrerseits gut betreut. Das Freiwilligenzentrum Außerfern organisiert gemeinsam mit Nick Rea und Barbara Heinrich regelmäßig Treffen im Widum Breitenwang oder im Pfarrstadel, bei denen sich die Ehrenamtlichen austauschen, Rat holen, Probleme von der Seele reden oder einfach nur gemütlich beisammen sein können. 

Dekan Franz Neuner hat im Rahmen eines Begegnungsfestes die Kleiderkammer im Flüchtlingsheim Kreckelmoos in Breitenwang gesegnet. Foto: weltvi-asyl-in-reutte.

Hausgemeinschaft Widum Inzing

Pfarrer Andreas Tausch hat schon viele Flüchtlinge in seinem Inzinger Widum beherbergt. Zur Zeit leben dort Menschen aus Armenien und Tschetschenien. Pfarrer Tausch erzählt von einem berührenden Erlebnis bei einer Taufe und davon, wie er mit der Hausgemeinschaft Weihnachten feiern wird.

Der Segen von Yeghigyan 

Am Samstag, bei der Taufe von Magdalena habe ich Yeghigyan gebeten zu ministrieren. Er stammt aus Armenien und ist mit seinen Eltern und seinen zwei jüngeren Brüdern erst am Vortag angekommen und im Pfarramt eingezogen.

In der der Taufliturgie lade ich  die Angehörigen ein, das Kind zu segnen.Manche verbinden das mit einem Gebet und guten Wünschen, und das dauert das eine Weile. Im Hintergrund wird oft noch ein längeres Lied gesungen.

Der Segen war aus, und das Lied noch nicht. Ich habe Yeghigyan gebeten, auch das Kind zu segnen, und er hat es mit großer Freude getan. Bei diesem Bild sind mir ein paar Gedanken durch den Kopf gegangen:

Ein Mensch wird zum Segen, wenn er eine Aufgabe bekommt, wenn er ernst genommen wird,  wenn wir ihn einbeziehen in unser Leben. Wir kennen das in vielen Bereichen. Umgekehrt wissen wir auch wie leicht Menschen aggressiv werden, wenn sie sich überflüssig fühlen, wenn sie keine Aufgaben, keine Arbeit finden können.

 

Machen wir uns heute bewusst:
Wo habe ich eine Aufgabe?
Wo kann ich zum Segen werden? 

Wo fühle ich mich überflüssig?

Wo darf ich anderen Menschen zu einer Aufgabe führen,
wo kann ich ihnen beistehen zu ihrem Sinn zu finden. 

Pfarrer Andreas Tausch hat den Widum in Inzing für Flüchtlinge geöffnet.

Ein erfolgreicher Lehrabschluss

Adlan Yasaev ist 23 Jahre alt. Der gebürtige Tschetschene hat vor kurzem seine Lehre bei der Ing. Berger + Brunner Bauges.m.b.H. in Inzing mit ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen.

Daheim in Tschetschenien konnte Adlan nur für eineinhalb Jahre die Schule besuchen, da die Gebäude wegen des Bürgerkrieges immer wieder weggebombt wurden Die Familie Adlan (Mutter, Vater und zwei Söhne) ist dann weitergezogen, der Krieg ist jedoch nachgekommen.
Seine Mutter und sein älterer Bruder flüchteten zuerst, Adlan  wenig später mit seinem Vater. Zu Fuß sind sie von Polen nach Tschechien, dann ein Stück mit dem Zug und anschließend wieder zu Fuß weiter ins Burgenland geflüchtet (Ankunft ca. April 2005). Dort blieben sie etwa 2 Monate, bevor es ins Flüchtlingsheim Reichenau nach Tirolweiterging.
Adlan hatte anfangs einen Job als Kellner, bis er eine Baustelle der Ing. Berger + Brunner Bauges.m.b.H. entdeckte und sich für diese Arbeiten interessierte. Er stellte sich bei der Firma vor und konnte innerhalb kurzer Zeit nach seiner Einstellung durch Oberbauleiter, Ing. Markus Grünauer und Betriebsleiter, Ing. Otmar Gredler als Lehrling auf der Baustelle „IKB-Kanalanlage Sillmündung“ starten. Sein Lehrlingsausbilder, Christian Lehmann, kümmerte sich von Anfang an um Adlan und unterstützte ihn beim Lernen, sowie bei allen anderen offenen Fragen. Ohne die Hilfe von Christian hätte Adlan es nicht so weit geschafft.
Seit Anfang 2015 lebt Adlan mit Freunden in einer Wohngemeinschaft, seine Familie ist nach Kärnten gezogen. Adlan hat heuer einen Pass beantragt und hofft, dass er diesen bekommt und bleiben kann – für immer. 

Was ist "Nexta"?

Agathe Pöschl vom Pettnauer Freundeskreis für Flüchtlinge erzählt von einem Erlebnis mit einem jungen Syrer.

Schönheitswettbewerb wird er keinen gewinnen, aber bei einem Millionenquiz hätte er gute Chancen zu gewinnen. Ali, der junge Syrer, hat nie eine Schule besucht, aber er ist echt clever. Sein Deutsch ist schon recht gut. Auf der Straße gelernt, sagt er. Wir haben stundenlang in der Kleiderausgabe der Caritas nach passenden Schuhen und Hosen gesucht. Nun sitze ich ziemlich erschöpft im Auto. Ich fahre los und Ali fragt mich: „Wer bezahlt dich für diese Arbeit? Wie? Niemand? Du bekommst nicht einmal Benzin bezahlt? Nein?

Dann - Warum machst du das? Weil es notwendig ist?

Jaja, ich brauch Kleidung, aber ich meine ja nicht nur Kleidersuchen. Ich meine alles, was du machst. Anmelden bei Gemeinde, Mietvertrag, Formulare ausfüllen – so viel Zeit, warum tust du das alles?“

„ Naja, es gibt für mich als Christin nur ein Gebot.“ „Wie heißt das?“ „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus ganzem Herzen und deinen Nächsten als dich selbst.“ „Was is das: Nexta?“ „Hm, die gleiche Frage haben die Freunde von Jesus auch gestellt. Sie haben auch gefragt: Wer ist mein Nächster? Jesus hat ihnen als Antwort eine Geschichte erzählt.“

„Kannst du mir Geschichte erzählen? “

„Ein Mann ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber….. „ Nachdem ich geendet habe, ist es kurz still. „Erzähl Geschichte noch einmal, bitte!“ Inzwischen sind wir vor seinem Wohnhaus angekommen. Ali steigt nicht aus. Er fasst zusammen: „Also, ich habe verstanden: Räuber, das ist Banditen. Stimmt? Nehmen alle Sachen weg. Schlagen Mann halbtot. Kommt Priester. Was das? Imam? Geht vorbei. Lässt Halbtote liegen. Kommt Levit. Was das? Diener im Tempel? Ah!“  Ali murmelt ein arabisches Wort und dann: „Kommt Samariter. Was das?“ Ein Mann aus Samaria, ein Ungläubiger, ein Fremder, ein Feind. „Ein Feind! Wie Assad oder IS? Nix Kopf ab? Hebt Halbtote auf, bringt auf Esel in Asyl, bezahlt Essen und Medizin? “

„Ja, weißt du jetzt, wer der Nächste ist?“ „Gute Geschichte!“ ruft Ali begeistert aus. „ Ich, bitte, ich dein Nexta! Du auch mal Hilfe brauchst, ich dein Nexta!“

„Sehr gerne.“                                                                                   

(So geschehen in Innsbruck am 2. Februar 2016) 

Begegnungsfest in Matrei am Brenner

Anna Radtke und Rosmarie Obojes berichten vom Begegnungsfest im Rathaussaal in Matrei am Brenner.

Ein erster warmer Frühlingstag, nachmittags 16 Uhr. Wer hat da schon Lust auf ein Begegnungsfest? Mehr Menschen als im Rathaussaal Matrei Platz haben! Warum wir gekommen sind? Um die Flüchtlinge zu treffen und kennenzulernen, die bei uns in Matrei und Umgebung wohnen. Der erste Blick neben der Eingangstür: eine Pyramide aus über 300 kleinen, viereckigen Mini-Nuss-Blätterteig-Taschen, handgeformt von einem syrischen Konditormeister aus Pfons. „Die schmecken ja super, diese kleinen Dinger“ sage ich zu ihm. Fragend schaut er mich an, weil deutsch kann er noch nicht viel, also zeige ich ihm Daumen hoch. Und da ist es, das Lächeln, immer noch der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen.

Und dann geht es los, die Leute nehmen im Saal Platz, Rosmarie vom Begegnungsforum eröffnet den Nachmittag. Bürgermeister Hauser Paul richtet einen sehr herzlichen Willkommensgruß an die neuen Bewohner, die ihre schöne Heimat sicher nicht leichtfertig verlassen haben. Danach erzählt Achmed seine Fluchtgeschichte. Von der Nacht auf dem Mittelmeer, als der Motor des völlig überladenen Gummiboots plötzlich versagte. Von der Gewissheit, dass das sicher das Ende sei, von der Erleichterung als der Motor wieder anging, und von dem wahnsinnigen Mut es am nächsten Tag trotzdem wieder zu versuchen. Warum er seine Frau in Syrien ließ, fragt jemand aus dem Publikum. Weil er sich verantwortlich fühlt. Er will ihr Leben nicht aufs Spiel setzten, kann es nicht. „Kraft ist, wenn du lächelst, obwohl dir die Tränen in den Augen stehen.“, sagt er und lächelt.

Als Nächstes berichtet Muthana über sein Land, den Irak. Als Journalist analysiert er die politischen Geschehnisse. Die Amerikaner, das Öl, verschiedene Regime, Pseudodemokratien, von außen auferlegt statt von innen gewachsen. Leute, die rebellieren, die ihre Meinung sagen, verschwinden. So auch sein Schwager. Seither kümmerte er sich um seine Schwester und ihre Kinder und schickt ihr einen Teil von dem wenigen Taschengeld. Der aussichtslos scheinende Kampf gegen die Ungerechtigkeit hat ihn nach Europa getrieben. Er ist nicht gekommen wegen Österreichs Wirtschaft, er ist gekommen, um nicht plötzlich von der Straße zu verschwinden.

Aber, wie begegnet man so viel Tragik und Ungerechtigkeit? Mit ESSEN und TANZEN! Das Buffet wird geplündert. Die  syrischen Falafelköche verarbeiten 3 kg Kichererbsen welche im Nu ausverkauft sind, der orientalische Hibiskus-Eistee ist der große Renner, aber auch die Krapfen von Rosi gehen weg wie warme Semmeln. Und statt dann am Buffet Schlange zu stehen, fangen die Syrer an zu tanzen. Immer mehr Einheimische mischen sich in den syrischen Kreis. Als  dann die Matreier Brauchtumsgruppe nach ihrer Vorführung zum Tanz einlädt, ist die Bühne so voll, dass kein weiterer syrischer oder tiroler Polkafan mehr Platz hat. Und wer bis dahin noch glaubte die arabischen Männer hätten ein Problem mit Frauen zu tanzen, merkt spätestens jetzt, es sind alles ganz normale Leute. Wir danken allen Besuchern für ihre Neugier und Begeisterungsfähigkeit und allen die zum guten Gelingen des Festes beigetragen haben!

Das Begegnungsforum bietet monatlich die Gelegenheit zum Kennenlernen und Austausch im Jugendzentrum. Die Termine sind auf der Gottesdienstordnung und auf der hompage der Pfarre Matrei angekündigt. Informationen unter: begegnungsforum@gmx.at.